05.07.2005 · Im ersten Interview seit Zuerkennung des Friedenspreises spricht der Schriftsteller Orhan Pamuk über sein neues Buch, sein Verhältnis zur Türkei und über eine Politik, die Literatur braucht.
Im ersten Interview seit Zuerkennung des Friedenspreises spricht der Schriftsteller Orhan Pamuk über sein neues Buch, sein Verhältnis zur Türkei und über eine Politik, die Literatur braucht.
Sie gelten als bekanntester Autor der türkischen Gegenwartsliteratur. Aber für die meisten deutschen Leser sind Sie der einzige türkische Autor, den sie kennen. Wie ist das zu erklären? Was sagt dieser Umstand über deutsche Leser und was über die türkische Literatur?
Die Popularität eines Schriftstellers, ob in seiner Heimat oder im Ausland, birgt ein Mysterium, und der Autor sollte besser nicht versuchen, es zu ergründen. Aber es gibt doch einige nennenswerte Fakten: Unter den 35 Sprachen, in die meine Bücher bislang übersetzt worden sind, war das Deutsche wohl die Sprache, in der ich am wenigsten bekannt war - zumindest war das so bis zum Erscheinen meines letzten Romans „Schnee“ und bis bekannt wurde, daß ich diese wunderbare Auszeichnung, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, erhalten soll.
Ich bedauere sehr, daß meine Romane „Die weiße Festung“, „Das schwarze Buch“ oder „Rot ist mein Name“in Deutschland nur wenige Leser gefunden haben. Der Roman ist im Grunde eine Kunstform der bürgerlichen Mittelschicht des Westens, und die westliche Welt war bis vor kurzem nicht bereit, die Bildung und Eigenart nicht-westlicher Bürgerschichten zur Kenntnis zu nehmen. Bis vor kurzem war die westliche Welt an Romanen über Menschen außerhalb des Westens nur interessiert, wenn diese Menschen als ihre Opfer dargestellt wurden. Für Autoren wie mich, die lieber eine andere Geschichte erzählen als die alte Opferstory, macht das die Dinge etwas schwierig. Aber vermutlich wird der schnelle und kraftvolle Aufschwung nicht-westlicher Mittelschichten wie etwa in Indien und China diese schmale europäische Perspektive schon sehr bald erweitern.
Ihre Romane behandeln die türkischen Vergangenheit und spielen oft in osmanischer Zeit. Warum ist diese Epoche für die moderne Türkei noch immer so wichtig?
Von meinen bislang sieben Romanen sind nur zwei wirklich historische Romane. Aber Sie haben recht: Historische Szenen und Episoden tauchen in meinen Büchern immer wieder auf wie Gespenster. Ich befürworte den Prozeß der Annäherung der Türkei an den Westen, und zugleich stehe ich den grausamen Methoden, mit denen unsere osmanische Vergangenheit verdrängt und ausgelöscht werden soll, sehr kritisch gegenüber.
Ich kehre immer wieder gern zu den Wundern und Schönheiten der osmanischen Vergangenheit zurück, nicht nur, weil ich dort viele vergessene Schätze wiederentdecke, sondern weil es ein sicherer Hafen ist, der mich vor den Stürmen westlicher Einflüsse schützt, eine wunderbare Quelle, die mich mit seltsamen, ursprünglichen Mustern versieht. Im Grunde interessiert mich die osmanische Literatur und Kultur viel mehr als die osmanische Geschichte. Meine historische Vorstellungskraft gibt mir die Möglichkeit, mit der Haßliebe, die mich mit der westlichen Kultur verbindet, zurechtzukommen.
Sie stehen also in zwei literarischen und kulturellen Traditionslinien. Die eine ist westlich, und die andere ist - etwas anderes. Wie würden Sie diese Tradition definieren? Ist sie türkisch, orientalisch, islamisch?
Meine Definition müßte wohl lauten: „nicht-westlich“. Diese „andere“ Tradition ist ein konstanter Quell der Anregung und Originalität für mich. Es ist eine Herausforderung, wenn man die klassische osmanisch-türkisch-islamische Kultur mit „westlichen Augen“ betrachtet, um sie mit etwas zu verbinden, was sie nicht ist und nie war. Meine Romane bestehen aus einer solchen Verbindung von Bildern, Geschichten, Vorstellungen und Texturen, die aus zwei unterschiedlichen Quellen der Zivilisation stammen. Ebenso verhält es sich mit der Türkei und ihrem Volk. Ich mache kein großes Theater um die Quellen meiner Stoffe, sondern akzeptiere alles, was kommt und sich als nützlich und handhabbar für mich und meine Zwecke erweist. So geschieht es täglich in den Straßen Istanbuls.
Ihr jüngster Roman „Schnee“ ist Ihr erstes Buch, das sie selbst als „politisch“ definiert haben. Was genau ist daran politisch und warum haben Sie ihrem literarischen Schaffen diese politische Wende verordnet?
