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Henry David Thoreaus Tagebuch : Der Wald war ihm die letzte Bastion

  • -Aktualisiert am

Kein Bademeister in Sicht: An den Ufern des Sees Walden Pond in den Wäldern von Concord baute sich Thoreau eine Hütte, um ein einfacheres und erfüllteres Leben zu führen. Bild: Freddy Langer

Keiner hat die Natur Amerikas des 19. Jahrhunderts besser beschrieben als er: Henry David Thoreau. Nun erscheint sein Tagebuch in einer neuen deutschen Ausgabe – leider mit Mängeln.

          Henry David Thoreau wurde am 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts, geboren, einem der wichtigsten Erinnerungsorte der Amerikanischen Revolution. Er schrieb ein Buch, das kaum Käufer fand, und bekam alle Restexemplare zugeschickt: „So bin ich jetzt im Besitz einer Bibliothek von nahezu neunhundert Bänden, von denen ich über siebenhundert selbst geschrieben habe.“ Er schrieb noch ein Buch. Es hieß „Walden“ und wurde ein Werk von solch lebensverändernder Wirkung auf seine Leser, dass es zu einer „Waldenisierung“ des Gedenkens in Concord kam (um ein Wort des Literaturwissenschaftlers Lawrence Buell zu borgen). Heute zieht die Stadt bei Boston nicht nur mit der Revolutionstradition zahlreiche Besucher an, sondern auch mit dem Walden Pond, jenem See, an dessen Ufer sich Thoreau eine Hütte baute, um ein einfacheres und erfülltes Leben zu führen.

          Ab dem 4. Juli 1845, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, lebte er mehr als zwei Jahre lang dort. Das Buch darüber sollte ihn viel länger beschäftigen. Er schrieb sieben Fassungen, bis „Walden“ im August 1854 erschien. Es ist weder ein simpler Erlebnisbericht noch eine Anleitung, es dem Autor gleichzutun. Die Leser sollen niemanden nachahmen, sondern ihren eigenen Weg gehen. Thoreau verlässt seine Hütte ja auch wieder: „Vielleicht fand ich, dass ich einige weitere Leben zu leben hatte und diesem einen keine Zeit mehr widmen konnte.“

          Immer auch Autor

          Die vielen Leben des Henry Thoreau: Er wurde zwar nur vierundvierzig Jahre alt, machte in dieser Zeit aber wirklich mehr als mancher, dem eine erfolgreiche Karriere im gewöhnlichen Sinn gelang. Die wäre dem Harvard-Absolventen vielleicht selbst möglich gewesen, hätte er Arzt, Anwalt oder Pfarrer werden wollen. Stattdessen war er unter anderem Lehrer; Assistent des Philosophen Ralph Waldo Emerson, bei dem er auch zeitweilig wohnte; Häftling für eine Nacht, als er wegen Amerikas Krieg gegen Mexiko keine Steuern zahlte (seine nachgereichte Rechtfertigung in dem Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ inspirierte später Mahatma Gandhi und Martin Luther King); Sklavenfluchthelfer; Landvermesser, was sich ideal mit seiner lebenslangen Erkundung von Concord verbinden ließ; Bleistifthersteller im Betrieb seines Vaters – aber eben immer auch Autor.

          Thoreau schrieb seine beiden Bücher, Beiträge für Zeitschriften sowie Hunderte Seiten mit Material über Indianer, Früchte und Samen. Und er führte ein Tagebuch mit einem Umfang von zuletzt zwei Millionen Wörtern. Die Detailfülle der naturkundlichen Beobachtungen macht es zu einer wichtigen Quelle für Forscher, die den Wandel der neuenglischen Tier- und Pflanzenwelt studieren. Zu Fuß, im Boot oder mit Schlittschuhen war Thoreau bei jedem Wetter in der Natur unterwegs. Daher kannte er die Felder, Wälder, Flüsse und Seen um Concord wie kein anderer. Zugleich zeigt ihn das Tagebuch als polemischen Kritiker des Materialismus seiner Landsleute, als kühlen Reporter bei der Explosion einer Pulvermühle und als so witzigen wie warmherzigen Erzähler, der in einer romanreifen Szene festhält, wie ein alter Nachbar barfuß geht, um in seinen Schuhen knorrige Äpfel und eine tote Wanderdrossel zu tragen.

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