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Neuübersetzung von „Anna Karenina“ Wie machen Schnepfen?

15.02.2010 ·  Für ihre Übersetzung von „Anna Karenina“ ist Rosemarie Tietze für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein Gespräch über Lew Tolstoi, die Schnepfenjagd und die Tücken eines berühmten ersten Satzes

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Für ihre Übersetzung von „Anna Karenina“ ist Rosemarie Tietze für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein Gespräch über Lew Tolstoi und die Tücken eines berühmten ersten Satzes.

Sie haben „Anna Karenina“ grandios neu übersetzt. Mehr als zwanzig Übersetzungen ins Deutsche gab es schon, die letzte erschien vor fünfzig Jahren. Was haben Sie anders gemacht als Ihre Vorgänger?

Rosemarie Tietze: Ich bin sicher mehr auf stilistische Eigenheiten von Tolstoi eingegangen, als das in früheren Übersetzungen der Fall war. Wiederholungen zum Beispiel waren bisher meistens geglättet worden. Man hat sich wohl gesagt, das mag im Russischen schön und gut sein, aber im Deutschen vermeidet man Wiederholungen. Ich habe Russen gefragt, wie ist das für euch, wenn ihr Tolstoi lest? Und merkwürdigerweise kam dann oft so was wie, na ja, schön schreibt er ja nicht.

Aha. Also anders, als wir dachten.

Genau. Aber was heißt: schön schreibt er ja nicht? Dann kam eine gegenläufige Meinung von einem Moskauer Lyriker. Der sagte, wie bitte, schön schreibt er nicht? Dann weiß ich nicht, was die Leute für schön halten! Er hatte zufällig gerade zum ersten Mal seit der Schule „Anna Karenina“ wieder gelesen und sagte, er sei völlig hin und weg, das sei gebaut wie Lyrik. Das bedeutet, diese Irritationen sind von Tolstoi gewollt. Ich nehme inzwischen an, dass Tolstoi ganz bewusst in einer Weise schrieb, die zunächst nicht als schön empfunden werden mag.

Das Deutsch Ihrer Übersetzung klingt allerdings wunderschön. Mühelos, elegant und leichtfüßig.

Ja, aber es muss gleichzeitig ein Sog entstehen, und das passiert eben oft durch Wiederholung. Liest man die Sätze langsam, fallen einem die Wiederholungen womöglich als störend auf. Liest man sich aber in ein gewisses Tempo hinein, entsteht ein Sog, eine Leichtigkeit, so dass man die Sprache schön findet.

Der Roman hat 1200 Seiten. Tolstoi hat fünf Jahre daran geschrieben, wie lange haben Sie gebraucht?

Ich habe mich beeilt und das Ganze in etwas über zwei Jahren geschafft.

Wie nahe ist Ihnen Tolstoi dabei gekommen?

Ich hatte von Tolstoi anfangs eine ganz schlechte Meinung. Vor Jahren habe ich mit einer Kollegin die Tagebücher seiner Frau übersetzt, da war ich natürlich immer auf ihrer Seite und hab' mich über den Alten aufgeregt. Er war bestimmt kein sympathischer Mensch und für seine Umgebung schwer zu ertragen. Aber wenn man dann sieht, wie er arbeitet, wie er von Fassung zu Fassung seine Texte verändert, ist man platt vor Bewunderung.

Es heißt, er habe Anna Karenina anfangs als abschreckendes Beispiel darstellen wollen - die Ehebrecherin, die gefallene Frau - und sich beim Schreiben dann in sie verliebt.

So würde ich das auch sehen, ja. Und es trifft auch nicht nur auf „Anna“ zu, das war seine Arbeitsweise. Zuerst hatte er ein vages Schema. Und bei jeder neuen Fassung hat er es angereichert, die Gestalten wurden immer gebrochener und vielfältiger. Anfängliche Vorlieben oder ein Missmut gegenüber einer bestimmten Figur traten in den Hintergrund und wandelten sich in eine ganz andere Dimension.

Die Arbeit eines Übersetzers wird oft übersehen oder fällt auf, wenn sie nicht gelungen ist. Dabei ist es ein kreativer Beruf. Könnte man ihn mit der eines Musikers vergleichen? Alfred Brendel interpretiert Mozart ja anders als Lang Lang.

Ganz genau. Da sehen Sie aber auch den Unterschied in der Rezeption von Musik und Literatur. Wer Musik liebt, hört sich bewusst verschiedene Interpretationen an. In der Literatur beginnt das jetzt erst. Dass Leute sich ein Buch noch mal kaufen, wenn sie hören, eine Übersetzung sei interessant. Ich selbst vergleiche meine Arbeit gern mit der eines Schauspielers: Ich interpretiere das Werk eines anderen, spiele es nach in meiner Sprache.

Das bedeutet, ich könnte Sie, Rosemarie Tietze, heraushören aus verschiedenen Büchern, die Sie übersetzt haben?

