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Oliver Jungen Extrawurst: „Der dicke fette Pfannkuchen“

17.03.2006 ·  Ein Palatschinken springt aus der Pfanne und wabbelt durch das Land - eine Ausreißergeschichte und ein narrativer Totalschaden: Das Märchen vom „dicken fetten Pfannkuchen“.

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Hier wenigstens muß man nicht an Knochen nagen: Faszinierende Märchen gibt es so reichlich wie Zuckerwerk. Den tiefsten Eindruck auf mich hat aber nun ausgerechnet - das erklärt sich tiefenpsychologisch - jenes postkolonialistische Ungetüm vom dicken fetten Pfannkuchen hinterlassen, wie er nach einem evolutionär beachtlichen Bewußtseinsschub aus der Pfanne springt und durch das Land wabbelt, eine Ausreißergeschichte und ein narrativer Totalschaden.

Kaum hat sich der Kloß auf die Walz begeben, begegnen ihm eingefleischte Pfannkuchenliebhaber wie Wölfe, Kühe, Häschen, Hühner, Rehe, Schweine oder Klapperschlangen. Und alle haben nur ein Begehr: Laß dich fressen, du herrliches Dessert. Der Pfannkuchen ziert sich, erteilt abschlägige Bescheide mit anschwellender Beweisführung: „Ich bin drei alten Weibern weggelaufen, Häschen Wippschwanz, Wolf Dickschwanz, Reh Blitzschwanz, Kuh Schwippschwanz und soll dir Sau Kringelschwanz nicht entwischen?“ Und ein ums andere Mal läuft er „kantapper, kantapper in den Wald hinein“. Das geht so lange, bis keine Tiere mehr im Wald, bis keine Schüler in der Klasse mehr sind.

Der Kuchen feixte

Die Performativität ist diesem Märchen schon eingebacken. Vor versammelter Elternschaft traten meinerzeit die Rehe, Frösche und Nashörner in Tischtuch-Kostümen erfolglos dem unflätigen Palatschinken in den Weg. Der Kuchen feixte. Es war ein ungeschriebenes Naturrezept, daß das dickste Kind die Hauptrolle bekam. Ich war der Igel. Aber dem ging es nicht anders als den Bibern oder Meerschweinchen. Wir lernten Verzicht. Man wird vielleicht nicht ganz falsch liegen, hinter dem Anonymus pestalozzibewegte Reformpädagogen zu vermuten. Oder doch Thomas Bernhard?

Die Pointe schließlich ist, daß es keine gibt. Der Pfannkuchen wird gefuttert. Den Einwand, daß es inzwischen ein vor Dreck starrender Lappen sein dürfte, wollte kein Lehrer gelten lassen. Einmal sind die Glücklichen drei hungrige Kinder. In einer anderen Fassung, in der die Mehlspeise gerade vor dieser Schar maulaufreißender Allesfresser die Flucht ergreift, schnappt am Ende das trickreiche Schwein zu, das viel erzählen könnte über das Schicksal wandelnder Mahlzeiten.

Wir stehen vor dem Volksmärchen im Zustand seines Zusammenbruchs, eine Kaskade von Kataklysmen: Wie der Erzählbogen scheitert so der plumpe Fluchtversuch des Helden, ja dieser Held an sich, der weder zu einer Prinzregententorte explodiert noch eine Crepe-Dame erringt. Und allemal gescheitert ist die Moral, mußte doch der Hauptdarsteller, auf dem Pausenhof fortan „Schwabbelkuchen“ gerufen, seine Extratextwurst teuer bezahlen: Mit Essen spielt man nicht.

Das „Märchen vom dicken fetten Pfannkuchen“ findet man in diversen Unterrichtsmaterialien für Grundschullehrer und als präparierten Lückentext im Internet.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2006, Nr. 65 / Seite 36
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