07.10.2011 · Isländische Dichter tragen widerwillig ihre Sagas weiter und Eugen Ruge erfasst die so fremd-nahe Welt der DDR: ein Blick auf die literarischen Veröffentlichungen im Herbst.
Von Sandra KegelIst es nicht sonderbar, wie uns eine Geschichte mit Haut und Haaren in ihren Bann ziehen kann? Wie wir lesend Zeit und Raum vergessen und sich der Herzschlag beschleunigt, sobald wir mit dem Buch ein neues Universum betreten? Leseabenteuer sind Erfahrungen aus zweiter Hand, Erlebnisse im imaginären Kopf eines anderen, und doch lieben wir nichts mehr als diesen Zustand unter Hypnose: welt- und selbstvergessen den Gleisen zu folgen, die ein Schriftsteller für uns gelegt hat. Sich mit unserer ganzen Vorstellungskraft dem flow hingeben - bis uns der Vorwurf des Eskapismus erreicht.
Der Tadel über unsere Urlaubsreisen in die Fiktion - gern ist von Realitätsverweigerung die Rede -, ist so alt wie die Literatur und kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Man kann mit Tolkien darauf antworten: Wer hat denn etwas gegen die Flucht, außer dem Gefängniswärter? Man kann aber auch die Wissenschaft bemühen. Die hat schließlich festgestellt, dass Romanleser alles andere als Couchpotatoes sind, sondern äußerst rege Koautoren, die die Geschichten in ihr eigenes mentales Modell übersetzen: Leser nehmen an fiktiven Erlebnissen teil, als wären es ihre eignenen. Deshalb prägen uns Geschichten oft stärker als jedes rationale Argument. Literatur führt also gerade nicht aus der Wirklichkeit, sondern sie nimmt stattdessen ganz konkret Einfluss darauf, wie wir sie sehen. Zum Beispiel, die Innenwelt der DDR oder auch das ganze deutsche Jahrhundert.
Den kühnsten Blick auf diese so fremd-nahe Welt wirft Eugen Ruges spätes Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Der vom Theater kommende, 1954 in Sosswa im Ural geborene Schriftsteller beschreibt darin in knapper, schneidender Sprache den Untergang einer bedeutenden Ost-Berliner Familie. Der Roman ist zugleich ein Abgesang auf die Ideale seiner Väter. Denn die Geschichte, die Ruge erzählt, ist seine eigene. Von der Exilzeit der kommunistischen Großeltern in Mexiko über die Karriere des Vaters als Haus- und Hofhistoriker der ehemaligen DDR bis zur Flucht von dessen Sohn Alexander, Eugen Ruges Alter Ego, in den Westen.
In kühn ineinander verschraubten Episoden mit wechselnden Zeit- und Perspektivebenen lässt Ruge vier Generationen jeweils ihre Sicht der Ereignisse beschreiben. Als Letzter hat der Urenkel Markus das Wort, für den die jüngste deutsche Vergangenheit bloß noch langweiliger Schulstoff ist. Aus der Weltgeschichte, die dem Roman sein Fundament gibt, Mauerbau, Perestroika, Wende, malt Ruge aber kein weitschweifiges Panorama, sondern geht den umgekehrten Weg ins Detail. Alltagsszenen einer Familie, gewöhnlich und hochsymbolisch zugleich, vergrößert der Autor so lange unter seinem Sprachmikroskop, bis das schonungslos freigelegte Bild fast schon schmerzt: die kaputtrenovierte Villa in Potsdam, die gefüllte Weihnachtsgans, die auf dem Fußboden landet, die erniedrigende Selbstanklage des systemtreuen Vaters - all das bringt Eugen Ruge in größtmögliche Nähe zum Leser.
Gnadenlos lässt er seine Protagonisten übereinander urteilen. Jeder fällt über die Lügen der anderen her, vor allem während des neunzigsten Geburtstags von Wilhelm, dem hochdekorierten Parteigenossen, kurz vor dem Mauerfall, den Ruge mit böser Komik aus immer neuen Blickwinkeln beschreibt. Dieser Autor schaut so nüchtern, abgeklärt und rücksichtslos auf die Menschen, dass sein Familienroman frei von Rührseligkeit ist. Zu Recht hat es Eugen Ruge mit dem Buch unter die sechs Finalisten des Deutschen Buchpreises geschafft - und zu Recht hat er die Ehrung als Glanzpunkt einer beispiellosen Entstehungsgeschichte dann auch erhalten.
