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Nobelpreis für ein Plagiat : Die Ruhmsucht der Sowjetunion

Wem gehört „Der stille Don“? Gennadi Karjakin als Bolschewik und Pjotr Glebow als Grigori Melechow in der Verfilmung des Bürgerkriegsklassikers von 1957. Bild: ddp Images

Für den Roman „Der stille Don“ erhielt Michail Scholochow 1965 den Literaturnobelpreis. Doch hinter dem Buch steckte nicht er, sondern ein Projekt des Geheimdienstes.

          Dass eine Kultur Strukturen ihrer Vorgänger umnutzt, wie es das Christentum mit antiken oder der Islam mit christlichen Tempeln tat, hat lange Tradition. Desgleichen, dass Künstler, denen es an Potenz mangelt, sich mit fremden Federn schmücken; wobei ihnen, wie im Fall Helene Hegemann, die peinliche Entlarvung droht. Dass Nachgeborene sich gern kulturelles Material aneignen, dessen Sinn ihnen verschlossen bleibt, veranschaulicht zumal die Ägyptologie. Doch einer real existierenden Kultur ihre Früchte wegzunehmen, ohne sie recht zu verstehen, sie dann einer potemkinschen Autorenfassade zuzuschreiben, nicht ertappt zu werden und sogar noch den Nobelpreis einzuheimsen, das gelang wohl nur der Sowjetunion: in Person von Michail Scholochow (1905 bis 1984) mit seinem Roman „Der stille Don“.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Gerüchte, Scholochows Bürgerkriegsepos sei ein Plagiat, kursierten schon seit Erscheinen des ersten Bandes 1928. Alexander Solschenizyn gelangte später zu der Überzeugung, der Schriftsteller und Pädagoge Fjodor Krjukow (1870 bis 1920), der im Bürgerkrieg auf Seiten der Weißen kämpfte, sei der Verfasser, während Scholochow behauptete, er habe bis 1940 an dem Werk gearbeitet. Solschenizyn, der den Nobelpreis 1970, fünf Jahre nach Scholochow, bekam, modellierte seine Figur des Kosakenliteraten Fjodor Kowynjow in dem Roman „Das rote Rad“ nach Krjukow. Freilich wurde die Vermutung, dieser Autor habe den „Stillen Don“ verfasst, nur durch dessen Erzählung „Kräuseln“ (Syb’) von 1909 gestützt, deren derb zupackender, sinnlich dichter Stil an den Roman gemahne, erklärt der russisch-israelische Literaturwissenschaftler Zeev Bar-Sella, einer der ausgewiesenen Experten zu dem Thema. Danach, näher zur Zeit der Handlung des „Stillen Don“ hin, scheinen Krjukows Texte an Biss verloren zu haben. In Ermangelung anderer Quellen, etwa eines Originalmanuskripts, befragte Bar-Sella den Romantext selbst nach seinem Autor und hat im Verlauf von zwanzig Jahren Forschung das ganze sowjetstaatliche „Projekt Scholochow“ rekonstruiert.

          Von dubioser Herkunft

          „Der stille Don“ schildert in vier Bänden die Irrfahrten des Donkosaken Grigori Melechow, der eine Frau liebt, eine andere heiratet, im Ersten Weltkrieg und im russischen Bürgerkrieg kämpft, mal auf Seiten der Weißen, mal für die Roten. Mit weitem Atem und souveräner Detailbeherrschung werden Kosaken- und Soldatenalltag gezeichnet. Poetische Naturbilder wechseln mit blutig konkreten Szenen von Verstümmelung und Tod. Der reiche Wortschatz, volkstümliche Wendungen, literarische Anspielungen zeugen von Bildung und Erfahrung. Der Autor müsse aus der Don-Region stammen, Krieg und Bürgerkrieg als reifer Mann und gestandener Schriftsteller erlebt und, den Zitaten nach zu urteilen, ein Faible für Iwan Turgenjew und Iwan Bunin gehabt haben, resümiert Bar-Sella. Da Südrussland an Schriftstellern nicht reich war, habe er die „Kosakische Enzyklopädie“ konsultiert und sei dort fündig geworden: Wenjamin Krasnuschkin (1891 bis 1920), Spross einer geadelten Kosakenfamilie, hatte sich unter dem Pseudonym Viktor Sewski als Erneuerer der physiologischen Skizze einen Namen gemacht. Er focht auf Seiten der Weißen, bis die Roten ihn erschossen. In Krasnuschkins sechs Bände starkem Œuvre findet sich auch eine Studie über Turgenjew und dessen „literarischen Enkel“ Bunin, der sich im Bürgerkrieg ebenfalls auf die Seite der Weißen geschlagen hatte und im Pariser Exil 1933 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

