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Papst Johannes Paul II. Meine Paddeltour zu Gott

29.05.2004 ·  Johannes Paul II. verwebt in seinen Erinnerungen den eigenen Lebensfaden in die größere Geschichte der Kirche. Zugleich beschreibt er sich als polnischen Patrioten und Liebhaber von Partisanenliedern.

Von Lorenz Jäger
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Um dieses Buch nicht als eine Erbauungsfibel mißzuverstehen, muß man es zu lesen wissen. Es gibt eine christliche Hermeneutik, einen christlichen Leser. Wenn er auf die Geschichte blickt, sieht er die Erfüllung eines Prophezeiten, schon Angedeuteten.

David, der exemplarische König der Juden, stammte aus Bethlehem. In der Geschichte von Jesus wiederholt sich die von David, sie steigert sich und wird aufgehoben. Denn auch er ist ein König der Juden, ganz anderer Art allerdings, und auch er kommt aus Bethlehem. Nach Jerusalem reitet er auf einer Eselin, und er erfüllt damit buchstäblich den Spruch des Propheten Zacharias, der Messias werde auf einer Eselin kommen.

So verläuft die Lektüre der Bibel nicht nach der Regel eines reinen narrativen Fortschreitens, sondern sie muß, wenn sie überhaupt etwas verstehen will, in jedem Moment des Lesens das Echo des Früheren und den Vorklang des Späteren mithören. Der christliche Leser erkennt die Zeichen und die Entsprechungen, die Bestätigungen und die Transformationen von Motiven. Die Lektüre ist hier nicht auf Kausalitäten aus; keineswegs ist das zeitlich Vorhergehende die "Ursache" dessen, was dann folgt.

Augustus und Augustulus

Man kann noch weiter gehen und behaupten, daß die Antike insgesamt so in der Geschichte gelesen hat. In Brutus, dem Verschwörer gegen Cäsar, kehrte der Namen dessen wieder, der vor Hunderten von Jahren Tarquinius Superbus verjagt hatte, den letzten der römischen Könige. Und der spätantike Historiker Jornandes merkt einmal erstaunt an, daß der letzte Kaiser Roms vor dem Gotensturm den Namen Augustulus trug - "Augustchen" -, was ihm wie ein ironischer Widerruf des ersten Kaisernamens Augustus vorkam. Gleichklang und Koinzidenz, Wiederkehr und Erfüllung sind in solcher Hermeneutik das Entscheidende. Im Christentum hat sich diese antikische Haltung bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Und sie bestimmt die Deutung, die Johannes Paul II. seiner Lebensgeschichte gibt. Im Sommer 1958 ist er mit Freunden auf einer Paddeltour auf der Lyna unterwegs. Die Reise wird unterbrochen. Der spätere Papst soll nach Warschau kommen und sich dort bei dem Kardinal Wyszynski vorstellen. Mit seinem Schlafsack macht er sich auf und erfährt, daß er soeben zum Weihbischof des Erzbischofs von Krakau ernannt worden ist. Dann kehrt er zu seinen Freunden zurück. "Als ich aber zu paddeln begann, fühlte ich mich erneut ein wenig seltsam. Das Zusammenfallen der Daten hatte mich beeindruckt: Die Ernennung war mir am 4. Juli bekannt gegeben worden, und das war der Weihetag der Kathedrale auf dem Wawel - eine Jahresfeier, die in meinem Innern immer eine starke Resonanz gefunden hat. Es schien mir, als habe dieses Zusammenfallen der beiden Ereignisse etwas zu bedeuten."

Sensibilität für Daten

Die Sensibilität für Daten hat in seinem Leben keine geringe Rolle gespielt. Man weiß, daß das Attentat auf den Papst 1980 just auf den Tag fiel, an dem 1917 drei portugiesische Kinder eine von drei Marienvisionen hatten. Von zweien dieser Visionen war der Inhalt der Öffentlichkeit schon früh mitgeteilt worden, die dritte hielt die Kirche lange unter Verschluß - bis man vor einigen Jahren durch Kardinal Ratzinger erfuhr, daß der Papst das Bild eines getroffenen und schwerverletzten Bischofs, das den Kindern offenbart worden war, auf sich selbst und das Attentat bezog. So wurde das "Dritte Geheimnis von Fatima", das lange zu Spekulationen Anlaß gegeben hatte, gelüftet.

Johannes Paul II. verwebt in den "Erinnerungen und Gedanken" den eigenen Lebensfaden in die größere Geschichte der Kirche. Ja, er dürfte als der Papst in Erinnerung bleiben, der dieses Ineinandergreifen des Persönlichen und des Allgemeinen - ohne Scheu vor Unmittelbarkeit - energischer betrieben hat als irgendeiner seiner Vorgänger; die zahlreichen Heiligsprechungen der vergangenen Jahre dürften diesem Impuls zu verdanken sein.

Ungemein durchdachte Form

So ist auch die ungemein durchdachte Form des Buches zu verstehen. Es ist keine profane Autobiographie, die zu einem Papst schlecht passen würde. Vielmehr handelt es sich um eine fortgesetzte, von Stufe zu Stufe schreitende Meditation über das Amt des Bischofs, deren Logik sich im Laufe der Lektüre erschließt. Aber auch hier ist der Papst ein Mann, der den unmittelbaren Zugriff über alles schätzt.

Er nimmt jede Chance wahr, die die moderne Welt ihm bietet, um alles direkt zu erfahren. "Die Quelle der Berufung" heißt das erste Kapitel. Und wo liegt sie? "Sie pulsiert dort, im Abendmahlssaal von Jerusalem. Und ich danke Gott, daß es mir während des Großen Jubiläums des Jahres 2000 vergönnt war, gerade dort, in jenem Raum im Obergeschoß (vgl. Mk 14, 15) zu beten, in dem das letzte Abendmahl stattfand."

Gerade dort, gerade jetzt

Gerade dort und gerade jetzt - das dürften die Schlüssel für sein Pontifikat sein. Aber auch hier wird keine zufällige biographische Reminiszenz aufgerufen, sondern es handelt sich um den logischen Anfang eines Buches, das vom Bischofsamt handelt. Denn der Abendmahlssaal ist deshalb so wichtig, weil Christus dort die Apostel "als Priester des Neuen Bundes einsetzte".

So geht es fort, am Leitfaden der liturgischen Formen, die die Bischofsweihe ausmachen. Es gibt aber in diesem Buch noch einen zweiten Erzählstrang: den eines gar nicht unsympathischen kräftigen polnischen Patriotismus. Herausgestellt wird alles, was die polnische Kirche und die Schwarze Madonna für Osteuropa insgesamt bedeuten. "Ich hatte immer Freude am Singen" , schreibt er einmal. Er erwähnt die Volkslieder der Pfadfinder, Soldatenlieder, vaterländische Gesänge "und allgemein die Lieder des Aufstands und die der Partisanen". Man bemerkt, daß der Papst unter den führenden Männern der letzte ist, für den nicht nur der Krieg, sondern auch die Vorkriegszeit noch eine lebendige Erinnerung sind.

Johannes Paul II.: "Auf, laßt uns gehen". Erinnerungen und Gedanken. Deutsch von Ingrid Stampa. Weltbild Verlag, Augsburg 2004. 224 S., geb., 14,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2004, Nr. 123 / Seite 43
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