Neben Ruge waren fünf weitere Autoren für den Preis nominiert. Jan Brandt mit seinem ostfriesischen Entwicklungsroman „Gegen die Welt“ , Michael Buselmeier mit dem Theaterskandal „Wunsiedel“, Angelika Klüssendorf mit ihrem Kindheitsdrama „Das Mädchen“, Marlene Streeruwitz mit ihrem Verunsicherungsprojekt „Die Schmerzmacherin“ und Sibylle Lewitscharoff mit ihrem tierseligen Philosophen „Blumenberg“. Mehr Mut zum Widerspenstigen wäre wohl nötig gewesen, um Peter Kurzecks Tausendseitenepos „Vorabend“ auf die Liste zu setzen. Schade, dass diese universal gültige Heimaterkundung, in der Kurzeck sich nichts Geringeres vornimmt als „die ganze Gegend erzählen, die Zeit!“ leer ausgeht.
Was die Beschäftigung der Autoren angeht, so scheint gänzlich unverständlich, warum es bislang keine angemessene Biographie über Alfred Döblin gegeben hat, einen der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Wilfried F. Schoeller hat jetzt die überfällige Lebensbeschreibung des Antipoden von Thomas Mann vorgelegt. Der kleingewachsene, stark kurzsichtige Nervenarzt aus dem Berliner Osten besaß als Dichter und Selbstdenker eine staunenswerte Vitalität. Er war streitlustig, experimentierfreudig und unvorsichtig. Sein bekanntestes Werk, „Berlin Alexanderplatz“, ist ein fiebernder, mythengetränkter Lobgesang auf die Großstadt, ihren Lärm, ihr Geschrei, ihre Geschwindigkeit. Unerschrocken arbeitet Schoeller sich in seinem Mammutwerk durch die Materialmassen, so dass man, ein schöner Nebeneffekt, Lust auf Döblin bekommt.
Knapp tausend Seiten und zwanzig Jahre benötigte der Schweizer Publizist Peter Rüedi für die zweite große Schriftstellerbiographie, die in diesem Herbst auf die Büchertische kommt: Sie schildert Leben und Werk Friedrich Dürrenmatts. Akribisch genau zeichnet Rüedi ein Bild des Schriftstellers, wie man es noch nicht gesehen hat. Erhellend ist dabei seine Beschäftigung mit dem Werk des Perfektionisten, der seine eigenen Texte wieder und wieder umschrieb. Wenn aber ein Stück wie etwa „Der Besuch der alten Dame“ vollendet und ein Riesenerfolg war, verlor sein Schöpfer bald die Freude daran. Und hier nun haben wir es amtlich: Der Dürrenmatt so häufig untergejubelte Satz, wonach eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht sei, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe, lesen wir bei Rüedi, ist nicht nur verkürzt, sondern falsch.
Auch wenn die titelgebende Hauptfigur im neuen Roman von Sibylle Lewitscharoff der Philosoph Hans Blumenberg ist, handelt es sich hierbei keinesfalls um eine Biographie. „Blumenberg“ setzt vielmehr in einer Art literarischem Experiment jene Frage um, die den Denker zeit seines Lebens umtrieb, nämlich, wie wir zu Innenansichten fremder Subjektivität gelangen. Größer könnte die Distanz zu einem imaginären Kopf nicht sein als im Roman der Stuttgarter Religionswissenschaftlerin.
