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Orhan Pamuk Ich werde sehr sorgfältig über meine Worte nachdenken

 ·  Im ersten Interview seit Zuerkennung des Friedenspreises spricht der Schriftsteller Orhan Pamuk über sein neues Buch, sein Verhältnis zur Türkei und über eine Politik, die Literatur braucht.

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Im ersten Interview seit Zuerkennung des Friedenspreises spricht der Schriftsteller Orhan Pamuk über sein neues Buch, sein Verhältnis zur Türkei und über eine Politik, die Literatur braucht.

Sie gelten als bekanntester Autor der türkischen Gegenwartsliteratur. Aber für die meisten deutschen Leser sind Sie der einzige türkische Autor, den sie kennen. Wie ist das zu erklären? Was sagt dieser Umstand über deutsche Leser und was über die türkische Literatur?

Die Popularität eines Schriftstellers, ob in seiner Heimat oder im Ausland, birgt ein Mysterium, und der Autor sollte besser nicht versuchen, es zu ergründen. Aber es gibt doch einige nennenswerte Fakten: Unter den 35 Sprachen, in die meine Bücher bislang übersetzt worden sind, war das Deutsche wohl die Sprache, in der ich am wenigsten bekannt war - zumindest war das so bis zum Erscheinen meines letzten Romans „Schnee“ und bis bekannt wurde, daß ich diese wunderbare Auszeichnung, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, erhalten soll.

Ich bedauere sehr, daß meine Romane „Die weiße Festung“, „Das schwarze Buch“ oder „Rot ist mein Name“in Deutschland nur wenige Leser gefunden haben. Der Roman ist im Grunde eine Kunstform der bürgerlichen Mittelschicht des Westens, und die westliche Welt war bis vor kurzem nicht bereit, die Bildung und Eigenart nicht-westlicher Bürgerschichten zur Kenntnis zu nehmen. Bis vor kurzem war die westliche Welt an Romanen über Menschen außerhalb des Westens nur interessiert, wenn diese Menschen als ihre Opfer dargestellt wurden. Für Autoren wie mich, die lieber eine andere Geschichte erzählen als die alte Opferstory, macht das die Dinge etwas schwierig. Aber vermutlich wird der schnelle und kraftvolle Aufschwung nicht-westlicher Mittelschichten wie etwa in Indien und China diese schmale europäische Perspektive schon sehr bald erweitern.

Ihre Romane behandeln die türkischen Vergangenheit und spielen oft in osmanischer Zeit. Warum ist diese Epoche für die moderne Türkei noch immer so wichtig?

Von meinen bislang sieben Romanen sind nur zwei wirklich historische Romane. Aber Sie haben recht: Historische Szenen und Episoden tauchen in meinen Büchern immer wieder auf wie Gespenster. Ich befürworte den Prozeß der Annäherung der Türkei an den Westen, und zugleich stehe ich den grausamen Methoden, mit denen unsere osmanische Vergangenheit verdrängt und ausgelöscht werden soll, sehr kritisch gegenüber.

Ich kehre immer wieder gern zu den Wundern und Schönheiten der osmanischen Vergangenheit zurück, nicht nur, weil ich dort viele vergessene Schätze wiederentdecke, sondern weil es ein sicherer Hafen ist, der mich vor den Stürmen westlicher Einflüsse schützt, eine wunderbare Quelle, die mich mit seltsamen, ursprünglichen Mustern versieht. Im Grunde interessiert mich die osmanische Literatur und Kultur viel mehr als die osmanische Geschichte. Meine historische Vorstellungskraft gibt mir die Möglichkeit, mit der Haßliebe, die mich mit der westlichen Kultur verbindet, zurechtzukommen.

Sie stehen also in zwei literarischen und kulturellen Traditionslinien. Die eine ist westlich, und die andere ist - etwas anderes. Wie würden Sie diese Tradition definieren? Ist sie türkisch, orientalisch, islamisch?

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Die Fragen stellte Hubert Spiegel.

Quelle: F.A.Z., 06.07.2005, Nr. 154 / Seite 35
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05.07.2005, 18:15 Uhr

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