Vielleicht ja. Und das wäre auch nicht verkehrt. Es ist meine eigene Stimme, die sich bei jedem Autor anders verwandelt.

Gibt es eine Stelle in Ihrer „Anna Karenina“, auf die Sie besonders stolz sind?

Es gibt ein paar Stellen, wo ich schon meine, Dinge gefunden zu haben, auf die vorher niemand gekommen war. Als im letzten Teil Wronski berichtet, wie er die tote Anna gesehen hat, ihre Leiche, da stellte sich die Frage: Wo lag sie? Das war ein an dieser Stelle ganz merkwürdiges russisches Wort, wörtlich übersetzt: „in der Kaserne der Bahnstation“. Kaserne, aha, aber was soll das sein? Da haben sich die früheren Übersetzungen drum herumgeschummelt. „Auf der Bahnstation“, stand dann da, oder „im Eisenbahnergebäude“. Also hab' ich geforscht und in einem alten Wörterbuch gefunden, dass „Kasarma“ seinerzeit auch „Arbeiterwohnheim“ hieß. Dann kriegt's einen Sinn.

Nämlich?

Sie wurde in der Hütte der Eisenbahnarbeiter aufgebahrt, ich habe das Wort mit „Arbeiterbaracke“ übersetzt. Für den Roman ist das eine Entdeckung! Denn ich hatte vorher schon angemerkt, dass diese Eisenbahner eine sozial neue Erscheinung waren, Bauern vom Land, die zu Arbeitern wurden. So ein Arbeiter tauchte auch in Annas Albtraum auf, der Kerl mit dem Bart, das ist einer von ihnen. Unglaublich, mit diesem einen Wort, der Wahl dieses Wortes, hat Tolstoi die ganze Motivreihe abgeschlossen. Als ich das einem russischen Literaturwissenschaftler erzählte, sagte der, das müssen Sie bei uns veröffentlichen, darauf ist auch bei uns womöglich noch niemand gekommen.

Das heißt, Ihre Arbeit hat manchmal auch etwas Detektivisches?

Ja. Die Handlungsführung steht ja fest, daran ändere ich nichts. Aber ich habe die Nase ganz nah am Text, viel näher als ein Literaturwissenschaftler. Da kann man bei der Übersetzung auch Dinge entdecken, die andere übersehen.

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise“: Der erste Satz gehört zu den berühmten ersten Sätzen der Weltliteratur. Wie geht man da ran?

Ich habe diesen Satz gehasst, genau deshalb. Natürlich möchte man bei einer Neuübersetzung gleich ein Zeichen setzen, aber bei einer Sentenz geht das halt nicht, Sentenz ist Sentenz.

Im zweiten Satz herrschte in den bisherigen Übersetzungen meistens „allgemeine Verwirrung“ bei der Familie Oblonski. Bei ihnen geht's „drunter und drüber“.

„Drunter und drüber“ gab's auch schon mal. Aber meine Idee war, das an den Anfang zu stellen. Wo das Ganze stattfindet, nämlich im Haus der Oblonskis, folgt bei mir erst danach. Da habe ich lange geschwankt, aber wenn Sie den Satz mit einer Ortsangabe beginnen, nimmt das der Sache den Schwung. Erst wenn Sie die Aktion an den Anfang stellen, kriegt es die Dynamik, die der russische Satz hat, so dass man regelrecht hineinbricht ins Geschehen.

Um zu wissen, was an Umgangssprache damals möglich war, haben Sie den Ehebriefwechsel der Fontanes studiert. Was lag sonst noch auf Ihrem Schreibtisch?

Fontane war das Wichtigste. Da ist man überrascht, wie sehr damals schon Englisches in Mode war. „Shopping“ zum Beispiel findet sich schon bei Fontane. Mir hat auch sehr die heutige Technik geholfen. Die Möglichkeit, deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky elektronisch zu durchsuchen, ab welcher Zeit sich ein bestimmter Ausdruck findet. So habe ich viele Wörter überprüft.

Sie mussten auch über die damalige Mode Bescheid wissen.

Dafür besitze ich ein Werk, das auch Bühnenbildner gerne verwenden: Max von Boehn „Die Mode“, das ist bald hundert Jahre alt und sehr hilfreich. Dort habe ich nachgeschlagen, wie ist das mit den Reifröcken, gab es die damals noch? Ich muss etwas vor mir sehen, um es zu beschreiben, ich kann nicht Wörter übersetzen.

Im hinteren Drittel gibt es seitenlange Passagen über Landwirtschaft, Schnepfenjagd und Schulreform. Geht einem das als Übersetzer auf die Nerven, will man schnell wieder zu den Liebesgeschichten?

