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Neues Buch von Monika Rinck : Was Seismografen erschüttert

  • -Aktualisiert am

„Das Gedicht ist da“, schreibt Monika Rinck in ihrem zweiten Essayband. Bild: dpa

Monika Rinck gehört zu den herausragenden Protagonistinnen der Gegenwartslyrik. In ihrem rasanten Essayband „Risiko und Idiotie“ streitet sie für das Gedicht und seine Relevanz.

          Hochgelobt heißt längst noch nicht vielgelesen. Das ist die Diskrepanz, die momentan die Lyrik der Gegenwart umtreibt. Monika Rinck, 1969 geboren, in Berlin lebend, ist eine der herausragenden Protagonistinnen der Gegenwartslyrik, hochgradig anerkannt, vielfach ausgezeichnet, aber das Risiko, „ungelesen oder missverstanden zu bleiben“, ist ihr, wie sie selbst schreibt, durchaus bekannt. 2004 veröffentlichte Rinck ihren ersten Gedichtband „Verzückte Distanzen“ im kleinen, feinen Entdeckerverlag zu Klampen!.

          Seit 2006 publiziert sie im Berliner kookbooks-Verlag. Vier große Gedichtbände hat sie seither dort veröffentlicht. Für ihre 2012 erschienenen „Honigprotokolle“ erhielt sie mit dem Peter-Huchel-Preis die höchste Anerkennung, die eine Dichterin innerhalb der deutschsprachigen Lyrik erhalten kann. An diesem Wochenende wird ihr in Berlin der renommierte Kleist-Preis verliehen. In diesem Jahr allerdings sorgt Rinck nicht etwa mit ihrer Lyrik, sondern mit ihrem neuen Essayband für Furore. „Risiko und Idiotie“, heißt er, und er trägt den kämpferischen Untertitel „Streitschriften“.

          Das Credo romantischer Liebe

          Rinck ist durchaus streiterfahren. In ihrem ersten Essayband „Ah, das Love-Ding“ hat sie sich auf beeindruckende Weise mit der Liebe auseinandergesetzt. Rinck geht hierbei von der These aus, dass die Gesellschaft sich von den intimen Beziehungen aus verstehen und gestalten lasse. Sie kritisiert, dass die Liebe stets isoliert von jeder anderen Beziehungsform betrachtet werde. Damit kämen sowohl die Liebenden als auch die psychologischen wie soziologische Analysen nur dem Exklusivitätswunsch des Liebesmodells selbst nach. Denn wie heißt das Credo romantischer Liebe: „Nur wir zwei, sonst keiner. Dieses Wir ist unsere Welt.“ Rinck löst diesen Ausschließlichkeitanspruch auf und betrachtet mit der Liebe gleichrangig alle anderen Beziehungen, die der Einzelne eingeht. Liebe zu verstehen bedeutet daher, den Einzelnen in der ihn umgebenden Gruppe zu betrachten. Rinck analysiert das nicht etwa trocken. Sie taucht mit einer Gruppe junger Leute in die Berliner Nächte, in die Clubs und Bars, in die Zweiraumwohnungen und Beziehungsgespräche ab. Ihre Sprache bleibt dabei so poetisch-flirrend wie analytisch scharf, dass sich ein betörend eindringlicher „Ah, das Love-Ding-Sound“ entfaltet.

          Was will Lyrik heute überhaupt noch?

          Jetzt also folgt ihr zweiter Essayband, und er ist wieder ein großer Wurf. Ob „Risiko und Idiotie“ einen Streit auslösen wird, sei dahingestellt. Erst einmal streiten diese Essays für etwas, nämlich für das Gedicht und seine Relevanz in der gegenwärtigen Gesellschaft. Monika Rinck wagt eine Bestandsaufnahme, was die Lyrik heute überhaupt noch will und kann. Und dann streitet dieser Band wider die Ignoranz gegenüber dem Gedicht. „Das Gedicht ist da“, heißt es kämpferisch, als müsste man seine Präsenz überhaupt erst wieder behaupten. Rinck wehrt sich gegen den verbreiteten Vorbehalt, dass etwas so Kleines wie ein Gedicht nie für etwas Großes einstehen könne. Und sie streitet wider den Usus, die Lyrik als geschätztes Kulturgut zu hätscheln und zu tätscheln, ohne sich mit ihrer Gegenwärtigkeit auseinanderzusetzen.

          Das Gedicht ist etwas, so Rinck, „das auf eine vertrackte oder offensichtliche Weise der Gegenwart entspricht“. Rinck ficht für die eigene Sache und streitet für die Lektüre. Nicht nur über ihre Streitschrift, vor allem auch über ihre Gedichte soll gestritten werden. Was aber soll der Anlass des Gedichtstreits sein? Nach Rinck ist es die Art des poetischen Denkens, das ausschließlich in Gedichten entfaltet wird. Zwei Eigenschaften zeichnen diese Denkweise aus. Die Idiotie auf der einen, das Risiko auf der anderen Seite. Beide sollen nicht gemieden, sondern herausgefordert werden: Das Risiko liegt zuerst in der poetischen Sprache selbst, da diese nach den Abgründen zwischen ihren Elementen sucht, statt sie zu verschütten. Das zweite Risiko macht Rinck in der Spontaneität des Sprechens aus, das sich der Überstürzung und Überforderung gezielt aussetze. Und drittens identifiziert Rinck den Bereich des Komischen, der Albernheit und des Witzes als akute Risikozone. Das Gedicht leite, so führt sie im Rückgriff auf Jean Paul und Laurence Sterne aus, in Bereiche, in denen sich die Sprache jeder Funktion entziehe.

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