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Dienstag, 14. Februar 2012
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Nobelpreis-Reaktionen Türkei und Armenien freuen sich gemeinsam

12.10.2006 ·  In Armenien ist die Vergabe des Literaturnobelpreises an Pamuk mit Genugtuung aufgenommen worden. Auch türkische Verbände in Deutschland zeigen sich erfreut: Reaktionen auf Pamuks Ehrung.

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Marcel Reich-Ranicki, Deutschlands bekanntester Literaturkritiker, hat freimütig zugegeben, das Werk des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk nicht zu kennen. „Ich kann mich nicht äußern, ich habe ihn nie gelesen“, sagte der 86jährige am Donnerstag. „Türkische Literatur hat mich nie interessiert. Ich muß nicht alle Literaturen dieser Welt lesen.“ Auch die Verleihung des Nobelpreises sei für ihn kein Ansporn, sich jetzt Pamuks Bücher vorzunehmen: „Ich habe soviel anderes zu lesen.“

Der letztjährige Träger des Literaturnobelpreises, Harold Pinter, ist mit der Wahl seines Nachfolgers äußerst zufrieden: „Es hätte niemand besseren treffen können, er ist ein wunderbarer Schriftsteller“, sagte Pinter in London. „Ich hatte im letzten Jahr darauf getippt, daß er den Preis bekommt, aber da kam jemand dazwischen...“, fügte der 76jährige hinzu.

Der kurdischstämmige türkische Schriftsteller Yasar Kemal hat die Leidenschaft und die Standhaftigkeit seines Kollegen Orhan Pamuk gelobt. „Ich vertraue darauf, daß er neue Romane mit der bisher gezeigten Leidenschaft schreiben wird“, sagte Kemal, der wie Pamuk Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ist. Er habe keinen Zweifel, daß Pamuk auch in Zukunft zu dem stehen werde, woran er glaube, sagte Kemal. „Ich habe mich sehr gefreut, daß du (Pamuk) diesen verdienten Preis erhalten hast“, gratulierte der Schriftsteller.

Neuer Pamuk-Roman schon im November

Der deutsche Verlag des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers hat sich begeistert über die Auszeichnung des Schriftstellers gezeigt. „Das ist natürlich toll, wir feiern“, sagte Regina Fleer vom Hanser Verlag in München, der sechs Werke des türkischen Autors in Deutschland vertreibt. „Wir freuen uns riesig.“ Der Verlag hat den Erscheinungstermin für Pamuks neuen Roman „Istanbul“ vorgezogen. Statt im Februar kommenden Jahres soll das rund 430seitige Werk bereits am 18. November in den Handel kommen, wie der Verlag am Donnerstag mitteilte. Geplant sei eine Startauflage von 40.000 Exemplaren. Zugleich kündigte er für Ende kommender Woche eine Nachauflage von Pamuks derzeit erfolgreichstem Roman „Schnee“ an. Das Buch ist demnach bislang rund 80.000 mal verkauft worden.

Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, hat Pamuk als mutigen Autor gewürdigt. Pamuk erspare seinen Landsleuten unbequeme historische Erinnerungen nicht, mahne aber genauso energisch die Westeuropäer zu einem offenen Dialog mit den Türken, erklärte Staeck. „Pamuk hat uns vor einem Jahr in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ins Gewissen geredet, daß deutsche Politiker es sich zu leicht machten, wenn sie zu Wahlkampfzwecken antitürkische Ressentiments schürten und den Respekt vor der türkischen Kultur vermissen ließen“, sagte Staeck. „Mit Pamuk erhält ein Autor den Nobelpreis, dem der Gedanke einer europäischen Friedenspolitik, die auch die Türkei einschließt, wichtiges Anliegen seiner schriftstellerischen Arbeit ist. Mit ihm wird ein Garant des Anti-Nationalismus geehrt.“

„Grenzgänger und Brückenbauer“

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat die Verleihung des Literaturnobelpreises an Pamuk als „ein Signal für die Freiheit der Kunst und des Wortes“ begrüßt. Mit Pamuk werde ein Künstler geehrt, der für diese Freiheit stets unerschrocken eingetreten sei. „Orhan Pamuk ist Grenzgänger und Brückenbauer zugleich. Er hat mit seinem Werk viel zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen beigetragen.“ Scheinbar mühelos schlage er den Bogen zwischen Orient und Okzident, zwischen Christentum und Islam. „Als Wanderer zwischen den Welten gelingt es ihm meisterlich, christlich wie islamisch geprägte Geschichte und Geschichten lebendig zu halten“, betonte Neumann.

Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), äußerte sich erfreut über die Preisverleihung an Pamuk. Die Auszeichnung gelte einem Autor, der wie wenige andere Brücken des Verständnisses zwischen den Kulturen baue. Es sei zu hoffen, daß die Verleihung des Literaturnobelpreises an Pamuk „auch die Kreise in der Türkei zum Nachdenken bringt, die ihn bisher wegen angeblicher, Herabwürdigung des Türkentums angefeindet und auch bedroht haben“.

„Große Welthaltigkeit“

Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth meinte, mit der erstmaligen Auszeichnung eines türkischen Schriftstellers mit dem Literaturnobelpreis sei auch eine Anerkennung des persönlichen Mutes von Pamuk verbunden. Der Nobelpreis sei aber auch eine Auszeichnung für eine lebendige Kultur in einem Land, das einen tief greifenden und schwierigen Reformprozess durchlaufe. „Orhan Pamuk ist einer der wichtigsten Vertreter dieser Kultur. Werke wie „Rot ist mein Name“ und „Schnee“ gehören genauso zur Weltliteratur - wie die Türkei nach Europa gehört.“

Die Vergabe des Preises an Pamuk bestärkt nach Ansicht des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die politische Haltung des Autors. „Für ihn ist dieser Preis eine Bestätigung seiner literarisch-politischen Situation in der Türkei“, sagte der Vorsteher des Branchenverbandes, Gottfried Honnefelder, am Donnerstag in Frankfurt. Der Börsenverein hatte Pamuk im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. „Ich bin sicher, daß Pamuk nun die Hunderttausende zusätzliche Leser in Deutschland bekommen wird, die er verdient“, sagte Honnefelder zur Nobelpreis-Vergabe. Der Verleger würdigte Pamuk als „sprachmächtigen Romancier“. Die Entscheidung der Schwedischen Akademie sei aus seiner Sicht „aus subjektiven und objektiven Gründen eine vorzügliche“. Honnefelder bekräftigte: „Es gibt in der Generation von Pamuk wenige Autoren, die so große Welthaltigkeit in ihren Werken haben, die die Realität unserer Welt so komplett abbilden.“

„Den Preis nicht politisieren“

Auch in der Türkischen Gemeinde in Deutschland ist Nachricht mit großer Freude aufgenommen worden. „Wir sind sehr erfreut, daß ein Vertreter der türkischen Kultur diese hohe Auszeichnung bekommt“, sagte der Stellvertretende Bundesvorsitzende Hilmi Kaya Turan am Donnerstag in Berlin. Pamuk sei in der Türkei als Schriftsteller hoch anerkannt. „Sicher ist er mit seinen politischen Äußerungen umstritten, aber an seinem literarischen Wirken kann man nicht rütteln“, betonte Turan.

„Ich würde davon abraten, die Verleihung des Preises an Pamuk zu politisieren“, meinte Turan. „Er hat sich mit seinem Können als Literat einen Namen gemacht. Außerdem ist es gut, daß sich Künstler auch zu gesellschaftlichen Fragen äußern.“ Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) hat die Nobelpreisverleihung an Pamuk ebenfalls begrüßt. „Wir freuen uns, daß ein türkischer Schriftsteller den Preis bekommen hat“, sagte TBB-Sprecher Safter Cinar am Donnerstag. „Pamuk ist mit seinen Äußerungen in der Türkei bekanntermaßen sehr strittig, aber das gehört zur Meinungsfreiheit. Der Nobelpreis an ihn könnte zudem ein Impuls sein, das türkische Strafrecht weiter zu liberalisieren.“

Genugtuung in Armenien

In Armenien ist die Vergabe des Literaturnobelpreises an Pamuk mit Genugtuung aufgenommen worden. Pamuk habe den Preis auch deshalb bekommen, weil er die Wahrheit über den osmanischen Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg geschrieben habe, sagte der Vorsitzende des armenischen Schriftstellerverbandes, David Muradjan, am Donnerstag in Eriwan. „Das ist eine Verbindung des Literatur-Preises mit der Moral“, bekräftigte der Schriftsteller und Filmkritiker.

Pamuk hatte in einem Interview gesagt, daß in der Türkei „eine Million Armenier und 30.000 Kurden umgebracht wurden“. Daraufhin war er von türkischen Nationalisten angegriffen und wegen „Herabwürdigung des Türkentums“ vor Gericht gestellt worden. Das von internationalen Protesten begleitete Verfahren wurde Anfang des Jahres eingestellt. Im Ersten Weltkrieg war ein großer Teil der armenischen Christen im Osmanischen Reich vertrieben und getötet worden. Die Schätzungen reichen von mehreren hunderttausend bis zu 1,5 Millionen Toten.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa, AP
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