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Nobelpreisrede Spurensuche mit J. M. Coetzee

Der Titel seiner Rede sei „Er und sein Mann“ - oder „Sein Mann und er“? Mit seiner Nobelpreisrede in Stockholm sorgte J. M. Coetzee für die bei ihm gewohnte Verwirrung. Sie quoll über von Deutungen und Bildern zum Autor und seinem Leben.

© AP Vergrößern Er und sein Mann: Coetzee in Stockholm

Er liebt es zu verfremden, zu verwirren, bisweilen auch ein wenig spielend zu kokettieren: Vor Beginn seiner Rede zum Literaturnobelpreis tat John Coetzee alles zugleich. Beiläufig bemerkte er, der Titel seiner Rede sei "Er und sein Mann" - oder sei es "Sein Mann und er"? Das wisse er nicht mehr genau. Damit verwischte er Ebenen und Spuren noch stärker, als es in seinem Vortrag, einem literarischen Spiel um Verfremdung der Wirklichkeit und der Sprache, ohnehin bereits angelegt war.

Coetzee gilt als unnahbar und rätselhaft, und dieses Bild bestärkte er in einem Gespräch mit dem schwedischen Fernsehen, seinem ersten Fernsehinterview seit gut zwei Jahrzehnten. Dabei sagte er in einer halben Stunde Sendezeit nur einige Sätze zu seinem Urgroßvater und seiner Großtante und zu seinem Drang als Student, "alles" lesen zu müssen. Würde er jetzt noch einmal studieren - aber dafür sei es "viel zu spät" -, würde er sich um theoretische Linguistik und künstliche Intelligenz bemühen. Zu seinem Werk wollte er sich ebensowenig äußern wie zu Themen, über die er schon einmal geschrieben hatte.

Anflug eines Lächeln

In Stockholm zeigt sich jedoch auch, daß Coetzee charmant sein kann, mit einem offenen Ohr, einer intensiven Zuwendung und einem gelegentlichen Händedruck für jeden, der das Gespräch mit ihm sucht, und bisweilen gar dem Anflug eines Lächelns - etwa, als der Beifall seiner Zuhörer bei seiner Nobelrede im Festsaal der Schwedischen Akademie am Sonntag abend lange anhielt. Coetzees schwedische Verlegerin, die ihn seit 21 Jahren betreut, begegnete ihm bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal persönlich. Ebenso wie seine deutsche Lektorin beim S. Fischer Verlag berichtet sie, der Schriftsteller sei im Arbeitsumgang rasch, präzise, zuverlässig und freundlich - stets über E-Mail. Bei diffizilen Übersetzungsfragen wird er einbezogen.

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Deutsch, das er nicht spricht, beherrscht er dennoch so gut, daß er auch schwierige Formulierungen rasch begreift und einordnet. Immer wieder wird seine angebliche Menschenscheu angeführt - der Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, sprach zur Begrüßung gar von "Eremitentum". Beim inzwischen dreißig Jahre währenden Umgang mit Studenten an den Universitäten in Kapstadt, Adelaide und derzeit Chicago zeigt Coetzee diese Scheu nicht. Er meidet vor allem den Medienrummel und den Literaturbetrieb, und Wortgeschwall begegnet er mit grandioser Mißachtung.

Dichtes Programm

Weithin war unter Verweis auf den Booker-Preis, dessen Verleihung er zweimal ferngeblieben war, vermutet worden, Coetzee werde auch nach Stockholm nicht kommen. Nun jedoch stellt sich der Autor in Schweden eine Woche lang einem dichten Programm, darunter auch Büchersignierstunden - nach der Nobelrede unterzeichnete er geduldig Einladungszettel.

Seine Nobelrede - bis unmittelbar davor hatte er gezögert, der Nobelstiftung das Urheberrecht zu übertragen (F.A.Z. vom 6. Dezember) - quoll über von Deutungen und Bildern zum Autor und seinem Leben. Nur wenn er sich "diesem Mann, seinem Mann", ausliefere, kämen Worte, und dann wieder seien seine Finger steif und seine Feder unwillig. Und auch ihm scheint es wohl, als würde auf der Welt zuviel geredet. Seine früheren literarischen Annäherungen an Hofmannsthals Chandos-Brief schienen nahe. Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe" hat Coetzee als Achtjähriger verschlungen und sich ihm in Metaphern immer wieder genähert. Crusoe hat sich auf der Insel an die Einsamkeit gewöhnt, wurde dabei "fast" verrückt, und Schreiben gilt ihm als "recht angenehme Freizeitbeschäftigung". "Er und sein Mann", wie die Rede überschrieben ist, steht für die untrennbaren Rollen des J. M. Coetzee: Herr und Sklave, Zwillingsbrüder, Waffenkameraden, Gegner.

Ob in seiner Rede einige Halbsätze an das alte und das neue Südafrika erinnern sollten, das er zumindest vorerst verlassen hat, ohne auszuwandern, kann wohl nur er selbst beantworten - was er, der leichtfertige politische Festlegungen scheut, aber gewiß nicht tun wird. Er spricht von Kolonisten auf der düsteren Seite der Insel, von Kannibalen, die an der Wahrheit nagen, über die Zeit des Jammers und schließlich die als "jämmerliche Feigheit verdammte" Flucht aus dem London der Pestjahre: Ähnlich betrachteten manche Südafrikaner Coetzees Umzug ins australische Adelaide.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2003, Nr. 286 / Seite 37

 
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Veröffentlicht: 08.12.2003, 17:16 Uhr