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Neue Handke-Bücher : Weiter in die Irre gehen

  • -Aktualisiert am

Würde im Scheitern: Peter Handke Bild: AFP

Peter Handke mangelt es an Medienkompetenz, er kann seine Gedanken nicht auf eine bündige Aussage bringen. Seinem politischen Urteil gereicht das zum Nachteil - nicht so seiner Dichtung. Das beweisen drei Neuerscheinungen.

          Peter Handke mangelt es an Medienkompetenz, er kann seine Gedanken nicht auf eine bündige Aussage reduzieren. In den Gesprächen mit seinem Freund Peter Hamm wird das anschaulich. Trotz laufender Kamera redet er wie spätabends beim Wein, antwortet nie direkt auf Fragen, erzählt, schweift ab, fällt sich ins Wort, bekommt einen Wutausbruch, nimmt zurück, ironisiert die eigenen Ressentiments oder beschimpft sich als „Arsch“.

          Das ist nicht nur Naturell, sondern auch Programm. Vorgefertigtes von sich zu geben ist des Dichters unwürdig. Das überläßt er den Medien, dem „Verbrechervolk“. Um fortzufahren wie oben beschrieben: „Volk ist ja ein bißchen übertrieben. - Gesindel?“

          Aber: „Da wird immer noch gute Arbeit geleistet.“ Die wahre Empfindung und Erfahrung bleibt in jedem Fall eine Sache des dichterischen Wortes, und das gilt gerade für die von heuchlerischer Sprache vernebelte jugoslawische Sache. Handkes Tiraden gehen dem Leser zuweilen auf die Nerven, durch ihre Form aber fördern sie das Verständnis noch der jüngsten Querelen um die Zuerkennung des Düsseldorfer Heine-Preises.Aktives Zuschauen als Ideal

          In einer Hinsicht zeigt sich Handke von ungebrochenem Selbstbewußtsein. Er sieht die Dichtung als Beruf in sich verkörpert. Und das bedeutet für ihn, allein zu gehen, „in der Distanz zu sein und solitair zu bleiben“, vor allem aber mit der Anschauung den Anfang zu machen, um Wandlung zu erlangen vor dem so luftigen wie profanen Altar der Erzählung - „im Blickaufschlagen wird etwas anders mit dir“. Aktives Zuschauen als Ideal, das ist die Fortsetzung von Goethes Projekt einer Rettung der Sichtbarkeit gegen die Anmaßungen der theoretischen Vernunft wie der Metaphysik. Goethe ist für Handke der einzige große deutsche Dichter, der sich vom Wahnsinn der idealistischen Geschichtsphilosophie, jener Sinngebung des Sinnlosen, gänzlich freigehalten hat. „Goethe ist die große, liebe, freche, souveräne Ausnahme.“ So will auch Handke den Mächten des Faktischen, dem „Wissenszeugs“ wie dem Gerede widerstehen, indem er Gedenkzeichen setzt in der Sprache. Souveränität aber schreibt er sich nicht zu, eher die Würde des Scheiternden.

          Eine Vorstellung vom Epischen in der Tradition von Goethes „Weltfrömmigkeit“ bestätigen sich Peter Handke und Hermann Lenz in ihrem Briefwechsel immer wieder. Handkes Blick ist freilich zunächst höchst selektiv. Er, der in den Siebzigern als medienbewußter Popliterat galt, nimmt am dreißig Jahre älteren, mit dem Zeitgeist und seiner Lage als Sekretär des Schriftstellerverbands hadernden Schwaben vor allem die „erzählenden Stillstände“ wahr: das Aufscheinen einer Welt aus der Beobachtung der Einzelheiten. Handkes „Einladung, Hermann Lenz zu lesen“ sind 1973 viele gefolgt, aber nicht wenige konnten die Begeisterung nicht teilen und langweilten sich bei erzählerischer Betulichkeit. Der mit seiner öffentlichen Existenz schon zerfallene Handke las Lenz offenbar im Hinblick auf noch unrealisierte eigene Möglichkeiten und idealisierte ihn als „eine von allen Möglichkeiten unabgeschnittene Existenz“.

