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PEN-Literatur-Festival : Schreiben, um das Leben zu ertragen

Ganz New York im Bann von Herta Müller: Die Schriftstellerin, deren Fans geduldig Schlange standen, trifft im Goethe-Institut Salman Rushdie Bild: JC McIlwaine

Wo Politik zum guten Ton gehört und Herta Müller ihre verspätete amerikanische Ehrenrunde beginnt: Das New Yorker PEN-Festival unterstützt literarische Offenheit.

          Eine ganz einfache Frage. Was, will der schreibende Gast von seinem schreibenden Gastgeber plötzlich wissen, wäre er bereit, für seine Arbeit aufs Spiel zu setzen? Dem Gastgeber Mike Daisey, einem amerikanischen Bühnenmonologisten, der die unmenschlichen Produktionsbedingungen der Wundergeräte der Firma Apple angeprangert hatte und dabei mit seiner Verquickung von Fakt und Fiktion in die Kritik geraten war, verschlägt es kurz die Sprache. Er murmelt schließlich: „meinen Ruf“. Worauf der Gast, der iranische Schriftsteller Mahmoud Dowlatabadi, sagt: „Bei uns war es der Tod.“

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Der eine fürchtet um seinen Ruf, der andere um sein Leben. Wenn das auf keinen „Clash of Civilizations“ verweist! Es dürfte aber auch keinen besseren Grund für das PEN World Voices Festival of International Literature geben. Denn vor acht Jahren ins Leben gerufen, als Amerika sich unter einem selbstherrlichen Präsidenten von der Welt abzukappen drohte, hat die Veranstaltung es sich zum Ziel gesetzt, zumindest literarisch für offene Grenzen zu sorgen. In seiner neuesten Auflage war das Festival zum Großereignis angewachsen, das mehr als hundert Autoren aus nah und vor allem fern nach New York brachte und sich über die Stadt von Harlem bis Brooklyn, vom MoMA bis zum Freilufttheater auf der High Line ausbreitete.

          Die digitale Version war ein Thema

          Wie New Yorker Museen sich immer häufiger als Veranstalter von Konzerten, Tanzabenden und Performances empfehlen, so verknüpfte nun auch das PEN-Festival die Literatur mit manch außerliterarischer Übung. Über die gewohnten Lesungen und Podiumsgespräche hinaus bot sich die Gelegenheit, mit einer Theatertruppe ein Stück zu erarbeiten, in die aleatorischen Fußstapfen von John Cage zu steigen, in eine Prozession von „bibliomorphen“ Puppen, also einer Art wandelnder Bücher, zu geraten oder eine aus dem Nachlass von Anthony Burgess zusammenkomponierte „Clockwork Orange Operetta“ zu erleben. Alles vielleicht doch etwas viel Show? Wer mäkeln wollte, bekam von den Festivalleitern, unter ihnen der omnipräsente Salman Rushdie, bereits im Programmheft zu lesen: „Literatur ist mehr als das Buch, ist ureigentlich das Fundament für alles, was von Bedeutung ist.“

          Fürwahr ein nobler Anspruch und Vorsatz, allerdings, wie es scheint, nicht leicht in die festivaltaugliche Tat umzusetzen. Aber gut, es wurde ja auch nicht überall Partylaune versprochen. Kindersoldaten, die Schwarzen Panther, Sufidichtung, Übersetzungs- und Urheberrechtsprobleme brachte das PEN-Festival in einer Informationsflut unter, deren digitale Version selbstredend auch ein Thema war. Daniel Kehlmann gab Auskunft über den Ruhm, Peter Schneider war auf der Schriftstellersafari anzutreffen. Dowlatabadi, der freimütige Gast aus Teheran, stellte seine Frage nach der Opferbereitschaft des Schriftstellers an einem Nachmittag, an dem es um globale Protestbewegungen ging und um die Rolle, die dabei Literatur und Theater zu spielen haben - wenn es für sie überhaupt noch eine Rolle als Aktivisten gibt.

          Ein amerikanischen Bühnenmonologisten: Gastgeber Mike Daisey
          Ein amerikanischen Bühnenmonologisten: Gastgeber Mike Daisey : Bild: dapd

          Während die New Yorker Polizei wieder einmal Hubschrauber über Demonstrationen von Occupy Wall Street kreisen ließ, saßen Schriftsteller und Dramatiker beieinander, um über ihre Aufgabe und ihren Beitrag zu den Protesten zu debattieren. Immerhin blieb die Ironie der Lage ihnen nicht verborgen. Das Buch als aktuelles Massenmedium? Geschenkt, es gibt inzwischen flotter reagierende Instrumente. Mit welcher Wucht aber, mit welch emotionalem Mut und tief berührender Klarheit es eine vergangene, weit entfernte Welt ins Hier und Heute heraufbeschwören und darüber existentielle Einsichten in die Wirklichkeit politischer Systeme und ihrer Folgen bereithalten kann, war auch zu erfahren, nämlich von Herta Müller.

          Seit einem guten Jahrzehnt war sie nicht mehr in New York gewesen, und so gehörten die ersten amerikanischen Auftritte der Nobelpreisträgerin im Deutschen Haus der New York University und im traditionsreichen Saal des 92nd StreetY auch zu einer verspäteten Ehrenrunde, die sie noch in Chicago, Boston, Washington und am Dickinson College in Carlisle, Pennsylvania, fortsetzen wird. Für „The Hunger Angel“, die soeben erschienene Übersetzung von „Atemschaukel“, feiert die „New York Review of Books“ sie jetzt als Autorin, die große Emotionen durch eine hochentwickelte, bilderreiche und oft expressionistische Prosa freisetze.

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