18.01.2005 · Walter Ernsting nannte sich als Schriftsteller Clark Darlton: Einen deutschen Namen hätte die Leserschaft, auf die er zielte, kaum akzeptiert. Nun ist der Mitschöpfer der Science-Fiction-Reihe „Perry Rhodan“ gestorben.
Von Dietmar DathDie Erzählhandlung eines seiner bizarrsten, kühnsten, im besten Sinne des Wortes romantischsten Texte, des Romans „Sturz in die Ewigkeit“, spielt buchstäblich überall und jederzeit: Der vierte Band der Reihe „Perry Rhodan Planetenromane“, in welcher die Autoren der Heftromanserie ihre durch die Grenzen des billigen Muttermediums eingezwängten Schwingen ausbreiten und den Kosmos als ewiges Wundermeer wie endlose Schmerzensnacht erforschen durften, führt die durch einen Unfall von ihrem Körper getrennte Seele des „Teletemporariers“ Ernst Ellert in Zukunft und Vergangenheit zahlloser Welten, läßt ihn erfahren, wie es sich von innen anfühlt, ein nichtmenschliches Intelligenzwesen zu sein, und beschert ihm das unmittelbare Erlebnis der Geburt unseres Universums.
Der 1920 geborene Walter Ernsting, der sich als Schriftsteller bald nach dem Zweiten Weltkrieg Clark Darlton und manchmal auch F. MacPatterson nannte, weil die anfänglich exklusiv von Leihbuchmarkt und Heftserienkundenstamm getragene deutsche Science-fiction-Szene einen deutschen Autorennamen unter ihren Geschichteningenieuren wohl nicht ertragen hätte, schuf in den fünfziger und sechziger Jahren zunächst als Redakteur der Reihen „Utopia-Magazin“ und „Terra-Sonderband“ und dann, zusammen mit K.-H. Scheer, als Miterfinder des langlebigen, wöchentlich erscheinenden „Perry Rhodan“-Pop-Epos eine Kultur mit, die heute zwischen Rollenspiel, Cyberpunk und DVD-Editionen diverser „Star Trek“-Tochtershows die Generation Ernstings nicht deutlicher gegenwärtig hält als die Klagenfurter Wettleser das Erbe der Gruppe 47.
Kosmopolitischer Eskapismus
Was Scheer und Ernsting, „Handgranaten-Herbert“ und „Großadministrator-Clark“, sich damals ausgedacht haben, ist als Ferment in den Mutterboden eines hier immer noch dringend benötigten kosmopolitischen Eskapismus eingegangen: Wer damals als deutschsprachiger Phantast ins All strebte, hatte immerhin begriffen, was hochoffiziöse Kulturträger unter seinen Landsleuten erst Jahrzehnte später lernen sollten, nämlich daß die historischen Übel des zwanzigsten Jahrhunderts viel mit einer eurozentrischen Weltsicht zu tun hatten, die partikularistisch im eigenen Saft schmorte und nur durch den widerspruchsreichen Import des amerikanischen Kulturimperialismus noch mal vom Ächzen und Klagen entwöhnt und erneut zum Ausspinnen von Menschheitsträumen erzogen werden konnte.
Wie schon bei der Verwandlung von Rock 'n' Roll und Kino in europäische Sub- und Gegenkulturen waren es vor allem die „produktiven Mißverständnisse“ (Diedrich Diederichsen), die aus der Kreuzung alteuropäischer großer Rosinen und amerikanischer Astronautik neuen Spekulationsstoff machten. „Perry Rhodan“ oder „Clark Darlton“ - das sind eben keine amerikanischen Namen, sondern Zauberworte deutscher Heterotopie, Klänge des steileren, gewagteren technoromantischen Lebens hinter der nächsten Sternenkreuzung. Das echte Amerika ist viel miefiger; hätte der Mann jedoch „Perry Kerry“ oder „Perry Rumsfeld“ geheißen, wer hätte etwas über ihn lesen mögen? Jetzt ist der Erfinder des Serien- und Sehnsuchtsnamens vierundachtzigjährig in Salzburg gestorben.