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New Yorker Festival John Updike und die drei Geheimnisse des Lebens

26.09.2005 ·  Meisterklasse: Das Festival des „New Yorker“ zelebriert Künste, Wissenschaften und Literatur. John Updike gab Schmonzetten aus seiner Jugend zum besten, und Jonathan Franzen testete sein Talent als stand-up comedian.

Von Jordan Mejias, New York
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John Updike war gekommen, um Schmonzetten aus seiner Jugend zum besten zu geben. Jonathan Franzen testete sein Talent als stand-up comedian. Zadie Smith blickte in ihr multikulturelles Kaleidoskop und erweckte dabei das geschriebene Wort zum geradezu hochvirtuosen Vortragspodiumsleben. Oft zur gleichen Zeit setzten sich an anderen Orten E. L. Doctorow, Stephen King, T. Coraghessan Boyle, Jeffrey Eugenides, Nicole Krauss, Richard Ford und viele andere Schriftsteller vors Mikrophon. Was sie ihm anvertrauten? Darüber weiß der Berichterstatter, dem die Gabe der Ubiquität abgeht, nichts zu sagen. Er kann nur versichern, daß das sechste, alljährlich stattfindende „New Yorker Festival“ auch dieses Jahr wieder eine schwer einzuholende Schau der literarischen Prominenz bot. Obwohl es kein Literaturfestival ist.

Wie das Magazin, das sich das Programm ausdenkt, ist auch das „New Yorker Festival“ eine Übung in ungehemmtem, kuriosem und nie weniger als kauzigem Eklektizismus. Wer fragt, warum dieser Banjospieler und nicht jene Hochseilartistin eingeladen wurde, hat schon sein Hipstertum verspielt. Die Auswahl, die der „New Yorker“ jede Woche trifft, ist, wie sie ist, und darum gibt es gewissermaßen per definitionem an der idiosynkratischen Melange des „New Yorker Festivals“ nichts zu mäkeln. Also haben wir uns erst mal wertfrei gefreut, über Soloauftritte, Duette und chorische Darbietungen von so unterschiedlichen Zeitgenossen wie dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins, dem New Yorker Polizeidezernenten Raymond W. Kelly, dem Tanzgott Mikhail Baryshnikov, dem Hip-Hop-Ensemble „The Roots“ und den Singer-Songwritern Tracy Chapman und Rufus Wainwright.

Modestars und Cartoonisten

Hier kam der Präsident der Christian Coalition of Amerika zu Wort, dort ein ehemaliger Direktor der C.I.A., und dazwischen tummelten sich die Schöpfer der Fernseh-Kultserie „South Park“, Modestars, Coffee-Shop-Virtuosen aus Las Vegas, Humoristen und Cartoonisten, Reporter und Schriftsteller, die uns zu öffentlichen Meisterklassen einluden. Künste, Wissenschaften und Ideen wollte das Festival ein Wochenende lang feiern, was auch meist geschah, und obendrein ist es ihm gelungen, die Lesungen, Interviews, Debatten und musikalischen Darbietungen um eine kulinarische Exkursion ins tiefste Chinatown zu erweitern. Ein Benefizkonzert für die Opfer der Hurrikankatastrophe wurde zusätzlich aufs Programm gesetzt.

Zu den Höhepunkten gehörte eine Debatte über den Irak-Krieg, die zwar nicht unbedingt mit neuen Perspektiven und Argumenten aufwartete, aber nur zu 99 Prozent in depressiver Ratlosigkeit versank. Den einprozentigen Lichtblick lieferte Rend al-Rahim, die Mitbegründerin und Direktorin der Iraq Foundation sowie ehemalige Vertreterin ihres Landes bei den Vereinten Nationen. Frau al-Rahim wich ein einziges Mal von der diplomatisch wohlgesetzten Rede ihrer Debattenbeiträge ab, als sie fast munter versicherte: „Iraq is a very happenin' place.“ Daß in Irak enorm was los ist, hatte man sich zwar schon gedacht, aber weil sie das mit so viel weltläufiger Nonchalance vortrug, als wäre in Bagdad gerade der angesagteste Nachtclub der arabischen Welt eröffnet worden, geriet auch das Auditorium in Bewegung.

Verehrung für den Großmeister der Zunft

Im Vergleich dazu ging es bei den Literaten gesittet zu. Von keinem anderen Festival wäre die auf fünf verschiedene Orte in Manhattan verteilte „Fiction Night“ so zu organisieren gewesen. Denn sämtliche Schriftsteller waren oder sind weiterhin Mitarbeiter des „New Yorker“. „My Bird Problem“, die Geschichte, aus der Franzen las, wurde in dem Magazin erstmals veröffentlicht. Sie hat ihre Eigenarten. Wie er darin das Ende seiner Ehe mit der globalen Klimaerwärmung verquickt, wäre skurril genug auch ohne die Manierismen des Vortragskünstlers gewesen. Davor war Zadie Smith an der Reihe, und sie machte aus der kurzen halben Stunde, die sie für einen Auszug aus ihrem vielgepriesenen neuen Roman „On Beauty“ verwandte, eine dunkelstimmig intonierte, rasante Performance. Turbangekrönt stand sie am Notenpult, um ihre Partitur eines Konzertbesuchs, den sie mit viel Witz, Scharfsinn und bewegendem Mitgefühl aufgezeichnet hat, zum Klingen zu bringen. Das Publikum lag ihr zu Füßen.

Den Auftritt von John Updike in der Public Library umwehte naturgemäß die Verehrung, die eine dankbare Leserschaft einem Großmeister der Zunft entgegenbringt. David Remnick, Chefredakteur des „New Yorker“, führte höchstpersönlich das Interview, in dem Updike sich gut gelaunt seinem Bewußtseinsstrom überließ, der ihn immer wieder in seine Kindheit und Jugend in Pennsylvania zurückführte. Von den drei Geheimnissen des Lebens, nämlich dem Sex, der Kunst und der Religion, sparte er nur letztere - und wohl auch nur aus Zeitmangel - aus.

525 Dollar für 16 Zeilen

Vielleicht kann der „New Yorker“ sein nächstes Festival überhaupt ganz auf Updike ausrichten. Es gibt keinen Schriftsteller, der das Magazin entscheidender geprägt hätte als er: 800 Beiträge, wie Remnick nachzählte, hat der „New Yorker“ seit 1951 von Updike veröffentlicht, Kunstkritiken, Buchrezensionen, Essays, Beobachtungen für die Rubrik „Talk of the Town“, und es kommen regelmäßig neue hinzu. Mitte der fünfziger Jahre war Updike zwei Jahre lang Redakteur des Magazins, ein später Trost für all die Absagen, die er als jugendlicher Cartoonist bekommen hatte. Kein Cartoon aus seiner Feder, sondern ein Gedicht schaffte es schließlich ins andächtig verehrte Blatt. Für die 16 Zeilen bekam er damals erstaunliche 525 Dollar. Das war für ihn der Augenblick, da er ernsthaft daran dachte, als Schriftsteller sein Brot zu verdienen.

Quelle: F.A.Z., 27.09.2005, Nr. 225 / Seite 41
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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