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Oskar Pastior Das Werk

14.05.2006 ·  Oskar Pastior, der diesjährige Träger des Georg-Büchner-Preises, ist der Vertreter einer einzigartigen Dicht-Kunst.

Von Michael Lentz
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Man nehme einen Band Pastior und schlage ihn an beliebiger Stelle auf. Ohne zu zögern, beginne man laut zu lesen, wohin das Auge führt. Das Staunen wird kein Ende nehmen. Was man zu begreifen meint, entzieht sich dem wörtlichen Nachfassen.

Probe aufs Exempel: „Jetzt kann man schreiben was man will“ (Werkausgabe Band 2, Hanser 2003). Der Daumen macht halt auf Seite 185: „Das zweite falsche Gebiß ist eher sättigend. Es benötigt weder Kukuruzkolben, noch ein halbes Dutzend gewiegte Personen, noch anderthalb mal soviel Graupen.“

Wie bitte? Nach welchem Rezept wird denn hier gekocht? Nach „Fleischeslust“, wie schon der Titel dieser Art Texte besagt. Kochen einmal anders: Textkochen. Ein Metabolismus, der so nur der Poesie möglich ist, eben falscher Hase. Da ist es zur Metabasis nicht weit.

Infrasprache ohne System

Deshalb nun ein hingeblätterter Zufallsfund aus „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ (Band 3). Wir landen auf Seite 109, bei einem Gedicht mit dem Titel: „Latzomygon“: „Mi mitsch mig / Omykron / mi mitsch mig / phoran / Grom // phoran atzan Grom // Moize myon Gny / Mimozeron / phoran gyan Tom“. Was ist da los? Abzählverse? Hören wir lesend eine phonetische Variante des Handspiels „Schnickschnackschnuck“?

Sind alle Wörter Eigennamen? Ist der Buchstabe ein Tier? Was hier wie dort anzitiert wird, was sich da wie hier kreuzt und in die fruchtbare Quere kommt, welche Metamorphosen da am Werke sind, welche Versteckspiele, und liest man genauer hin, futsch sind sie, die eben noch erkannten Anspielungen. Pastiors Webstuhl läßt oft gerade da System erkennen, wo gar keines ist, und umgekehrt. Und so ist auch das „Krimgotisch“, in dem „Latzomygon“ aus „Der Krimgotische Fächer“ verfaßt ist, gar keines, nämlich kein System und schon gar keins, dem eine stringente Grammatik zugrunde läge.

Eher hat jedes krimgotische Einzelgedicht eine eigene Infrasprache, die sich aus bestehenden Sprachen, aus Phantasiesprachen und kindersprachlichen Resten speist. Und wenn's gutgeht, fallen Lesen, Hören, Verstehen, Deuten und Hervorbringen in eins. Damit spielt der Leser und Hörer das Pastiorsche Spiel nach, mit dem Unterschied, daß der Dichter immer einen Schritt voraus ist. Versteck mich, ich fang' dich einmal anders.

Poesie und Poetik

Wer staunt? Der Text. Also weiter im Text. Es zählt nur die Genauigkeit. Die das freie Spiel der Nichtkontrolle, daß der Dichter einmal nicht weiß, was er da tut, ja nicht ausschließt. Diese Poesie kann man nur wortwörtlich wiedergeben. Ein idealer Kommentar dieser Poesie wäre ihre wortwörtliche Wiederholung.

Das ist auch gar nicht so abwegig, finden sich doch eine Reihe von Texten bei Pastior, die Poesie und Poetik in eins sind. Die sich, schön wär's, selber lesen. Die eine Gebrauchsanweisung sind. Man mache das Exempel zur Probe. Bestens geeignet hierzu: „Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch“ (Hanser 1987). Eines der schönsten Bücher, die ich kenne. Man liest es immer wieder. Und nie aus.