Als ich vor dreißig Jahren anfing, Romane zu schreiben, war die Atmosphäre hier in Istanbul politisch überhitzt. Ich mußte mitansehen, wie viele gute Autoren ihr Talent der Politik opferten. Also entschied ich mich zunächst dafür, die Politik zu meiden. Ich wollte nichts damit zu tun haben, und sehnte mich, wenn Sie so wollen, nach dem guten alten Elfenbeinturm. Mein Ideal orientierte sich damals an Proust oder Nabokov. Aber die Popularität meiner Bücher im In- und Ausland, die Verletzung der Menschenrechte in der Türkei der neunziger Jahre und das Verlangen, den richtigen, den „guten“ Leuten zu helfen, die das Land demokratisieren wollten - all das trieb mich der Politik in die Arme. Also unterzeichnete ich zunächst Aufrufe, Erklärungen, Petitionen.
Später habe ich mich dafür entschieden, einen politischen Roman zu schreiben und alles hineinzulegen, was mir auf der Seele lag. Aber „Schnee“ ist kein politischer Roman im überlieferten Sinn des Wortes - keine Propaganda, kein Melodram, keine schlichte Trennung zwischen Guten und Bösen! Jeder, jede wichtige Strömung, kommt im Roman zu Wort: die Türken und die Kurden, die Nationalisten, die Säkularisten, die Armee, die Gläubigen und die islamistischen Fundamentalisten. Das Thema ist zwar politisch, aber der Roman handelt von etwas anderem, vielleicht vom Sinn des Lebens in diesem ostanatolischen Winkel der Welt. Aber lassen Sie uns bitte nicht vergessen, daß es auch eine Liebesgeschichte ist, die Geschichte eines Menschen, dem allein die Liebe Hoffnung auf Glück zu versprechen scheint in einer durcheinander geratenen Welt. Wir lassen es zu, daß die Liebe viel zu eng mit unseren kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen verknüpft ist.
Das Kleinstadtpanorama von Kars bietet einen faszinierenden Anblick: dieses ganze Bündel von Problemen, Überzeugungen und politischen Kräften. Aber diese Welt ist doch vollkommen verschieden von ihrer täglichen Umgebung, dem urbanen Istanbul. Wie konnten Sie einen Roman über einen derart entlegenen Ort schreiben?
Ich bin in den frühen siebziger Jahren in Kars gewesen. Seitdem haben mich die wundervollen Kleinstadtbilder des Niedergangs und der Melancholie verfolgt, dreißig Jahre lang. Nachdem ich beschlossen hatte, das ganze Land im Mikrokosmos eines kleinen, kalten und entlegenen türkischen Provinzkaffs zu bannen, führte kein Weg mehr an Kars vorbei. Ich mußte dorthin zurückkehren. Bei meinem zweiten Besuch knüpfte ich Bekanntschaften und schloß Freundschaften.
Sehr viele Details, die meinen Lesern surreal scheinen mögen, sind exakte Beschreibungen des täglichen Lebens von Kars: Zeitungen mit einer Auflage von 150 Exemplaren, die erbittert miteinander konkurrieren; Polizisten in Zivil, die jeden Fremden, jede verdächtige Bewegung in der Stadt verfolgen; die Gespräche über das Wetter im Winter, das von Tag zu Tag schlechter wird, während der Gouverneur verkündet, es werde von Tag zu Tag besser undsoweiter. Der skurrile Witz dieser kleinen Randbeobachtungen hat mich davor bewahrt, die Armut des dortigen Lebens allzu theatralisch und melodramatisch auszuschmücken.
Die größte Herausforderung bestand aber darin, mich einzufühlen, mich mit allem und jedem in Kars zu identifizieren: mit den religiösen Fanatikern, den Unterprivilegierten, den Ärmsten der Armen, den Aufgebrachten und Wütenden. Für mich liegt die Kunst des Romans nicht nur in der Möglichkeit sich selbst auszudrücken und sich selbst als anderen zu sehen, sondern auch in der Identifikation mit anderen, von denen wir glauben, sie seien nicht wie wir. Aber diese Identifikation sollte reflektiert sein. In „Schnee“ habe ich nicht zuletzt auch meine zweifelhafte Position thematisiert. Ich stelle ja auch die Frage nach meiner Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit, wenn ich, ein „verwestlichter“ Beobachter von Istanbul, ein Urteil über einen derart aufgewühlten und geschundenen Ort meines Landes verbreite.
Wissen Sie eigentlich, was die Leute in Kars oder anderen türkischen Kleinstädten über Sie und Ihr Buch denken?
Kars hat heute etwa 90.000 Einwohner. Die meisten von ihnen waren froh darüber, daß mein Roman ihrer Stadt zumindest ein wenig Aufmerksamkeit der Medien und der Tourismusbranche verschafft hat. Es gibt immerhin eine Million Menschen in der Türkei, die Kars als ihren Heimatort betrachten, weil ihre Eltern oder Vorfahren aus dieser Stadt stammen, von der sie selbst vielleicht kaum noch etwas wissen. Sie waren zum Teil genauso aufgebracht über mein realistisches Porträt ihrer alten Märchenstadt wie manche Leute, die heute dort leben. Ich schreibe meine Bücher aber nicht, um Leute zu verärgern, und ich schreibe sie auch nicht, um Leute zufriedenzustellen. Glauben Sie, die Familie Karamasow wäre glücklich über die Art und Weise, wie Dostojewski sie dargestellt hat?
