02.03.2005 · Papst Johannes Paul II. will auf die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts eine theologische Antwort finden. Wer sein neues Buch liest, wird Mühe haben, das angeblich Skandalisierende darin zu finden.
Von Lorenz JägerDie Bücher des Papstes haben, anders als ein Gerücht es will, eine hohe innere Konzision. Weit entfernt davon, bloße Kompilationen von diversen Papieren zu sein, folgen sie stets einem nachvollziehbaren Gedanken.
Nicht deduktiv allerdings ist ihre Logik, sondern sie entwickelt sich, mit großer Geduld, in wiederholten Antizipationen und Rückgriffen, bis die leitenden Motive klar erkennbar werden. Der aktuelle Band geht auf Gespräche im Jahr 1993 zurück, die der Papst mit den polnischen Philosophen Jozef Tischner und Krzystof Michalski führte. Sie stellen den Versuch dar, auf die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts eine theologische Antwort zu finden. Ausgangspunkt sind deshalb die „Ideologien“, ja die „Philosophien des Bösen“, unter denen der Papst den Nationalsozialismus und den Kommunismus versteht. Beide werden auf ihre philosophischen Wurzeln in der Aufklärung befragt.
Polen und die Mystik
Und sofort ist man in der geistigen Welt, die dem Papst am angelegensten ist, in Polen nämlich und in der Mystik. Die Kraft zum Widerstand gegen das Böse sieht er exemplarisch formuliert im Tagebuch der heiligen Faustina Kowalska. Ihr Grab liegt in Krakau, wo Johannes Paul II. vor seinem Pontifikat amtierte. Ihr habe Christus „die Gnade verliehen, die Wahrheit von der göttlichen Barmherzigkeit in besonders erleuchteter Weise zum Ausdruck zu bringen“.
Soweit die Freiheit des Menschen gemeint ist, neigt der Papst dazu, der Aufklärung und selbst der Französischen Revolution eine positive Wirkung zuzugestehen. Allerdings sei sie verantwortlich für die Versuche einer Entchristlichung Europas; Wirklichkeiten würden seit Descartes systematisch zugunsten von Konstruktionen zurückgedrängt. Und wieder führt der Weg sehr schnell in die Heimat des Papstes, zu den polnischen Phänomenologen wie Roman Ingarden und zur „realistischen Philosophie“.
Der Mensch, alleine
Die Untaten des zwanzigsten Jahrhunderts sieht der Papst als Folgen der Entchristlichung: „Der Mensch war allein geblieben.“ Unter diesem Gesichtspunkt vergleicht er die deutsche Vernichtungspolitik mit anderen ideologisch motivierten Verbrechen, so wird die vom Stalinismus organisierte Hungersnot erwähnt, bei der Anfang der dreißiger Jahre ukrainische Bauern in großer Zahl umkamen.
Man könne es, so erklärt der Papst dann weiter, „an diesem Punkt nicht unterlassen, ein Problem anzusprechen, das heute außerordentlich aktuell und schmerzlich ist“. Gemeint ist die „legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen“. Man hat in der deutschen Öffentlichkeit hier und da noch vor dem Erscheinen des Buches Anstoß schon an der räumlichen Nähe genommen, in der diese Überlegungen zueinander stehen. Wer aber das Buch liest, wird Mühe haben, das angeblich Skandalisierende überhaupt zu finden.
Keine Sicht des Historikers
Denn es muß ja das Recht des Papstes sein, Ereignisse oder ganze geschichtliche Ketten nicht wie ein akademischer Historiker zu sehen, sondern sie ausschließlich in jenem Licht zu betrachten, das von der kirchlichen Lehre her auf sie fällt. Was der Papst feststellt, kann und will mit der historischen Forschung nicht konkurrieren - und die Kritik wäre an dieser Stelle etwa so sinnvoll wie der Einwand eines Kriminalkommissars gegen die These des Papstes, beim Attentat des Ali Agca müsse „jemand“ die Kugel des Attentäters Ali Agca „geleitet und umgeleitet“ haben.
Wie stets in den Schriften des Papstes ist der polnische Patriotismus ein deutlich sichtbares Element. Er steht der kirchlichen Lehre nicht entgegen, bildet vielmehr eine Art natürliches Fundament. Unbefangen spricht der Papst von den Familien, den Sippen und den Nationen als den natürlichen Gemeinschaften, die in Rechtsverhältnissen und Verfassungen nie ganz aufgehen können. „Vaterland“ wird in Beziehung gesetzt zur „Vaterschaft“ und zur Weitergabe des Lebens. „Das geistige Erbe, das uns vom Vaterland übergeben wird, erreicht uns über unseren Vater und unsere Mutter und begründet in uns die entsprechende Pflicht zur pietas.“
Christologische Vision des Patriotismus
Nun waren gerade in Polen Katholizismus und nationale Selbstbehauptung immer verschränkt. Wer etwa den Roman „Quo vadis?“ von Henry Sienkiewicz liest - der dem Autor immerhin den Nobelpreis einbrachte - der bemerkt eine christologische Vision im Patriotismus selbst: Polen lebt, als leidende, zwischen den Großmächten aufgeteilte Nation, in der Nachfolge Christi, und zwar gerade dann, wenn es für seine nationalen Rechte eintritt. Vieles von dieser Ideenwelt ist im Buch des Papstes lebendig, ja vielleicht ist er der letzte Papst, für den patriotische Gefühle eine solche Rolle spielen.
Damit ist man der empirischen Person von Johannes Paul II. schon sehr nahegekommen, die wohl bei keinem früheren Papst so sehr als Schnittpunkt des theologisch Gemeinten erschienen ist: „Es wurde mir das Schicksal zuteil“, sagt er, „eine persönliche Erfahrung der Ideologien des Bösen zu machen.“ Und so hat er auch den Schutz vor dem Bösen in einer persönlich dramatischen Weise erlebt, als er das Attentat - am Jahrestag der Offenbarungen von Fatima - überlebte. Indem die Linien in der persönlichen Erfahrung zusammenlaufen, gehört dieser Papst denn auch ganz der Gegenwartsmoderne an.
Identität und Erinnerung
Langsam nähern sich die Gespräche den Titelmotiven Identität und Erinnerung, die für den Papst das Wesen der Kirche begründen. Das Zentrum der Gespräche aber ist die Sorge um die „Strömung der Anti-Evangelisierung“ in Europa, die einen Kampf „gegen das Leben in seinem Anfangsstadium wie in seiner Endphase“ führe.
Diese Richtung verfüge über „große Zentren ökonomischer Macht, mit deren Hilfe sie versucht, den Entwicklungsländern die eigenen Konditionen aufzuzwingen“. Und der Papst, der weit davon entfernt ist, demokratische Regierungssysteme grundsätzlich zu kritisieren, fragt doch auch, ob es nicht „unter dem Anschein der Demokratie“ eine „andere Form des Totalitarismus“ geben könne.