Aus dem Lesebuch folgender Aufschlag, symptomatisch: „Wo der Große Wosinn in den Kleinen Wannsinn mün- / det, dort ist es dann: Vollmond. Wo umgekehrt der / Kleine Wosinn in den Großen Wannsinn mündet: dann // eben nie. Wie Klein und Groß jetzt miteinander / müssen!“ Unterbrich es nicht, laß es laufen: „müssen! So ist es klar wie Espenlaub“.

Unablässig beschäftigter Lyriker

Kommentier es nicht, auch nicht den Wannsee, das zu erkennen ist doch Spießerfreude, ebenso dünn wie dieses „Espenlaub - ein Zitat: / Sahne und Silber, ein Wahnwitz. Und sie entleh- // nen sich, und wie sie sich entlehnen, schau, bis / auf die Schuh; klinisch sind beide im Boot. Mün- / den sie aber reihum mal darum mal dahin (,Schilf // im Rohr'), so ist Schwan im Wind: hol rübel! Kein / Guckloch, wo der Wosinn seinen Wannsinn fände, / Kein Werder so versponnen, daß einer den anderen // zurücklehnt: beide sind einfach dort. Und erst der / Vollmond - nie dann. Ihn sieht man gründeln, bis / an die Knie. 'S ist Schilf im Rohr, setz übel!“

Hier ist alles genau so, aber anders. Als hätte man es nie anders gehört. Und die Erinnerung, die uns ja immer einen Bogen spielt. Kannitverstan? Ja, dann eben „kantatensvirn“. Und wenn das nichts nutzt, „antikvarennst“. Oder wie wär's mit „vintkanastern“? Jedenfalls kein „kantinenvrast“, obwohl auch das drin ist. Und damit ist beileibe noch nicht alles gesagt. Und über die Person Pastior schon viel, aber gar nichts.

Pastior ist unablässig beschäftigt. Mit neuen poetischen Konstellationen, die es in Bahnen zu lenken, und zauberhaften Fachsprachen, die es anzuverwandeln gilt. Er ist immer da, wo wir ihn nicht vermuten. Welimir Chlebnikow, Wilhelm Müller, Gertrude Stein oder Charles Baudelaire können so zu Fachsprachen werden, zu einem babylonischen Dschungel, durch den Pastiors Sprache einen neuen Weg bahnt. Poesie, das zeigt Pastior, ist immer der Zusammenschluß vieler Sprachen.

Literatur als große Familie

Methode? Klar, warum aber denn nur eine? Die Metaphorik der Naturwissenschaften in Betrieb nehmen, könnte so eine Methode sein. Oder die eigene Poetik im Gewande der Naturwissenschaften erscheinen lassen. Analogiezauber. Die Methode ist die Leiter, die man, angekommen, wegwirft, der Filter, das Ventil, die Ausrede, nie aber Selbstzweck.

Und noch den rigidesten Formzwang, dem Pastior sich unterwirft, definiert er um zu seiner eigenen Handschrift. Als Formkünstler ist er Wiederentdecker und Erfinder. Villanelle, Vokalise, Gimpelstift, Palindrom, Anagramm und Sestine sind nicht mehr ohne Pastior zu denken. Hier muß es heißen: Schlag nach bei Pastior.

Und zur Person immer noch nichts gesagt. Vielleicht soviel: Literatur, das ist für ihn eine große Familie. Seine poetischen Mitstreiter sieht er als Kollegen, die wie er alle am Strang der Poesie ziehen. Oskar Pastior ist das ungekrönte Haupt dieser Familie. Ein Wortschatzmagier mit verdeckter Hebebühne. Einer, dem man nicht ganz auf die Schliche kommt. Der mit Pfunden wuchert. Und jeder Text zeigt das. Und dieses Zeigen steigert den Text. Es läßt uns loslesen. Es macht uns ebenso agil. Da ist jemand in den ewigen Wortbrunnen gefallen. Und der Brunnen ist er selber. Er ist, der sich am Schopfe selber hinauszieht, wörtlich. Jetzt sag schon den Satz: Oskar Pastior ist ein Genie.

Der Autor gewann 2001 den Bachmann-Preis. Zuletzt erschien sein Roman „Liebeserklärung“ bei S. Fischer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.2006
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