Nee. Gerade die Schnepfenjagd war eine Herausforderung! Bitte, wie machen Schnepfen? Also, ich suche in „Brehms Tierleben“ und finde dort: die Schnepfe „murkst“. Ich schreibe das stolz in den Text, und dann habe ich, nach langem Suchen, einen Jäger gefunden, der einen Bezug zur Sprache hat. Den hab' ich gefragt, ob er sich die Schnepfenjagden mal ansehen würde. Zwei Tage später rief er an und sagte mir, also bitte, Schnepfen murksen doch nicht! Da war ich erst beleidigt, hab' auf „Brehms Tierleben“ verwiesen, aber er ließ sich nicht beirren: Schnepfen würden quorren! Im großen Duden fand ich das dann bestätigt. Und das Interessante war, dass das lautmalerisch genau ist wie im Russischen: auf Russisch heißt das Wort nämlich „chorkat“. Genau derselbe lautmalerische Ursprung. So hatte ich mein Verb. Das ist eine Freude, wenn man so etwas findet, wunderbar.

Sie schreiben im Nachwort, dass man, wenn man genau aufpasst, Tolstoi bei einigen zeitlichen Ungenauigkeiten erwischen kann. Macht das Spaß?

Natürlich macht das Spaß! Ein paar Mal vertut er sich im Tag, bei Dolly vertut er sich einmal mit dem Alter. Sonst ist alles absolut genau, aber mit Zahlen hat er's nicht so. Ich hab' mich sehr amüsiert, als ich irgendwo las, dass er genau in dieser Zeit seinen Kindern klassische Sprachen und Rechnen beibrachte. Er und Rechnen, ausgerechnet!

Waren Sie an den Originalschauplätzen?

Ja. Im Herbst 2007 wurde ich mit meiner Kollegin Barbara Conrad, die gerade an „Krieg und Frieden“ sitzt, von Wladimir Tolstoi, dem Ururenkel, zu einem Treffen der Übersetzer nach Jasnaja Poljana eingeladen. Er ist dort wieder Hausherr und hat das zu einem Kulturzentrum ausgebaut, sogar Pferde hat er wieder angeschafft. Wir sind durchs Landgut gewandert, haben uns unter die Apfelbäume gesetzt, mit Frauen aus dem Dorf geredet. Unglaublich, wie einen das inspiriert. Hinten an dem Flüsschen ist die Wiese, die Tolstoi selber gemäht hat, vorn im Park ist der Teich, in dem seine Frau sich umbringen wollte, das ist alles noch da. In der Nähe ist auch der Bahnhof, der heute ein Eisenbahnmuseum beherbergt. Da habe ich das Laternchen gefunden, nach dem ich lange gesucht hatte. Als Anna zurückfährt nach Petersburg, ist beschrieben, wie sie sich gemütlich hinsetzt, eine Decke um sich schlägt, und dann sagt sie der Zofe, sie solle - ja was? - aus der Tasche holen. Das russische Wort würde heute eine Taschenlampe bezeichnen, aber was war das damals? Das ist also wirklich ein kleines Laternchen, in dem eine Kerze steckt, die man angezündet hat.

Nach „Anna Karenina“ hat Tolstoi eher Erzieherisches geschrieben. Mit Liebesgeschichten hatte er es nicht mehr so, sprach sich sogar gegen Sex in der Ehe aus. Wie kam es zu diesem Wandel?

Ich habe da meine eigene Interpretation. Er hatte ja eine kaum vorstellbare Ruhelosigkeit und Arbeitsgier. Er hat jeden Tag gelesen, geschrieben, mal eben Altgriechisch gelernt, die Schulbildung revolutioniert. Nach „Anna Karenina“ ist er der Literatur gegenüber erkaltet. Tatsächlich ist „Anna“ gewissermaßen der ideale Roman. Prosa schreiben konnte er so gut, dass es ihn langweilte, danach brauchte er neue Herausforderungen.

Der Film „Ein russischer Sommer“ zeigt ihn als verschmitzten Alten, der sich nicht allzu wichtig nimmt. Realistisch?

Er gilt als humorlos, aber mir sind an ihm wohl mehr heitere Seiten aufgegangen als früheren Übersetzern. An einigen Stellen ist er sehr komisch, albern fast schon.

Ist es ähnlich schwierig, nach dem Übersetzen von „Anna Karenina“ ein Buch zum Übersetzen zu finden, das einen derart fesselt, wie es für den Leser schwierig ist, sich anschließend auf ein anderes Buch einzulassen?

Ich hab' jetzt erst mal eine Pause gebraucht, um mich dem Roman zu entziehen. Aber ich sitze in gewisser Weise immer noch dran. Ich werde eine Lesereise machen, um das Buch vorzustellen, zusammen mit Wladimir Tolstoi. Er hat dieselbe hohe Stirn wie sein Ururgroßvater. Schon verrückt.

Das Gespräch führte Johanna Adorján

Rosemarie Tietzes Übersetzung von Lew Tolstois „Anna Karenina“ ist im Hanser-Verlag erschienen (1284 Seiten, 39,90 Euro). Die Lesereise beginnt am 20. 2. in Elmau.

Quelle: F.A.S.
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