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Orhan Pamuk Literat, wie hast du's mit dem Staat?

Über „Literature and Citizenship“ hatte man in der Columbia University sprechen wollen - ein Thema für Orhan Pamuk: Mit geradezu jugendlichem Ungestüm setzte der Nobelpreisträger zu einer Analyse seines politischen Instinkts an.

© AP Vergrößern Orhan Pamuk auf dem Columbia-Campus

Lange Schlangen vorm Miller Theater der Columbia University. Die Veranstaltung wird zu Ehren eines Gastes ausgerichtet, der die nächsten zwei Monate als Artist-in-Residence dem Universitätsleben nicht nur akademischen Glanz verleihen soll: Václav Havel. Aber seinetwegen sind die Leute nicht gekommen. Ein vorwiegend studentisches Publikum will, wie der Veranstaltungstitel es verspricht, Neues über „Literature and Citizenship“ erfahren, und wenn dafür auch Havel sicher ein geeigneter Gesprächspartner gewesen wäre, darf Arthur Danto, hauseigener Emeritus der Philosophie, nun den nächsten Nobelpreisträger für Literatur befragen. Das Thema gefällt Orhan Pamuk weit weniger, als Danto und vielleicht auch viele Zuhörer es vermutet hätten.

Jordan Mejias Folgen:  

Woher die Probleme? Machen wir nur einen Übersetzungsversuch. Statt „Citizenship“ ziemlich ungenügend als „Staatsbürgerschaft“ wiederzugeben, müßte es, etwas freier übersetzt, im Grunde doch heißen: Nun sag, Literat, wie hast du's mit dem Staat? So ungefähr will es auch der bedächtige Danto verstanden wissen. Und gerade noch kann er mutmaßen, Amerika gehe mit dem Begriff „Citizenship“ ein bißchen sehr entspannt um, da kommt Pamuk auch schon richtig in Fahrt, läßt den leeren Plastikbecher nervös zwischen den Fingern rotieren und setzt mit geradezu jugendlichem Ungestüm zu einer Analyse seines politischen Instinkts an.

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Sklave des Staates sein

Dabei kommt auch Amerika zur Sprache, wo er in den achtziger Jahren lebte und jetzt wieder, als Fellow in verschiedenen Abteilungen der Columbia University, ein paar Wochen verbringt. In Amerika, so Pamuk, kleide „Citizenship“ sich in moralische Pflicht und Verantwortung. In der Türkei bedeute es dagegen, Sklave des Staates zu sein. „In meinem Teil der Welt“, sagt er, „ist die Rhetorik um ,Citizenship' noch neu.“ Dort sei ein guter Staatsbürger, wer gehorche. Klarer geht's nicht, oder? Nein, Pamuk wehrt sich heftig, daraus weitreichende Schlüsse zu ziehen und eine Theorie zu bauen. Er verrät uns lieber, was es mit seinem politischen Instinkt auf sich hat.

© Reuters Vergrößern Video: Literatur-Nobelpreis an Orhan Pamuk

Der aber hat weniger mit Politik als mit Wahrheit zu tun. Wenn Pamuk sich über Lügen aufregt, die dem Volk von seinen Politikern erzählt werden, hat das seinen Grund nicht in einem präzise ausgearbeiteten Theoriebegriff. Kein hohes Ethos, kein staatsbürgerliches Pflichtbewußtsein treibt ihn an, eine Debatte in Gang zu setzen. Er kritisiert und schimpft, weil er sich über etwas ärgert. Und in einem solchen Ärger kommt es ihm auch nicht in den Sinn, daß er, wie in der Vergangenheit geschehen, durch seine Kritik Tabus verletzen und in Schwierigkeiten geraten könnte. Wer das nicht glauben mag, hat noch nie erlebt, wie temperamentvoll Pamuk bereits die Gründe seiner Temperamentsausbrüche aufschlüsselt.

„Kunst und Politik sind womöglich nicht kompatibel

Pamuk schafft es mühelos, das angekündigte Gesprächsthema seinen Vorlieben anzupassen. Die Staatsbürgerkunde für Künstler ersetzt er durch Überlegungen, wie sie es anstellen könnten, sich nicht von der Politik einfangen und von der Öffentlichkeit auf eine politische Deutungsmaschine reduzieren zu lassen. Indem er sich jeder Fixierung entzieht, bewahrt er sich auch die Freiheit, auf die er als Galionsfigur, als Provokateur vom Dienst verzichten müßte. Wenn Danto es zwischendurch doch fertigbringt, Pamuk nach seinen Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern zu befragen, wehrt der Schriftsteller mit höflicher Entschiedenheit ab. Nicht aus Angst, erneut vor Gericht gezerrt zu werden oder von New York aus eine neue Kontroverse loszutreten. Heute schweigt er in der Gewißheit, daß die Sache zu kompliziert ist fürs unausweichlich folgende Mediengeschnipsel. Was er einmal gesagt hat, will er nicht noch einmal aufarbeiten.

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Veröffentlicht: 07.11.2006, 14:46 Uhr