Aber nicht nur die Darstellung von Kars in „Schnee“ ist heikel, sondern das ganze Verhältnis zu meinem Heimatland wird zunehmend problematisch. Zu oft, und jedes Mal mit mehr Nachdruck, wurde mir nun schon gesagt, ich solle auf meine Worte achtgeben, auf meine Bücher, meine Kommentare, meine Interviews, auf jede Äußerung, die ich Journalisten oder Ausländern gegenüber fallen lasse. In den meisten Fällen haben die Leute, die über mich und mein Werk lamentieren, meine Bücher aber gar nicht gelesen. Sie kennen sie nur aus den nationalistischen Artikeln, die sie in Zeitungen darüber gelesen haben.
Was bedeutet der Friedenspreis in dieser Situation? Hilft er Ihnen, die politische Diskussion in der Türkei über Menschenrechte, Meinungsfreiheit und die Frage des EU-Beitritts weiterführen zu können?
Ich bin sehr dankbar für den Friedenspreis, für die Ehre, die er für mich und mein Werk bedeutet. Aber ich bin auch dankbar für die Möglichkeit, zu einem deutschen Publikum zu sprechen. Meine Dankesrede in der Paulskirche liegt mir sehr am Herzen. Ich werde sehr sorgfältig über meine Worte nachdenken.
In Deutschland - und möglicherweise auch in der Türkei - ist über die politische Bedeutung des Preises diskutiert worden. Glauben Sie, daß Ihr Werk einen Beitrag zu Frieden und Verständigung in Europa geleistet hat, wie es die Satzung des Preises verlangt?
Romane bieten uns den Genuß der Lektüre, und sie antworten auf unsere Sehnsucht, dem Alltag zu entfliehen. Aber sie bieten uns auch die Möglichkeit, uns in andere einzufühlen und sie zu verstehen. Vor unserem geistigen Auge entstehen Menschen, an die wir sonst nie gedacht hätten - auch das ist einer der Vorzüge der Literatur. Ich bin sicher, wenn es fünf bedeutende irakische Schriftsteller gegeben hätte, die übersetzt und auch gelesen worden wären, wäre es für die Vereinigten Staaten viel schwieriger gewesen, Irak den Krieg zu erklären.
Solange das Wesen und die Menschlichkeit anderer verdrängt und nicht dargestellt werden, ist es viel einfacher, sie ohne schlechtes Gewissen grausam zu behandeln. Auf der anderen Seite mag ich die Haltung Nabokovs, der jede Instrumentalisierung von Literatur ablehnte, gleichviel, ob es um Politik, Gesellschaft oder Tourismusförderung geht. Meine literarische Vorstellungskraft hat einen starken Zug ins Eskapistische. Ich möchte lieber unterhalten und die Verhältnisse dabei beiläufig unterminieren, als direkte politische Kommentare abzugeben. Ich betrachte die Politik nicht naiv, und ich erwarte, soweit es die Literatur betrifft, auch nicht besonders viel davon. Ich dachte, daß ich mich nie wieder mit Politik beschäftigen müßte, wenn die Türkei den Anforderungen der EU in Sachen Menschenrechte und Meinungsfreiheit erst genügen würde. Das war einer der Gründe, warum ich den Beitritt der Türkei zur EU immer so stark befürwortet habe.
Und was denken Sie heute über den möglichen Beitritt der Türkei? Was würden Sie vorziehen: die volle Mitgliedschaft oder eine „privilegierte Partnerschaft“, wie sie in Deutschland zunehmend diskutiert wird?
Wie jeder bei uns würde auch ich mich übel betrogen fühlen, wenn die Türkei alle nötigen Bedingungen erfüllte und dann nur das Angebot einer „privilegierten Partnerschaft“ erhielte. Die meisten meiner Landsleute wollen den Beitritt nicht nur aus politischen und wirtschaftlichen Erwägungen, sondern auch aus einem psychologischen Grund: Sie möchten einmal das schöne Gefühl erleben, genauso behandelt zu werden wie die Europäer, gleichberechtigt. Um ehrlich zu sein, habe ich Mitleid mit dieser Haltung.
Ich betrachte die Europäische Union als Versprechen und als vorzügliches Instrument zur Reformierung der eingeschränkten Demokratie in der Türkei. Allein diese Hoffnung hat bereits so viel für mein Land bewirkt, daß es selbst in Momenten, wie wir sie jetzt gerade erleben, Momenten, in denen Europa zögert und zweifelt, schwerfällt, diesem Versprechen wütend den Rücken zu kehren. Aber jetzt zögert und zweifelt auch die Türkei in ihrer Beitrittsabsicht. Und das ist viel schlimmer, denn es bedeutet, daß anti-europäische Ressentiments die eingeschränkte Demokratie der Türkei zerstören.