07.12.2006 · Orhan Pamuk hatte angekündigt, seine Nobelpreisrede werde unpolitisch sein. Er hat Wort gehalten und stattdessen seinem verstorbenen Vater eine Liebeserklärung gemacht. Dabei ging es auch um einen ganz bestimmten Koffer.
Von Hubert SpiegelAls Orhan Pamuk im letzten Frühjahr den Essayband „Der Blick aus meinem Fenster“ veröffentlichte, waren darin auch Erinnerungen an seinen verstorbenen Vater zu lesen. Pamuk beschrieb das selbstbewußte, völlig unbekümmerte Wesen des Vaters, der als erfolgloser Geschäftsmann und mehrfach ertappter Schürzenjäger durchaus Anlaß zum Kummer gehabt hätte, und erwähnte, beiläufig und auf wenigen Zeilen, einen Koffer.
Jetzt stand dieser Koffer im Mittelpunkt der Nobelpreisrede, die Pamuk am gestrigen Donnerstag in Stockholm gehalten hat. Sie blieb, wie angekündigt, frei von politischen Kommentaren und bildete damit den größtmöglichen Kontrast zum Vorjahr, als der englische Dramatiker Harold Pinter der Akademie eine Brandrede gegen die Irak-Politik von Bush und Blair vor die Füße schleuderte.
Liebeserklärung an den toten Vater
„Der Koffer meines Vaters“, so der Titel von Pamuks Nobel Lecture, war gefüllt mit Manuskripten. Zehn Jahre nachdem der Sohn seinen ersten Roman veröffentlicht hat, überreicht ihm der Vater die eigenen literarischen Versuche, über die in der Familie nie zuvor ein Wort verloren worden war. Der Sohn ist überrascht: „Ich weiß noch genau, wie unangenehm mich die Hefte voller Erinnerungen, die Gedichte, literarischen Versuche und Notizen berührten: Wir wünschen uns unsere Väter nicht, wie sie sind, sondern wie wir sie uns wünschen.“
Jetzt hat Orhan Pamuk die hart klingenden Worte zurückgenommen: Seine Stockholmer Rede ist eine Liebeserklärung an den toten Vater und der Versuch, zu ergründen, was den weltberühmten Schriftsteller und seinen nur insgeheim schreibenden Vater verbunden hat - auf dem Feld der Literatur und darüber hinaus.
Stürmischer Eroberer
Für beide sei das Schreiben ein Akt der „inneren Einkehr“, aber es biete auch die Möglichkeit zu Ausbruch und Flucht. Bereits in unserer gestrigen Ausgabe hat Pamuk ausführlich beschrieben, daß er die Einsamkeit des Schreibtischs braucht, um sich vor den Zumutungen des Alltags zu schützen (F.A.Z. vom 7. Dezember). Jetzt sprach er in Stockholm von der „Bedrücktheit“ des Autors als Voraussetzung großer literarischer Werke, die dem stets heiteren Vater fremd gewesen sei. Was sie indes tief verbunden habe, sei ein „kulturelles Mangelgefühl“: „Nicht nur das Lesen, auch das Schreiben stellte eine Methode dar, um aus unserem Istanbuler Leben in den Westen zu gelangen.“
Pamuk wiederholte hier ein zentrales Bild aus seinem jüngsten Buch „Istanbul“ (F.A.Z. vom 18. November): Es gilt dem latenten Minderwertigkeitsgefühl, das sich vor allem aus dem Kontrast zwischen der großen Vergangenheit der Stadt am Bosporus und ihrer oft trostlosen Gegenwart speist. Wer das als Unterwerfungsgeste deutet, kennt Pamuk schlecht: In der Aneignung dessen, was ihm an der Kultur des Westens zusagt, hat er sich in seinen Büchern als stürmischer Eroberer erwiesen.