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Neuer Roman von Zadie Smith Zum Leben erweckt

Gerade ist Zadie Smiths neuer Roman erschienen, da wird er auch schon zu einem der wichtigsten Bücher der letzten Monate gekürt. „NW“ handelt vom Herzen Londons, der Gegend, in der Smith aufgewachsen ist.

© INTERFOTO Vergrößern Zadie Smith

Für literarische Eigenwilligkeiten, hat die britische Schriftstellerin Zadie Smith in einem ihrer Essays geschrieben, sei dies keine gute Zeit. Von Schriftstellern werde erwartet, dass sie unterhalten und erkennbar seien - alles andere gelte als Missachtung der Leser. Sie meinte damit nicht, dass sie Bücher ablehne, die unterhalten und gefallen, die klar, geschmackvoll und nicht gewollt unklar sind. Überhaupt nicht. Für Zadie Smith allerdings sind all diese Qualitäten keine wesentlichen Merkmale dessen, was Literatur im Kern ausmacht. „Wenn ich schreibe“, heißt es in dem Essay „Besser Scheitern“, der sich wie ein Entwurf ihrer eigenen Poetologie liest, „versuche ich, mein Dasein in der Welt auszudrücken.

Dies ist in erster Linie ein Verdichtungsprozess: Wenn alle leblosen Ausdrücke gestrichen sind, die übernommenen Lehrmeinungen, anderer Leute Wahrheiten, all die Parolen und Motti, die großen Lügen des eigenen Landes, die Mythen der historischen Situation, in der man sich befindet; wenn alles gestrichen ist, was die Erfahrung in eine Form zwingt, die man nicht akzeptiert und an die man nicht glaubt - dann bleibt am Ende etwas übrig, was der Wahrheit der eigenen Wahrnehmung nahe kommt.“

Jetzt hat sie wieder gestrichen, verdichtet, das Leblose aus der Sprache verbannt: in ihrem neuen Roman „NW“, den die „New York Times“ sogleich zu den zehn wichtigsten Romanen des Jahres 2012 gekürt hat und der im kommenden Herbst in der deutschen Übersetzung erscheinen wird. Sie hat sich dabei, vielleicht zum ersten Mal in ihrer so erfolgreichen wie beeindruckenden Karriere als Schriftstellerin, das geleistet, was man stilistische Eigenwilligkeiten nennen könnte. Sie hat so viel gestrichen, dass Sätze oder Dialoge oft fragmentarisch bleiben wie aufgeschnappte Gesprächsfetzen oder unvollständige Gedanken.

Auf eigentümliche Weise akademisch

Das ist neu. Denn „Zähne zeigen“, der Roman, mit dem Zadie Smith im Jahr 2000 die literarische Bühne betrat und so berühmt wurde, dass ihr der Hype um ihre eigene Person schnell auf die Nerven ging, war, genauso wie die darauf folgenden Romane „Der Autogrammhändler“ und „Von der Schönheit“, zwar ein Ideenroman. Die philosophischen Wahrheiten, die er enthielt, transportierte die Autorin allerdings, ohne dabei die Handlung zurückzunehmen. So waren ihre Romane auf eigentümliche Weise akademisch (der Titel „On Beauty“, „Von der Schönheit“ ist deshalb auch nicht ironisch zu verstehen). Zugleich waren sie in ihrer direkten Sprache leicht zugänglich, jedenfalls nicht experimentell erzählt.

In „NW“ ist das jetzt anders - was nicht als Warnung gemeint ist und allein schon deshalb nicht abschrecken sollte, weil Zadie Smith es virtuos versteht, eigenwillig zu sein, ohne dabei ihre Leser zu verscheuchen. „NW“, das sind die zwei Buchstaben, die im britischen Postleitzahlencode für „North-West London“ stehen. Denn vom Nordwesten der Stadt erzählt der Roman, genauer gesagt von Kilburn, dem Arbeiterstadtteil, in dem die Autorin als Tochter eines englischen Fotografen und einer in Jamaika geborenen Mutter, die 1969 als Model nach London kam, aufgewachsen ist - zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Ben, in Großbritannien inzwischen besser bekannt als der Comedian und Rapper „Doc Brown“.

Ein Zurück zu den eigenen Wurzeln bedeutet „NW“ deshalb aber nicht. Zadie Smith hat die ganzen letzten Jahre, wenn sie sich nicht gerade in Amerika aufhielt, mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Kilburn gelebt, in einer Doppelhaushälfte, nicht weit von der Tube-Station entfernt. Vor allem die irischstämmige Bevölkerung und Afro-Karibianer sind hier zu Hause, in einer Welt voller kultureller Gegensätze, die Zadie Smith in ihrem Buch zu Londons Herz macht, zum eigentlichen Zentrum der Stadt: „Er sah sich das Liniennetz der Tube an. Es spiegelte seine Wirklichkeit nicht wider. Für ihn war das Zentrum nicht ,Oxford Circus’. Es waren die hellen Lichter der Kilburn High Road.“

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Vier Charaktere entwirft Smith in „NW“, alles junge Menschen aus Kilburn, zwei Jungen und, wichtiger, weil sie viel mehr Raum einnehmen, das ganze Buch im Grunde ihrer Geschichte gehört, zwei Mädchen, die sich kennen, seit sie vier sind; unzertrennliche Freundinnen, die sich, wie das bei unzertrennlichen Freundinnen so ist, phasenweise meiden, dann wiederfinden und zum Zeitpunkt der Erzählung Mitte dreißig sind: Keisha Blake und Leah Hanwell.

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