http://www.faz.net/-gqz-7opn1

Weltkriegsroman „Schlump“ : Nicht nur Dumme kommen in die Schützengräben

  • -Aktualisiert am

Was vom Weltkrieg außer Toten, Versehrten und Verstörten wie Schlump übrig blieb: Unter einem gallischen Hahn versammelte Frankreich 1919 die Relikte der Kämpfe aus den vorangegangenen vier Jahren. Das Foto ist Teil der derzeit im Willy-Brandt-Haus gezeigten Ausstellung „Der Erste Weltkrieg in Farbe“ (bis 1. Juni). Bild: Sammlung Reinhard Schultz

Der Schelm wandelt sich im Gemetzel zum Revoluzzer: „Schlump“ von Hans Herrmann Grimm ist ein großer Weltkriegsroman. Kiepenheuer & Witsch hat ihn zum Gedenkjahr neu herausgebracht.

          Das Erste, was an diesem Roman auffällt, ist sein enorm hohes Tempo. Nach sechs Seiten ist die Vorgeschichte der Eltern (der Vater ist Schneider) und die Herkunft des Namens geklärt (denn Schlump heißt natürlich nicht so, sondern verdankt seinen Namen einem Schutzmann, also einem Autoritätssymbol des Wilhelminismus), und nach gleicher Distanz ist Schlump, gerade siebzehnjährig, schon Soldat. Wenige Seiten später ist der Rekrut Ortskommandant im französischen Loffrande, weil er etwas Französisch kann, und für die Verwaltung dreier benachbarter Dörfer zuständig.

          Die Kommandantur ist in einer Wirtschaft untergebracht, und der junge Mann lebt da nicht nur wie die Made im Speck, sondern genießt auch die Gunst der Mädchen im Ort, die allesamt hübsch sind und vor allem willig. Ein Mädchen hat er zu Hause zurückgelassen, die Johanna, die anders als die anderen ist: eine heilige Johanna nämlich, wie sich am Ende herausstellen wird, wenn alles überstanden ist.

          Obwohl Hans Herbert Grimm, der seinerzeit anonyme Verfasser des 1928 bei Kurt Wolff publizierten Romans „Schlump“, in seinem Mädchen- und Frauenbild dem Klischee nicht ganz entkommen ist, ist dies doch ein lesenswertes Buch. Die Klischees sind im Übrigen den geschilderten Zeitläuften zu einem gewissen Grad angemessen, weil sich im Krieg die Sitten schnell lockern, was am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland zu dem Slogan geführt hat: „Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich.“

          Simplicissimus im Weltkrieg

          Hier aber ist natürlich vom Ersten Weltkrieg die Rede. Den Verlag Kiepenheuer & Witsch hat der hundertste Jahrestag seines Ausbruchs bewogen, das lange Zeit verschollene Buch (das gleichwohl nicht völlig vergessen und etwa unter Germanisten durchaus bekannt war) neu herauszubringen, mit dem eindrucksvollen Originalumschlag von Emil Preetorius und den Zeichnungen von Otto Guth. Grimms Roman steht in der Tradition des Schelmenromans. Schon der Untertitel deutet darauf hin: „Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt ,Schlump‘. Von ihm selbst erzählt.“ Hans Herbert Grimm, Lehrer für Englisch, Französisch und Spanisch im thüringischen Altenburg, war schließlich ein literarisch gebildeter Mann.

          Man darf also an Simplicissimus denken und ebenso auch an den braven Soldaten Schweijk, der schon 1926 in erster deutscher Übersetzung vorlag. Dennoch ist es etwas zu kurz gegriffen, Schlump nur als einen Helden des Überlebens zu charakterisieren, wie es Volker Weidermann in seinem Nachwort tut. Dass am Ende „die Schlump-Idylle ... von all dem unberührt (liegt) wie einst“, trifft nicht zu. Zwar zieht dieser Held anfangs wie viele seiner Generation fröhlich in einen Krieg, von dem er keine andere Vorstellung hat als diese: „Siegreich zog man zu Hause ein. Die Mädchen warfen Blumen aus den Fenstern, und es wurden Feste gefeiert ohne Ende.“ Und wie man oben gesehen hat, beginnt dieser Krieg für Schlump zunächst tatsächlich mit einem schönen Leben in der Etappe: „Er hätte den Krieg vergessen, wenn nicht oft die Fenster so laut geklirrt hätten von den Kasernen, dass sie alle zusammenfuhren.“

