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Oguz Atys Roman „Die Haltlosen“ : Was habe ich in dieser Wohnung noch verloren?

Als die Republik noch jung war: Istanbul im Sommer 1965. Bild: Laif

Verweigerung kostet Kraft, und manchmal kostet sie das Leben: Oguz Atays gewaltiger Roman „Die Haltlosen“, das Meisterwerk eines spielfreudigen Sprachkünstlers, liegt endlich auf Deutsch vor.

          Selim ist tot, so steht es in der Zeitung, er hat sich das Leben genommen, und die Nachricht trifft seinen Freund, den Ingenieur Turgut Özben, umso härter, weil er nie mit einem solchen Ende gerechnet hätte. Er trauert, er ruft sich den Toten in Erinnerung, er quält sich mit der Frage nach dem Grund für diesen Selbstmord und sucht in der Begegnung mit Freunden des Verstorbenen ebenso wie in dessen hinterlassenen Texten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch es dauert nicht lange, bis Selims Tod neben der Trauer noch etwas anderes in Turgut auslöst, ein unklares Gefühl, ein Unbehagen, eine Angst, die sich am klarsten in einem Traum zeigt: Der Ingenieur wohnt einer surrealen Beerdigung irgendwo auf freiem Feld bei, die sich dann als seine eigene entpuppt: „Turgut Özben, 1933-1962“ liest er auf dem Stein. Und erfährt, dass der Urteilsspruch, der über die Toten gefällt werde, für alle derselbe sei, während jeder von uns glaube, einen eigenen verdient zu haben.

          Das Ich im Du

          Der Roman „Die Haltlosen“ gilt als eines der wichtigsten Bücher der modernen türkischen Literatur, der Ruhm dieses 1972 erstmals erschienenen Werks des schon 1977 verstorbenen Autors Oguz Atay hat sich seither kontinuierlich gemehrt, die wissenschaftliche und innerliterarische Beschäftigung wächst gerade in einer türkischen Gesellschaft, die sich fundamental von der im Roman geschilderten unterscheidet. Erst in diesem Jahr aber ist der Roman auf Deutsch erschienen, und dass der Übersetzer Johannes Neuner so viele Register der Sprache zieht, lässt ahnen, warum „Die Haltlosen“ bisher als unübersetzbar gegolten hatte - es ist dem jungen, auf türkische Literatur spezialisierten Berliner Verlag binooki zu verdanken, dies nun mit einer prächtigen Edition widerlegt zu haben. Und uns dabei einen abgründigen Roman zu präsentieren, der vor Witz und Experimentierfreude nur so funkelt.

          Zugrunde liegt ihm allerdings ein Erzählkonzept, das inzwischen geradezu konventionell erscheint: Einer ist tot, ein anderer forscht ihm nach, befragt alle Möglichen, die dem Toten nahestanden, und ist, weil jeder naturgemäß seine eigene Perspektive einbringt, hinterher noch ratloser als zuvor - die Konturen des Gesuchten verschwimmen immer mehr, je länger man versucht, sie zu fassen. Verbunden ist damit die Erkenntnis, dass jeder nur das am anderen erkennt, was ihm selbst entspricht, so dass im Reden über den Toten auch die Konturen dessen aufscheinen, der ihn beschreibt.

          Wahr oder nicht wahr?

          Das beginnt ganz am Anfang, als eine Herausgeberfiktion mit zwei aufeinander folgenden und sich gegenseitig ausschließenden Positionen vorgestellt wird: Zunächst erzählt ein namenloser Journalist, er habe das Konvolut, das den mehr als 750 Seiten langen Roman bildet, von einem gewissen Turgut Özben zugeschickt bekommen, den er vor Jahren zufällig im Zug getroffen hat. Er habe daraufhin diejenigen aufgesucht, die in den Blättern unterschiedlicher Herkunft eine Rolle spielten, und deren Einverständnis für die Publikation erwirkt. Mit anderen Worten: Es handelt sich bei dem Roman um eine wahre Begebenheit.

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