          Wille zur Freundschaft

          In „Der Chinese des Schmerzes“ (1983) sieht sich Handke erstmals auf dem Weg zu der an Lenz gepriesenen Darstellung des Sichtbaren, worin er von diesem prompt bestätigt wird: „Jede Beobachtung deutet auf ein Glück oder eine Verstörung hin, wird zum Zeichen für eine Empfindung und bleibt trotzdem ein Element der Wirklichkeit.“ Handke habe in dem Buch „eine neue magische Wirklichkeit“ geschaffen. Danach entwickelt sich aus gegenseitiger Bewunderung, die gelegentlich an Lobhudelei grenzt, eine Freundschaft, in der sich die beiden ihrer Abneigung gegen Gruppenbildung und die Spezies der „Wirklichkeitsmenschen“ versichern.

          Wie Handke Lenz mit der Hilfe Siegfried Unselds und Hubert Burdas zu einem vielgelesenen Autor machte, erscheint aber als ein durchaus wirklichkeitstaugliches Kunststück und zugleich als Ausdruck eines Willens zur Freundschaft, die ihm vom Älteren mit nie getrübter Dankbarkeit vergolten wurde. Der Briefband enthält auch Handkes „Einladung“ und seine Grabrede auf Hermann Lenz (1998), dessen Bericht über Begegnungen mit Handke sowie Essays von Peter Hamm und den Herausgebern Helmut Böttiger, Charlotte Brombach und Ulrich Rüdenauer. Das ergibt mehr als ein Zeitdokument: ein sehr anrührendes Buch, das Goethes Diktum widerlegen zu wollen scheint, „daß ein Großer wohl Freunde haben, aber nicht Freund sein“ könne.

          Feierliche Albernheit

          Handkes neues Stück ist wieder einmal eine Art Kleines Welttheater mit Anklängen an Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus. Die Handlung spielt in feierlicher Albernheit und „inniger Ironie“ auf der Bühne eines einsamen Geistes. Der Zuschauer ist Erzähler, sporadischer Akteur und Spielleiter in einem Stück, das sich in keine Gattungsvorstellung fügt. Tragödie kann es nicht sein, „weil es keine Schuldigen mehr gibt, weder bewußt Schuldige noch unbewußt Schuldige, und zudem auch keinerlei Unschuldige“. Gut ausgehen kann es aber auch nicht.

          Am Ende scheint aus der heillosen Überkreuzung der Stimmen und Spuren doch noch etwas wie eine Maxime zu folgen. „Wie hat das Verirrtgehen, das Rutschen, das Stürzen, nein, das Faststürzen mir doch den Blick geschärft.“ - „Weiter in die Irre gehen. Beständiger verirrt sein.“ Aber auch diese Worte verklingen wie von je des Lebens Traum, und der Sinn der Geschichte ist in den vorletzten Tagen der Menschheit nicht einmal mehr Farce. Das eignet sich für den „epischen Ringeltanz“, auf den sich Claus Peymann versteht.

          Einsamer Kämpfer gegen eine „verschworene Gewinnerwelt“, ohne Hoffnung, etwas ausrichten zu können, hingebungsvoller Freund, schwermütiger Spielleiter und Spurensammler menschlicher Wege: Diese drei neuen Publikationen zeigen Peter Handke als Erben einer desillusionierten romantischen Gefühlskultur und einer ironischen Poetik des Widerspruchs, die jeder, der sich mehr für Literatur interessiert als für starke Meinungen, zumindest auch auf Heinrich Heine zurückführen kann.

          Peter Handke, Peter Hamm: „Es leben die Illusionen“. Gespräche in Chaville und anderswo. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 184 S., geb., 20,- [Euro].

          Peter Handke, Hermann Lenz: „Berichterstatter des Tages“. Briefwechsel. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2006. 460 S., geb., 24,80 [Euro].

          Peter Handke: „Spuren der Verirrten“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 88 S., br., 14,80 [Euro].

          Quelle: F.A.Z., 28.11.2006, Nr. 277 / Seite 38

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