Denn nichts Geringeres als ein Löwe, „habhaft, fellhaft, gelb“, taucht plötzlich in Blumenbergs Arbeitzimmer auf, um ihn bald schon zu Vorlesungen und auf Autofahrten zu begleiten. Dabei macht das wilde Tier keinerlei Anstalten, den alten Herrn anzugreifen. Er hinterlässt Gerüche, aber keine Spuren, es breitet sich aus, bleibt aber für andere unsichtbar. Berühren wird Blumenberg sein Schutztier bis zuletzt nicht, sondern verharrt in jenem staunenden Zustand, der sich seinem Gegenstand nähert, ohne ihm zu nahe zu treten. „Blumenberg“ verweigert sich dem Realismus der zeitgenössischen Literatur gewitzt.
Ein anderes Buch geht das Thema geographischer und biographischer Aufbrüche ganz offen und direkt an. Unter dem Titel „Als das Reisen noch geholfen hat - Von Büchern und Orten“ versammelt Martin Mosebach eine Sammlung seiner Schriften aus den letzten Jahren und Jahrzehnten. Neben Reflexionen zu Roman, Religion und Ritus gelingt es dem Romancier auf Reisen, ob in einem Kloster in Georgien, im kriegszerstörten Sarajewo oder im friedlichen Rheingau, doppelt hinzuschauen und Verbindungen auch da herzustellen, wo keine sind: zwischen Krieg und Umweltschutz, einem Heiligen und einem Handy, zwischen Goethe, Tolstoi und einer Kuckucksuhr. Wie alle Reiseschriftsteller sucht Mosebach, auch wenn er sich gewiss nicht als solcher begreift, auf seinen Exkursionen die weltabgewandte Seite. Havanna, die Stadt der Musik und der lachenden, tanzenden Menschen, nimmt er als einen beinah lautlosen Ort wahr, an dem Bewegungslosigkeit das Straßenbild prägt. Und auf dem trubeligem Kreuzfahrtschiff beobachtet er, fast wirkt es indiskret, den malaiischen Kellner, wie er still im Speisesaal die Servietten faltet.
Nicht wenige der weit mehr als hundertfünfzig zur Messe erscheinenden Bücher aus Island erzählen vom Kollaps der Vulkaninsel im Jahr 2008. Die vielleicht schonungsloseste Auseinandersetzung mit seiner Heimat hat Hallgrímur Helgason geschrieben, der Autor, der 1996 mit dem Roman „101 Reykjavík“ sein Land so liebenswürdig wie abgedreht gezeichnet hat und der Hauptstadt damit einen Massenauflauf von partyfreudigen Touristen aus aller Welt bescherte. Der neue Roman, „Eine Frau bei 1000°“, ist nicht weniger skurril, aber um einiges bitterer geraten. Er besteht aus der langen, von Zeitsprüngen geprägten Suada einer Achtzigjährigen auf dem Totenbett, die kurz nach dem Bankencrash ihr Leben bilanziert und dabei die ständig präsente Empörung über ihre Weggefährten und die Zeitläufte auf eine Eskalation zuführt, die so faszinierend wie schließlich unerträglich wird. Denn die Erzählerin verkörpert unverkennbar die verfallende Heimat des Autors.
Und so macht der Roman augenfällig, was sein Autor auch in einem Essay für diese Zeitung ausführt: Isländische Dichter sind dazu verdammt, die literarische Tradition ihrer Heimat weiterzutragen, auch wenn sie ihr halbes Leben davor fliehen. Wer diese Sagas, die historisch-literarischen Überlieferungen über die Zeit der ersten Besiedlung, als Nicht-Isländer kennenlernen will, der sollte sie am besten hören. Das entspricht ihrer traditionellen mündlichen Überlieferung, und daher sind die beiden Hörbücher der „Saga-Aufnahmen“ ein solcher Glücksfall: Isländer erzählen darin ihre jeweils eigene Version der tradierten Texte nach, frei und lebendig und mit jener Nähe, die uns berührt, da sie in ihrer entschlossenen Mündlichkeit auf uns abzielt. Dass Isländer große Geschichtenerzähler sind, wusste man zwar auch schon ohne dieses Stimmenorchester. Und dennoch lässt sich kaum eine überraschendere Adaption mittelalterlicher Literatur denken als diese strahlend frische, überlegen komponierte und nicht zuletzt freche Version der einzigartigen Epen. Und die haben bekanntlich schon viele Bücherherbste überdauert.