18.05.2009 · Ein neues Buch von J. R. R. Tolkien ist erschienen: „The Legend of Sigurd & Gudrun“, zwei Langgedichte im Stil der Lieder-Edda. Sie enthalten die Vorstufe zur Romantrilogie „Der Herr der Ringe“. Selbst Experten sind verblüfft.
Von Tilman SpreckelsenWer eine liebgewonnene Bücherwelt notgedrungen wieder verlässt, weil das Buch zu Ende ist, spinnt den Faden gern weiter: Huck Finns neueste Abenteuer? Krabats Wanderjahre? Wie Michel endlich Gemeinderatspräsident geworden ist?
Nicht immer bleibt es beim Gedankenspiel: Unter den Freunden von Fantasy, den Lesern von Rowling oder Meyer, ist das Fortschreiben der Vorlagen sehr beliebt, und so unterschiedliche Werke wie Jules Vernes „Eissphinx“, Goethes „Zauberflöte, 2. Teil“ oder Ariosts „Rasender Roland“ verdanken sich dem Impuls ihrer Autoren, das anderswo (bei Poe, Schikaneder und Boiardo) Gelesene nicht einfach so enden zu lassen.
Bei Philologen ist die Sache naturgemäß komplizierter: Auch sie sind in der Regel passionierte Leser, wie wären sie sonst zu ihrem Beruf gekommen? Gleichzeitig sind sie dem vorgefundenen Text verpflichtet und dessen authentischer Gestalt, die es, je unklarer die Überlieferung ist, umso mühsamer herzustellen gilt. Wo beides zusammenkommt wie bei J. R. R. Tolkien, dem 1973 gestorbenen Oxford-Professor und Dichter, dem Verfasser eines bahnbrechenden Beowulf-Kommentars und des einflussreichsten Fantasy-Romans der letzten hundert Jahre, des „Herrn der Ringe“, kann man auf einiges gefasst sein.
Selbst Experten sind verblüfft
Dennoch verblüfft der Band „The Legend of Sigurd & Gudrun“, den sein Sohn Christopher jetzt zusammengestellt und herausgegeben hat, selbst ausgewiesene Tolkien-Experten: „Unter den vielen Texten, die aus dem Nachlass ans Licht gekommen sind, hätte man diese am wenigsten erwartet“, schreibt Tom Shippey im „Times Literary Supplement“. Gewohnt war man über die Jahre, in denen Christopher Tolkien den enorm umfangreichen Bestand unedierter Schriften seines Vaters betreut, dass nach und nach das Umfeld des Romanzyklus durch weitere literarische Texte wie das „Silmarillion“ ausgeleuchtet wurde oder dass verstreute philologische Arbeiten, Essays oder die Edition von „Gawain und der grüne Ritter“ neu erschienen. „The Legend of Sigurd & Gudrun“ aber sind zwei Langgedichte, in denen es um nichts Geringeres geht als den Sigurd-Stoff, der zusammenhängend in der altnordischen Völsungensaga oder im mittelhochdeutschen Nibelungenlied auf uns gekommen ist.
Womit also hat man es zu tun? Tolkiens Texte, entstanden offenbar zu Beginn der dreißiger Jahre, schildern im ersten der beiden Epen die Geschichte von Sigurd und seinen Ahnen, den Kampf gegen den Drachen Fafnir, die Verlobung mit Brynhild, die Hochzeit mit Gudrun und schließlich die Ermordung des Helden. Im zweiten dann besuchen Gudruns Brüder ihre Schwester bei deren zweitem Mann Atli, wo sie umkommen. Formal orientiert sich Tolkien an der Lieder-Edda, dichtet also Strophen aus jeweils acht kurzen Zeilen und verwendet Stabreime, wo sie sich ergeben. Besonders der Anfang seiner Dichtung ist so nah bei der Vorlage, dass man beinahe von einer Übersetzung sprechen kann.
