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Pen-Kongreß Als Hochhuth sich einmal nackt ausziehen wollte

 ·  Der Berliner Pen-Kongreß trug den Titel „Schreiben in friedloser Welt“. Kein Wunder, daß Literatur gegen das Böse im Mittelpunkt stand. Allerdings gibt es gerade in Regionen, in denen das Böse herrscht, keine Literatur.

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Mit bittersüßem Schmelz dichtet die junge Ungarin Anna T. Szabo, der György Konrad auf einer Veranstaltung des internationalen Pen-Kongresses in der vergangenen Woche eine große lyrische Zukunft vorhersagte: „Jammert nur und weint / mit allen euren Tränen / Jammert nur und weint / Bis euch die Tränen fehlen.“ Klingt so die große Melancholie der Pannonischen Ebene?

Jammern und Weinen war ansonsten nicht die Sache dieses Kongresses, auch wenn es an Anlaß dazu nicht fehlt. Statt dessen gab es in Berlin, wo sich der Pen zum letzen Mal 1926 getroffen hat, viele sachliche Komitee-Sitzungen hinter verschlossenen Türen, bei denen die Lage inhaftierter und schikanierter Autoren besprochen wurde - zweihundert sollen es weltweit derzeit sein, die Strafen von über 20 Jahren abbüßen, tausend sind von ernsthaften Sanktionen bedroht.

Der Kongreß war also zunächst einmal die große Arbeitstagung einer weltweit tätigen Schriftstellerorganisation, die sich in ihrer Charta den ehrenwerten Idealen der Meinungsfreiheit und Völkerverständigung verpflichtet hat.

Lesungen als Pflichtübung

Politisches Engagement von Schriftstellern kann sich allerdings allein durch die Qualität der literarischen Arbeit legitimieren. Deshalb ist es nur konsequent, daß der Kongreß im öffentlichen Begleitprogramm solche Qualität auch ausstellt. Über fünfzig renommierte Autoren aus allen Teilen der Welt waren eingeladen, aus ihren Werken vorzutragen, darunter Per Olov Enquist, Margriet de Moor, Viktor Jerofejew und Bei Dao. Lesungen entwickeln vor allem dann Reiz, wenn ein Autor mehr zu bieten hat als den mitgebrachten Text.

Dies war bei der Schottin A. L. Kennedy der Fall, die mit einem Kompliment an ihre deutschen Leser begann, um dann ausgiebig ihren Übersetzer Ingo Herzke zu loben, der die Bücher offenbar stark gegenüber dem Original verbessere, wie die Autorin mit Neigung zur Stand-up-Comedy scherzte. Sie überließ es dem Publikum, zu entscheiden, ob es etwas Romantisches oder etwas Komisches hören wolle. Dann las sie (“Give us funny!“) eine Geschichte vor über Käsewürfel.

Wenige Stunden später, bei der „Langen Nacht“ der Literaturen der Welt, bot sie eine Kostprobe aus ihrem im kommenden Jahr erscheinenden Roman über einen Bomberpiloten des Zweiten Weltkriegs. Verglichen mit Kennedys Auftritt, nahmen sich viele andere Lesungen wie Pflichtübungen aus. Manchmal tut es weh, Dichtern bei der Selbstverstümmelung ihres Werkes zuzuhören - wenn sie aus gutem Willen mäßige Übersetzungen radebrechend vortragen.

Rebell für sich allein

Günter Grass hatte in seiner Eröffnungsrede kraftvolle Worte gefunden und seine Liebe zur barocken Dichtung des Dreißigjährigen Krieges reaktiviert, um den heutigen Kriegsherren im Irak die Leviten zu lesen. Diese Rede wurde etwa so begrüßt wie das letzte Album der Rolling Stones: Man freut sich, daß die Alten noch rocken können, auch wenn sie vor drei bis vier Jahrzehnten überzeugender geklungen haben. Der Zorn über Bush eint derzeit die Kulturschaffenden dieser Welt, und was einem Neil Young recht ist, kann Grass nur billig sein.

Aber vielleicht sollte er nicht so tun, als würden alle außer ihm und Harold Pinter die Augen verschließen. Jedenfalls hatte sein Rebellentum eine sichere Mehrheit hinter sich, wie die „Bravo!“- und „Da capo!“-Rufe bewiesen. Als Rebell ganz für sich allein dagegen stand Rolf Hochhuth ein bei der Begegnung von Geist und Macht im Kanzleramt. Schon die Prozedur der Einlaßkontrolle schien ihn unmäßig zu reizen. Unter Heinemann habe es solche Schikanen nicht gegeben! Als dann der Detektor wiederholt anschlug, schmähte er die Republik mit krassen, hier nicht wiederzugebenden Worten.

