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Henry David Thoreaus Tagebuch : Der Wald war ihm die letzte Bastion

  • -Aktualisiert am
Die Übersetzung entstellt den Ursprungstext: Die Edition der Tagebücher von Thoreau ist voller Fehler.

In Amerika erschien 1906 die erste Gesamtausgabe des Tagebuchs. Seit 1981 veröffentlicht die Princeton University Press die definitive Edition, die in bislang acht Bänden mittlerweile das Jahr 1854 erreicht hat. Hierzulande ist das Tagebuch ein noch weitgehend ungehobener Schatz. Erfreulicherweise macht sich jetzt der Berliner Verlag Matthes & Seitz daran, eine Teilausgabe in zwölf Bänden herauszubringen. Zum Vergleich: Susanne Schaups weiterhin lieferbare Auswahl von 1996 bestand aus einem einzigen Band mit dreihundert Seiten.

Der Frust beginnt bei der gedankenlosen Gestaltung

Der erste neue Band, übersetzt von Rainer G. Schmidt, reicht von 1837 bis 1842. Thoreaus Denken umkreist darin Liebe und Freundschaft, den Körper und den Tod, falsche Hilfe und belastenden Besitz. Rettung liegt in der Natur: „Meine letzte Bastion ist der Wald.“ Wenn er draußen im Schnee den Spuren eines Fuchses folgt oder sich daheim Popcorn macht und im aufplatzenden Mais einen Vorboten der bald erblühenden Blumen sieht, liest Thoreau dabei die spirituellen Zeichen der Natur: „Wer Tagebuch führt, ist Lieferant der Götter.“ Daneben wurde das Tagebuch aber auch ganz pragmatisch zur Materialsammlung, die Thoreau durch Register erschloss und für seine Werke auswertete. Tatsächlich finden sich Sätze vom März 1840 im Schlusskapitel des vierzehn Jahre später erschienenen „Walden“.

Die Freude über die neue Edition schlägt allerdings schnell in Frust um. Das beginnt bei der gedankenlosen Gestaltung. Wie einfach wäre es gewesen, am oberen Seitenrand das Jahr zu nennen, um einem lästiges Blättern zu ersparen. Wie gern hätte man auch Karten von Concord und Umgebung gesehen, auf den Vorsatzblättern etwa, oder eine Zeittafel zu Thoreaus Leben in diesen Jahren, denn viele Ereignisse erwähnt er im Tagebuch gar nicht oder sehr knapp. Seinen Einzug bei Emerson vermerkt er mit „Bei R.W.E.“. Dazu gibt es eine Anmerkung, die nur den abgekürzten Namen auflöst, ohne zu ergänzen, dass Thoreau von da an bei seinem Mentor wohnte. Überhaupt ist der Anhang misslungen, selbst die Übernahme von Anmerkungen der Princeton-Ausgabe geht schief.

Ein klarer Fehlstart der Edition

Ebensowenig überzeugt die Auswahl der übersetzten Abschnitte. Ende 1840 beispielsweise las Thoreau die Memoiren des Historikers Edward Gibbon und war zunächst begeistert, aber bald missfiel ihm alles an Gibbon. Übersetzt wird nur das Lob. Dabei liegt doch ein Reiz der Tagebuchlektüre gerade darin, diesen Entwicklungen zu folgen. Ein schlüssiges editorisches Konzept ist nicht zu erkennen.

Schließlich – und schlimmstens – entstellt die Übersetzung den Text. Die „tons of metal“ sind keine „metallischen Töne“, das archaische „Thou art“ („du bist“) meint nicht „Deine Kunst“. Ortsnamen geraten ebenfalls durcheinander. Das „county of Middlesex“, in dem Concord liegt, wird zur „Grafschaft Middlesex“, der „Fair Haven Pond“ soll der „schöne Walden Pond“ sein. Vor allem aber ist mehrfach der Sinn völlig verdreht: „Es muss keine Einbuße meiner Freiheit bedeuten, wenn ich Farmer und Landbesitzer bin“ – das ist genau das Gegenteil von Thoreaus Aussage. Er würde seine Freiheit verlieren, und das darf nicht passieren. Das Buch ist voll von solchen Fehlern. So kann die Edition nicht weitergehen. Zu seinem zweihundertsten Geburtstag im nächsten Jahr wäre es Thoreau zu wünschen, dass es den kommenden Bänden gelingt, das Vorhaben nach diesem Fehlstart noch zu retten.

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