          Michail Scholochow komme als Autor des „Stillen Don“ gar nicht in Frage, versichert Bar-Sella, denn er war zu Beginn des Ersten Weltkriegs neun, bei Ausbruch des Bürgerkriegs vierzehn Jahre alt, und gekämpft hat er in keinem. Scholochow hatte auch so gut wie keine Schulbildung. Seine spätere Behauptung, er habe ein Moskauer Gymnasium besucht, werde durch die Dokumente dieser Schule widerlegt, sagt Bar-Sella. Außerdem war Scholochow am Don ein Fremdling, der nicht einmal reiten konnte, seine Mutter eine ukrainische Bäuerin, sein Vater ein Kleinhändler aus Zentralrussland, er selbst somit von „bourgeoiser“, für die Bolschewiken also dubioser Herkunft. Sie beschäftigten den jungen Mann als subalternen Steuerinspektor, bis er 1922 wegen Bestechlichkeit verhaftet wurde. Man schickte ihn in eine Strafkolonie für Minderjährige bei Moskau.

          Kompromittierter Kulturarbeiter

          Doch statt dorthin gelangte der damals siebzehn Jahre alte Straftäter Scholochow in die Hauptstadt, wo er Behördenarbeit erledigte, Literaturkurse besuchte, Kurztexte publizierte. Wie das? Der kompromittierte, also ideal lenkbare Scholochow war zu seinem Mentor geflohen, Leon Mirumow, einem Mitarbeiter der Wirtschaftsabteilung der Staatlichen Politischen Verwaltung GPU, wie der russische Sicherheitsdienst damals hieß. Scholochow kannte Mirumow seit seiner Ausbildung zum Steuerinspektor am Don und war wohl, so vermutet Bar-Sella, von ihm angeworben worden. Jedenfalls fand der Philologe Archivdokumente mit Zeugnissen eines GPU-Funktionärs, wonach Scholochow selbst erzählte, er habe in Moskau beim GPU gedient.

          In der chaotischen Zeit nach dem Bürgerkrieg wurde Sowjetrussland de facto vom Geheimdienst regiert. Die Wirtschaft lag am Boden, Lenin war durch Schlaganfälle neutralisiert, die Parteigranden stritten um die Nachfolge. GPU-Leute saßen an ökonomischen Schaltstellen und machten auch Kulturarbeit, sagt Bar-Sella. Man habe insbesondere den russischen Emigranten beweisen wollen, dass es eine bedeutende Sowjetliteratur gab. Das Beute-Manuskript des ermordeten Weißgardisten Krasnuschkin, dessen Wert die Staatssicherheit offenbar erkannt hatte, brauchte also einen vorzeigbaren Adoptivvater. So wurde der literarisch unfähige Michail Scholochow aufs Autorenpodest gehievt, sagt Bar-Sella, der ihn dafür regelrecht bemitleidet: Ein Leben lang habe er für das Werk von jemand anderem einstehen müssen.

          Überfordert mit dem Originalmanuskript

          Vielen Zeitgenossen fiel auf, dass Scholochow über Literatur nicht reden mochte. Er wurde gefragt, was das Bild der schwarzen Sonne im „Stillen Don“ bedeute – ein Topos, den man von den russischen Symbolisten bis zu Ossip Mandelstam verfolgen kann. Er aber sagte, als er den Tod seiner Heldin Axinja beschrieb, sei ihm schwarz vor Augen geworden. Als jemand wissen wollte, woher er seine Romanfigur Lagutin habe, verwies er auf Archivakten, Genaueres indes habe er vergessen – und das kurz nach Erscheinen des Buches.

          Bar-Sella konnte obendrein nachweisen, dass Krasnuschkins nachgelassenes Textkonvolut Scholochow beziehungsweise dessen GPU-Lektoren überforderte. In seiner Studie „Der stille Don gegen Scholochow“ (Tichij Don protiv Scholochowa) zeigt der Literaturwissenschaftler, dass im veröffentlichten Roman etliche Episoden doppelt dargestellt werden, einmal literarisch elaboriert, einmal skizzenhaft knapp. Der Forscher folgert daraus, dass das Originalmanuskript zwei Textsorten enthalten habe, Entwürfe und Reinschriften desselben Werks. Im Scholochow-Labor wurde aus beiden ein Fleckerlteppich geknüpft. Auch verdächtige Wortersetzungen deuten darauf hin, dass die Lektoren mit Krasnuschkins Vokabular nicht zurechtkamen. So findet sich im Ostpreußen des Romans eine Stadt mit dem Namen des zaristischen Premierministers Stolypin, die es aber nicht gibt. Bar-Sella vermutet, ursprünglich sei Stallupönen gemeint gewesen.

