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Paul Ingendaay Mein Lieblingsbuch: „Der große Gatsby“

16.07.2004 ·  Später kommt es einem ganz natürlich und gewissermaßen zur Welt gehörig vor, daß verwöhnte Frauen nur die Mehrung ihrer Verwöhntheiten im Kopf haben und reiche Männer nichts anderes als die Mehrung ihres Reichtums.

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Später kommt es einem ganz natürlich und gewissermaßen zur Welt gehörig vor, daß verwöhnte Frauen nur die Mehrung ihrer Verwöhntheiten im Kopf haben und reiche Männer nichts anderes als die Mehrung ihres Reichtums. Oder daß Geld nicht glücklich macht, keine Bildung schenkt und erst recht keinen Geschmack, geschweige denn die Fähigkeit, das eigene Leben zu verstehen.

Aber als ich zum erstenmal den "Großen Gatsby" von F. Scott Fitzgerald las, wußte ich davon noch sehr wenig. Deshalb erschienen mir Gatsby, Daisy, Jordan und selbst das an einem heißen Sommertag spontan gekaufte Hündchen wie Fabelwesen, und es kam mir so vor, als müßte ich mit diesem 1925 erschienenen Roman über eine Welt des vollständigen Müßiggangs neu buchstabieren lernen.

Ein ganz und gar unschuldiges Kunstwerk

Zum Glück gibt es im Buch eine Figur, Nick, den Erzähler, der die Geschichte von Gatsbys märchenhaftem Reichtum und dem absurden Traum von seiner verflossenen Liebe mit genauso befremdetem Blick betrachtet wie der Leser. In Nick haben wir nicht nur ein hübsches Emblem des Romanlesers als Spezies, sondern auch einen Komplizen, der uns durch diesen verführerischsten aller kurzen Romane geleitet, der sich blenden und bezaubern und bewegen läßt wie wir, am Ende aber wieder entschlossen auf die andere Seite des Gartenzauns zurücktritt.

Doch mit Trauer, ohne Dünkel oder Besserwisserei. Das ist das Große am "Großen Gatsby": daß er sein Thema anpackt, als stellte es kein moralisches Risiko dar, daß er es nie denunziert oder durch Belehrung entschärft. Fitzgerald überließ sich der rauschenden Welt, deren Untergang er hier beschreibt, mit Haut und Haaren. Als sich der dumme Autounfall ereignet und ein noch dümmerer Mord daraus folgt, nämlich am falschen Mann, steigt der Roman in die dünne Luft der Tragödien auf. Aus dem korruptesten Material - der Gier, der Langeweile und den Illusionen ziemlich nichtswürdiger Menschen - hat Fitzgerald ein ganz und gar unschuldiges Kunstwerk gebaut.

Paul Ingendaay ist Feuilleton-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Madrid.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2004, Nr. 164 / Seite 37
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