„Soll ich mich nackt ausziehen!“ schrie der Autor, der kürzlich seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hat. Und: „Eine Schande, daß wir zu diesem Empfang gehen.“ „Bleiben Sie vernünftig!“ mahnte das Wachpersonal. Worauf Hochhuth, nach Atem ringend, entgegnete: „Sie wollen mir die Vernunft absprechen?“ Wenig später, am Getränkeausschank, schien sich der Mann ohne Land wieder beruhigt zu haben. Bei der Rede Angela Merkels packte ihn jedoch erneut die Wut: „Ich versteh' kein Wort“, zischte er, ging unruhig herum und raunte diesem oder jenem „Es ist eine Frechheit!“ ins Ohr.

Bedrückende Zustandsberichte aus der Welt

Tatsächlich war von Frau Merkels Rede dank einer bemerkenswert schlechten Akustik nur die Hälfte zu verstehen. Die hohe Erwartbarkeit dessen, was gesagt wurde, machte es den Zuhörern jedoch leicht, sich den Rest zusammenzureimen. Auch die Bundesregierung ist demnach, beruhigend zu wissen, für die Freiheit des Wortes und gegen die Schikanierung von Schriftstellern. Liberalität ist uns so selbstverständlich geworden, daß sie unvermeidlich floskelhaft klingt.

Leicht vergessen wir, wie viele Regime es gibt, die Schriftstellern nach dem Motto begegnen: Zerbrecht das Thermometer, und ihr werdet kein Fieber mehr haben! Zum Beispiel in Afrika: Dem „geschundenen Kontinent“ war eine eigene Veranstaltung im Berliner Ensemble gewidmet, bei der die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer eine Rede hielt. Die Grande Dame der südafrikanischen Literatur kämpft heute gegen die mentale Verwahrlosung durch elektronische Medien, „Hollywood-Gangster-Movies“ und Comics.

Gute alte Kulturkritik also, die man, aus diesem ehrwürdigen Munde vorgebracht, abnicken mochte wie die bedauerliche Wahrheit, daß weltweit immer noch mehr Waffen als Bücher angeschafft werden. Bedrückend war Gordimers Zustandsbericht über die literarische Infrastruktur in Südafrika - kaum öffentliche Bibliotheken, die Bücher viel zu teuer. Für Schriftsteller ist das möglicherweise entmutigender als manche humanitäre Katastrophe.

Afrikas Katastrophen in der Literatur

Sie „verdanke“ ihre Werke der Apartheid, sagte Kulturstaatsminister Neumann zu Gordimer. Wenn das eine gedankenlose Formulierung war, dann hatte sie doch einen treffenden Hintersinn. Die Schriftsteller, die alle das Gute wollen, profitieren auf subtilste Weise von den Schrecken dieser Welt. Es ist dies das große Paradox der Literatur, von dem auch Grass wußte, als er in der abgründigsten Passage seiner Rede von den Autoren als „Leichenfledderern“ sprach.

Von daher wird auch die Frage eine Antwort finden, die derzeit afrikanische Literaturdebatten bestimmt: Kann es ein Schreiben nach Ruanda geben? Veronique Tadjo von der Elfenbeinküste und der Kenianer Meja Mwangi berichteten von einem literarischen Projekt, bei dem sich Schriftsteller auf den Spuren des Grauens an die Orte des Völkermords begeben haben. Mwangi konnte seinen Text darüber bis heute nicht fertigstellen. Wenn er die Schublade öffne, falle ihn das Manuskript an wie ein „räudiger, neurotischer Hund“.

Der Kameruner Patrice Nganang ist allerdings der Auffassung, afrikanische Schriftsteller dürften sich nicht beschränken auf eine Katastrophenbeschreibungsliteratur, die im blutrünstigen Diktator und im Kindersoldaten die emblematischen Figuren der Epoche finde. Nganang plädiert statt dessen für ein „präemptives“ Schreiben, das sich als Variante des Musilschen Möglichkeitssinnes verstehen läßt - beruhend auf der Überzeugung, daß Geschichte immer auch anders verlaufen kann, selbst wenn sie sich bis auf weiteres als Teufelskreis gebärdet.

Dem Bösen trotzen

Die zentrale Essay-Konferenz zum Kongreß-Thema „Schreiben in friedloser Welt“ beschäftigte sich mit der politischen Rolle des Schriftstellers. Während sich Grass und der deutsche Pen-Präsident Johano Strasser unverdrossen zum Engagement bekennen, waren die Autoren Osteuropas auf Entmutigung gestimmt. „Schreiben allein macht die Welt nicht friedlich“, so der Pole Adam Krzeminski; im Gegenteil sei die Reihe dichtender Diktatoren und Massenmörder nicht gerade kurz.

