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Ein Treffen mit Omar El Akkad : Amerikas Abstieg und Fall

Omar El Akkad in Berlin Bild: Andreas Pein

Der Journalist Omar El Akkad hat einen bösen Roman über die amerikanischen Verhältnisse geschrieben. Und die amerikanischen Kritiker jubeln. Eine Begegnung mit dem Autor.

          Vor wenigen Tagen stand in der „Washington Post“, dass es keine Waffenlieferungen der CIA mehr an syrische AntiAssad-Rebellen geben werde. Donald Trump habe das Geheimprogramm gestoppt, um, wie es aus Regierungskreisen hieß, die Beziehungen zu Russland zu verbessern. Auf dieses Zugeständnis an Wladimir Putin hat die amerikanische Öffentlichkeit mit Empörung reagiert - an der Tatsache, dass Waffen nach Syrien geliefert worden sind, schien sich hingegen niemand zu stören. Wahrscheinlich, weil Amerika sich schon seit Jahrzehnten in die Politik des Nahen Ostens einmischt - man denke nur an die Interventionen in Irak und Afghanistan oder and die Drohnenangriffe in Jemen und Pakistan unter der Obama-Regierung. Die Begründung, mit der man die Einmischung der Öffentlichkeit verkauft, lautet Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein aus globaler Überlegenheit. Welches Leid die Interventionen in der Ferne aber anrichten, was sie für die Menschen bedeuten, wie sie Biographien zerstören und auch den Radikalen immer neuen Nachwuchs in die Arme treiben, scheint dagegen egal zu sein; die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nicht aber Omar El Akkad, der Journalist, der spürte, wie eine heftige Wut in ihm aufstieg, als er vor einigen Jahren ein Interview beim Sender CNN sah. Kurz zuvor hatten in Afghanistan Dorfbewohner gegen die Präsenz amerikanischer Soldaten protestiert. Warum hassen sie uns so sehr?, wurde nun ein Auslandsexperte gefragt. Es komme vor, antwortete der, dass amerikanische Spezialkräfte bei nächtlichen Razzien Häuser verwüsteten. In der afghanischen Kultur werte man das als Beleidigung. El Akkad hörte zu und fragte sich: In welcher Kultur wäre das denn bitteschön anders?

          Es ist das Jahr 2075

          Omar El Akkad war damals 32 Jahre alt und gerade erst für seine kanadische Tageszeitung, den „The Globe and Mail“, von Toronto nach Oregon gezogen. Und er hielt sich, wie er bei unserem Treffen in Berlin sagt, in Sachen Wut und Kreativität für nicht besonders talentiert: „Mir war klar, dass ich kein James Baldwin bin, der es ja perfekt beherrschte, die eigene Wut mit äußerster Eleganz in tiefgründige Literatur zu verwandeln.“ Trotzdem fragte er sich: Was wäre, wenn man die Perspektive, an die Amerika sich gewöhnt hat, einmal vertauschte? Mit einer Geschichte über einen Krieg auf amerikanischem Boden, in dem Drohnenangriffe, chemische Waffen und Selbstmordattentäter auf einmal zum eigenen Alltag gehören? Einen Krieg, in dem nicht Amerika, sondern ein unsichtbarer Dritter aus dem Nahen Osten die Fäden zieht und Geschichtsvergessenheit und nationalistische Mythenbildung verheerene Folgen entfalten?

          Nur ein Jahr lang schrieb Omar El Akkad an seinem fast 450 Seiten umfassenden „American War“. In diesem Frühling ist dieses düstere Debüt in den Vereinigten Staaten erschienen und von der amerikanischen Presse als literarisches Ereignis gefeiert worden. Die „New York Times“ ging so weit, den Roman in eine Linie mit Cormac McCarthys „Die Straße“ und Philip Roths „Verschwörung gegen Amerika“ zu stellen. In diesen Tagen erscheint „American War“ nun auch auf Deutsch.

          Der Roman ist eine Dystopie, die in der nahen Zukunft spielt und auf beunruhigende Weise glaubwürdig ist. Es ist das Jahr 2075, und die Vereinigten Staaten haben längst als Weltenherrscher abgedankt. Tonangebend sind jetzt China und das Bouazizi-Reich, ein Zusammenschluss aus mehreren nordafrikanischen Staaten, entstanden, nachdem in einem fünften Anlauf der Arabische Frühling die Tyrannei aus dem Nahen Osten vertrieben hatte. Im Bouazizi-Reich herrschen seitdem quasi-demokratische Stabilität und Wohlstand, in Amerika schon lange Armut und Gewalt. Küstenregionen, die man auf den Landkarten der Gegenwart noch sehen kann, hat als Folge des Klimawandels das Meer verschluckt, ganze Regionen sind wegen Trockenheit unbewohnbar, und der Südwesten der Vereinigten Staaten ist ein Protektorat von Mexiko (besonders das dürfte Donald Trump nicht gefallen). Ein zweiter amerikanischer Bürgerkrieg hat das Land verwüstet, mit Columbus, Ohio, als der Hauptstadt „der Blauen“ im Norden und einem „roten Süden“, der sich weigert, den vom Norden geforderten Verzicht auf fossile Brennstoffe zu akzeptieren (auch der weltweite Trend zu alternativen Energiequellen ruft bei den sturen Südstaatlern nur Ablehnung hervor). Die Menschen fliehen, vor der Gewalt, vor Hunger, vor Naturkatastrophen, vor Epidemien. Auch die Familie von Sarah T. Chestnut, genannt Sarat, macht sich irgendwann auf den Weg. Sie steht im Mittelpunkt von „American War“.

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