          Kleinkönig des Schützengrabens

          Bei diesem Geräusch bleibt es jedoch nicht. Irgendwann muss Schlump packen, und es geht in mehreren Schritten an die Front. Unterwegs kommt man „an verrosteten Drahtverhauen vorbei, an einem großen Soldatenfriedhof, wo sie zu Hunderten schliefen, die 1914 ausgerückt waren“. Der Stellungskrieg an der Westfront hat seitdem schon auf beiden Seiten Zehntausende das Leben gekostet. In den Schützengräben landet dann auch Schlump, obwohl er doch gehört hat, dass dorthin nur die Dummen kommen und er sich für schlau hält. Als er noch einmal in die Nähe von Loffrande kommt, fühlt er sich wie „ein abgesetzter König.“ Nach seiner ersten Verwundung kommt der abgesetzte König zurück nach Deutschland ins Lazarett.

          Zurück im Schützengraben, erlebt Schlump das wirkliche Inferno. Auf der anderen Seite liegen jetzt nicht mehr „die Franzeks“, sondern die „Tommies“. Das Schlachtfeld ist übersät mit Toten; auf einer abgeschnittenen Schädeldecke wird das zugehörige Hirn präsentiert wie eine Delikatesse. Die Apokalypse kulminiert, als ein Kamerad Schlumps einen betrunkenen Engländer im gemeinsamen Todestanz umarmt, bis die Handgranate zwischen ihren Körpern zündet.

          Ein Überlebensheld

          Schlump hat das Glück, noch einmal schwer verwundet zu werden und abermals ins Lazarett und vorübergehend sogar nach Hause zu kommen, wo sein Vater an Hungertyphus stirbt. Schlumps Krieg endet wieder in der Etappe, als Mitarbeiter einer Wechselstube in Maubeuge. Er macht hier Geschäfte wie die anderen, obwohl er „kein geborener Schieber“ ist. Zugleich wird der Schelm im Einzelfall aber auch zum Aufrührer und Rebellen, der seine Kameraden gegenüber einem widerwärtigen Major auffordert: „Schlagt das fette Schwein tot!“ Die Ablehnung jeglicher Autorität ist ein Zug dieses Überlebenshelden, die in der bisherigen Rezeption zu wenig beachtet wurde. Am Ende liefert Grimm eindrucksvolle Bilder des Rückzugs und der allgemeinen Auflösung, wie sie uns gerade fürs Ende des Zweiten Weltkriegs Alexander Kluge vorgelegt hat.

          Dem Autor selbst ist es im Leben weniger glücklich ergangen als seinem Helden. „Schlump“ wurde in der Wahrnehmung durch den gleichzeitigen Erfolg von Remarques „Im Westen nichts Neues“ überschattet, zumal Grimm seine Autorschaft geheim hielt. Da er im Gegensatz zu Remarque in der Nazizeit nicht emigrierte und aus Opportunitätsgründen sogar in die NSDAP eintrat, wurde er nach dem Krieg mit einem Berufsverbot als Lehrer belegt. Er durfte ein Jahr als Dramaturg am Theater arbeiten, bevor man ihn zur Arbeit in eine Sandgrube schickte. 1950 luden ihn die DDR-Behörden zu einem Gespräch nach Weimar. Über den Inhalt ist nichts bekannt. Zwei Tage später nahm er sich in seiner Heimatstadt Altenburg das Leben.

          Der Roman hat seine Frische behalten, was nicht zuletzt am erwähnten Erzähltempo liegt. Er ist eine präzise Darstellung des Krieges in allen Facetten, auch und gerade in einer Zeit, in der Deutschlands Sicherheit nun am Hindukusch verteidigt wird.

          Weitere Themen

          „Frieden über alles“

          Erinnerung an Kriegsende : „Frieden über alles“

          Bei den Gedenkfeiern an den Ersten Weltkrieg erinnern Macron und Merkel vor allem daran, wie wichtig Frieden ist. Und diagnostizieren eine Gefahr dafür – Eigeninteresse und Nationalismus.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Thomas Holl

          FAZ.NET-Sprinter : Kampf um den Thron

          Für Theresa May steuert die seit Monaten andauernde Zitterpartie um ihr politisches Überleben nach Tag Eins des Brexit-Deals auf eine Entscheidung zu. Und ihrer deutschen Amtskollegin steht ein schwieriger Besuch in einer schwierigen Stadt bevor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.