Mit der Einführung des E-Books hat sich für den geneigten Leser das Umblättern merklich vereinfacht. Der neueste, ganz und gar analoge Coup des Kölner Dumont Verlags erspart dem Literaturliebhaber das mühsame Anheben der Seiten jetzt sogar ganz - vorausgesetzt, er liest im Stehen und nimmt eine Lupe zur Hand.
Eine Handvoll Klassiker der Literaturgeschichte ist nämlich bei Dumont ab sofort in Plakatform erhältlich. Deren Schrift lässt sich allerdings bei einer geschätzten Buchstabengröße von einem knappen Millimeter bestenfalls mit einem Vergrößerungsglas entziffern. Geboten werden - ungekürzt auf hundert mal siebzig Zentimetern und natürlich schwarz auf weiß - Goethes „Faust“, Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, Shakespeares „Romeo und Julia“, Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ und Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte“.
„Faust“ an der Bürotür
Letzteres ist freilich noch einmal eine Pointe für sich, flogen doch vor Jahren im „Literarischen Quartett“ beim heute legendären Zwist um diesen Roman so richtig die Fetzen. Danach war „Gefährliche Geliebte“ im Jahr 2005 noch das „Buch für die Stadt“ in Köln - was sicherlich ausreicht, um neben Shakespeare und Goethe als Weltliteratur zu gelten.
Tatsächlich gelingt beim äußerst genauen Hinsehen sogar das Dechiffrieren dieser Mikrogramme. Der Druck ist jedenfalls hochauflösend und sauber genug. Einen Rechtschreibfehler haben wir bisher auch noch nicht entdecken können. Umso größer der Stolz, den „Faust“ als Ganzes nun endlich an der eigenen Bürotür hängen zu haben - statt eines x-beliebigen Autoren-Starschnitts! Verzichten würde man indessen gern auf die wirklich albernen Hintergrundmotive im Schablonenstil, die sich penetrant aus dem Textumbruch herausschälen: ein sprintender Pudel für Goethe, drei Palmen für Defoe.
Bleibt zu hoffen, dass die anderen Verlage bald nachziehen und demnächst auch aktuelle Belletristik auf Plakaten und Postern verfügbar wird - quasi als Gegenoffensive zu all den Apps, die Lektüre im Häppchenformat bieten. Notfalls ließe sich dank Google Books und Photoshop das eine oder andere Lieblingswerk ja auch am heimischen Computer entsprechend umgestalten. Für Übersetzungen wären vielleicht zweisprachige Kippbildversionen mit 3-D-Effekt vorstellbar. Von Dumont (oder wahlweise Rowohlt, dtv, Fischer und Suhrkamp) wünschen wir uns als Nächstes übrigens Leo Tolstois „Krieg und Frieden“, Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und James Joyces „Ulysses“ als Tapeten-Set im Wohnzimmerformat!