Auch wenn es - zur Ehre der Literatur darf es gesagt werden - regelmäßig eher schlechte Dichter waren. „Der engagierte Schriftsteller - welch eine Institution war das im vergangenen Jahrhundert!“ meinte Krzeminski, um anschließend deren rapiden Bedeutungsverlust festzustellen. Die „Gralshüter der humanitären Werte“ hätten sich in Osteuropa zu oft durch ihre „Handlangerdienste“ für die totalitären Mächte kompromittiert. In den öffentlichen Debatten seien die Schriftsteller inzwischen kaum noch präsent - ihnen bleibe allenfalls die Klatschkolumne.

Mit Literatur dem Bösen trotzen? „Heute bin ich der Ansicht, daß das eine irrsinnig optimistische Ansicht ist, ein barocker Einfall“, meinte auch Bora Cosic. Der bittere Spötter beschrieb Jugoslawien mit seiner abgemilderten Variante des Sozialismus als „leharschen Weg zum Kommunismus“. Gerade deshalb habe es sich um ein besonders stark korrumpierendes System gehandelt: Es lebte sich ganz angenehm, es gab keine politische Kultur des Dissidententums und keine liberale Opposition. So geriet das Land dann nach 1990 in den Abgrund.

Migrationshintergrund bei deutschen Schriftstellern

Beeindruckend schilderte auch die Kroatin Dubravka Ugresic die „semantischen Staus“, die geistige Verwirrung und die bizarren Metamorphosen der Intellektuellen nach 1989. Viele litten unter einem „False Memory Syndrom“, wenn sie sich zu Opfern des Tito-Kommunismus stilisieren. Sind die Schriftsteller also postkommunistische Scharlatane geworden, denen in der Marktwirtschaft nur die Rolle der „Verkäufer von Kultursouvenirs“ bleibt?

Ugresic resümierte: Der Intellektuelle sei „eine kulturelle Kategorie, entstanden in Paris zur Zeit der Dreyfus-Affäre, ausgestorben Ende des zwanzigsten Jahrhunderts“. Kein Zweifel, hier ist eine Kränkung über den Bedeutungsverlust der Literatur wirksam, die manchmal larmoyant wirken kann. Aber wenn der „Intellektuelle“ heute noch Statur hat, dann paradoxerweise gerade dort, wo er sich selbst demontiert: in Osteuropa.

Der deutsche Bücherfrühling 2006 könnte in die Literaturgeschichte eingehen. Die aufsehenerregendsten Werke stammen von Autoren, deren Namen ganz anders klingen als Heinrich, Thomas, Günter oder Martin, wie deutsche Großschriftsteller noch bis vor kurzem hießen: Ilija Trojanow (“Der Weltensammler“) und Feridun Zaimoglu (“Leyla“). Bücher von Schriftstellern mit Migrationshintergrund nehmen keine Nischenplätze mehr ein, sie spielen bereits eine tonangebende Rolle in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Stutzen über die Sprachkenntnis

Kaum erstaunlich, daß sich der Pen-Kongreß, der das Internationale pflegt, dieses Themas annahm. „Ach, Sie schreiben deutsch?“ lautete der Titel der abschließenden Publikumsveranstaltung in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt - selbst ein Bauwerk mit Migrationshintergrund. Das Stutzen über ihre Schreibsprache gehört zu den alltäglichen Berufserfahrungen der sechs Schriftsteller auf dem Podium, darunter Trojanow, SAID und Yoko Tawada.

Da macht sich Verwunderung geltend, daß ein Zugewanderter in erster oder zweiter Generation die Finessen der deutschen Sprache besser beherrscht als der größte Teil der autochthonen Bevölkerung. In England, Frankreich oder den Vereinigten Staaten ist dergleichen längst selbstverständlich.

Vielleicht gelingt diesen Autoren das Schreiben aber gerade deshalb, weil sie, allesamt Weltensammler und Weltenvergleicher, zeitlebens „befremdet“ bleiben. Um es mit einem Zitat des mittelalterlichen Mönchs Hugo von St. Victor zu sagen, das der Rumäne Norman Manea einbrachte: „Wer sein Heimatland liebt, ist noch ein zarter Anfänger; derjenige, dem jeder Fleck Erde soviel gilt wie der, auf dem er selbst geboren wurde, hat es schon weit gebracht; reif ist aber erst der, dem die ganze Welt zu einem fremden Ort geworden ist.“

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