          Ghostwriting für den Nobelpreis

          Solche Nebensachen konnten die Mitglieder der russischen Assoziation proletarischer Schriftsteller RAPP nicht interessieren. Dafür meinten einige, dass das Buch weißgardistisch sei. Stalin veranlasste eine Prüfung, Scholochow bekam aber den politischen Persilschein. Doch das „Projekt Scholochow“ erforderte bald neue literarische Ressourcen. Als Mitautor des letzten, schwächsten Bandes des „Stillen Don“ identifiziert Bar-Sella den berühmten Schriftsteller Weniamin Kawerin, und zwar aufgrund einer von diesem anderweitig verwendeten Schilderung des Todes der Mutter des Helden. Ein anderer Roman von Scholochow, sein Kolchosepos „Neuland unterm Pflug“ (1932 bis 1959), verrate die Federn Boris Pilnjaks und Mark Ergarts. Scholochows Kriegsroman „Sie kämpften für die Heimat“ stamme passagenweise erkennbar von Andrej Platonow, dessen unnachahmliche Sprache nur notdürftig vergröbert worden sei. Bar-Sella hebt besonders hervor, dass alle Scholochow-Ghostwriter bis ins Grab geschwiegen haben – im Unterschied zu einer anderen literarischen Gemeinschaftsproduktion, Nikolai Ostrowskis Arbeitsheldenepos „Wie der Stahl gehärtet wurde“, von dessen sieben Autoren einer sich verplauderte.

          Das erklärte Ziel, der Nobelpreis für die offizielle Sowjetliteratur, wurde beim ersten Mal, als das Stockholmer Komitee Scholochows Kandidatur erwog, noch verfehlt. 1958 entschieden sich die Nobeljuroren für Boris Pasternak und seinen Roman „Doktor Schiwago“, der in Sowjetrussland nicht erscheinen durfte und daher in Italien herausgekommen war. Auch „Doktor Schiwago“ versetzt uns in Welt- und Bürgerkrieg. Das Hauptheldenpaar bilden ein Arzt und eine Krankenschwester, die das Leid der Revolutionswirren erleben, zu lindern versuchen, einander lieben, aber das Wohl ihrer Angehörigen über das eigene stellen. Es ist eine zutiefst christliche Geschichte in einer Zeit der Christenverfolgung. Pasternak dürfte das Geheimnis des „Stillen Dons“ gekannt haben, denn er erwähnte es wie ein autorloses Buch. Den Nobelpreis anzunehmen wurde ihm von der Sowjetunion verboten. Stattdessen startete eine staatlich gelenkte Hetzkampagne gegen ihn, die Pasternaks Gesundheit ruinierte und seinen frühen Tod 1960 mitverursachte.

          Doch auch in Westeuropa gab es Kritik am Stockholmer Urteil von 1958. Als Jean-Paul Sartre, der prokommunistische Philosoph, 1964 den Literaturnobelpreis erhalten sollte, wies er die Auszeichnung auch deswegen zurück, weil vor ihm nicht Scholochow, sondern Pasternak damit bedacht worden war, für ein Werk, das im eigenen Land verboten und nur im Ausland publiziert vorlag. Im Folgejahr wurde das dann korrigiert: Michail Scholochow, der für „seine“ Werke bereits den Stalin- und den Lenin-Preis erhalten hatte, Vollmitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften war und schon bald bei Hetzkampagnen zornige Schriftstellerworte gegen „Schreiberlinge“ wie Andrej Sinjawski, Juli Daniel und Alexander Solschenizyn schleudern sollte, konnte endlich auch den Nobelpreis entgegennehmen. Bei der Verleihungszeremonie verweigerte er allerdings die im Protokoll vorgesehene Verbeugung vor dem schwedischen König. „Wir Kosaken“, so erklärte der Nichtliterat und Nichtkosak Scholochow, „verbeugen uns nur vor unserem eigenen Volk.“

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