Mord und Inzest
So lautet etwa der dritte Vers der „Völospá“, des Gesangs, der die Lieder-Edda einleitet, in der Übersetzung von Felix Genzmer: „Urzeit war es, / Da Ymir hauste: / Nicht war Sand noch See / Noch Salzwogen, / Nicht Erde unten / Noch oben Himmel, / Gähnung grundlos, / Doch Gras nirgends.“ Tolkien beginnt sein Werk mit: „Of old was an age / When was emptiness, / There was sand nor sea / Nor surging waves; / Unwrought was Earth, / Unroffed was Heaven – / An abyss yawning, / And no blade of grass.“
Allerdings überliefert die Lieder-Edda die Sage von Sigurd nur bruchstückhaft, und diese inhaltliche Lücke füllt Tolkien, indem er sich an der Völsungen-Saga orientiert, die in großen Teilen denselben Stoff erzählt. Tolkien allerdings rafft die Sache, wo immer er kann, er erzählt geradlinig drauflos, wo sich die Saga in Ornamenten gefällt, und er mindert auch die eine oder andere Grausamkeit. Davon bleibt freilich immer noch genug: Wir lesen über Mord und Inzest, Drachen, Monster, Zickenkrieg, brennende Hallen, Gemetzel, Werwölfe, Kindstötung auf Anraten der Mutter, und auch Kannibalismus ist nicht weit. Kennzeichnend ist vor allem die ständige erbitterte Aggression gegenüber Verwandten, also der fortwährende Verstoß gegen ein absolutes Tabu in der nordischen Saga-Welt.
Dass Tolkien bei seiner Nachschöpfung nicht aus den Augen verliert, was später sein Hauptwerk prägen wird, versteht sich: Der todbringende Ring, der aus dem Drachenhort über Sigurd an Brynhild gelangt und neuerlich über Sigurd dann an Gudrun, wird ebenso wenig vergessen wie das schöne Bild des Totenschiffs, das aus einer arg gekürzten Passage immerhin übrig bleibt – ganz am Ende des „Herrn der Ringe“ wird es einen neuen, großen Auftritt haben.
Ein Erlöser wird kommen
Die größte Freiheit aber, die Tolkien sich gegenüber seiner Vorlage erlaubt, ist eine Prophezeiung, die er der Wahrsagerin aus dem ersten Edda-Lied in den Mund legt, als sie in seinem Werk gleich zu Beginn das kommende Weltende verheißt: „If in day of Doom“, raunt die Seherin, „One deathless stands, / Who death hath tasted / And dies no more, / The serpent-slayer, / Seed of Ódin, / Then all shall not end, / Nor Earth perish.“
Diese Wendung muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Erlöser wird kommen, vielleicht, der den Tod gekostet hat und daher unsterblich ist. Er wird, so er denn wirklich kommt, das Ende der Welt verhindern – einmal Drachentöter, immer Drachentöter, denn wer Fafnir besiegt, wird es im Endkampf zwischen Gut und Böse auch mit der weltverschlingenden Midgardschlange aufnehmen. Und es ist eigentümlich, wie der Autor, der seinen Katholizismus gern betonte, diese Erlöserfigur in eine durch und durch heidnische Welt verpflanzt.
Die Kraft, die „dämonische Energie“ der Edda hat Tolkien gern beschworen und auch in anderen Passagen seines Werks aus ihr geschöpft. Nirgends aber geschieht das so überzeugend wie hier, wo er seinen Text selbstbewusst gegen die Vorlage hält, seine Sprache künstlich archaisiert und verdunkelt und sich dabei spürbar in Fahrt schreibt, bis hin zu Gudruns großem Racheschrei im Finale.
Warum aber sind die beiden Gesänge bislang unpubliziert geblieben? Vielleicht, weil es sich in den Augen des Autors eher um ein Privatvergnügen als Philologe handelte. Wenige Jahre vor seinem Tod nannte er die Texte bescheiden einen „Versuch, diejenigen Gesänge der Edda zu ordnen, die von Sigurd und Gunnar handeln“.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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