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Veröffentlicht: 08.04.2016, 18:01 Uhr

Comic-Autor Adrian Tomine Die nächste Blamage wird die beste!

Und der nächste Kuss bedeutet was. Oder? Adrian Tomine hat ein weises Comic-Buch gemacht, über Liebe zu sich und anderen.

von Friederike Haupt
© Reprodukt Aus Tomines neuem Band „Eindringling“

Die meisten Bücher erscheinen zum falschen Zeitpunkt. Das Problem ist entweder, dass der Autor noch nicht so weit ist, oder, dass die Welt noch nicht so weit beziehungsweise schon weiter ist. Manchmal kommt auch beides zusammen, dann erscheinen Bücher, die es bloß gibt, weil ein Journalist mal einen sogenannten pfiffigen Artikel geschrieben hat und daraufhin einen Anruf von einer Literaturagentin bekam, die vorschlug, ein pfiffiges Buch über die Sache zu machen. Heraus kommt zuverlässig ein schlaffer Text, der irgendeiner Debatte hinterhertrödelt.

Ist bloß der Autor noch nicht so weit, fühlt sich aber so, schreibt er was Anstrengendes über Liebe. Spielt die Welt nicht mit, kann der Autor noch so toll sein, wie zum Beispiel alle Autoren von Standardwerken über die Piratenpartei bestätigen werden. Hier geht es aber nun um ein Buch, das zum exakt richtigen Zeitpunkt kommt, und zwar in jeder Hinsicht.

Es ist ein Band mit sechs Comic-Erzählungen des Amerikaners Adrian Tomine. Er heißt „Eindringlinge“, nach einer der Geschichten darin, aber genauso gut könnte er den extrem modernen Titel des Buches tragen, an dem der Held in Helmut Dietls visionärer Serie „Der ganz normale Wahnsinn“ arbeitet, nämlich: „Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohlfühlt, obwohl es uns allen so gut geht“.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Das klingt heute natürlich erst mal so, als würden darin Hashtag-Themen aufgearbeitet: Leute bereuen, Mutter zu sein, keine Mutter zu sein, Mutter mit Glutenallergie zu sein, Mutter ohne Glutenallergie zu sein und so weiter.

Aber um so etwas geht es bei Tomine nicht, dafür ist er zu klug und auch zu wenig interessiert an Trashdebatten. Bei ihm geht es um Männer und Frauen und wie sie es jemals miteinander aushalten sollen. Darüber wird seit Menschengedenken nicht wenig geschrieben, aber Tomines Buch kommt deswegen jetzt gerade richtig, weil es von der Liebe in Zeiten der gegenwärtigen Megathemen Alleinsein, Feminismus, Zukunftsangst und Irgendwasmitdrogen so erzählt, dass man endlich mal etwas versteht.

Vollkommen bescheuert und brutal hässlich

Das beweist gleich die erste Geschichte, „Hortiskulptur“. Ein Gärtner, verheiratet, eine Tochter, erfindet eine neue Kunstform: eine Mischung aus Gartenbau und Bildhauerei, seltsame Röhrenfiguren, durch die lebendige Pflanzen wachsen. Vollkommen bescheuert also und brutal hässlich dazu. Aber der Gärtner ist überzeugt davon, dass die Welt auf seine Erfindung gewartet hat. Auf einer Party erzählt er Freunden davon; die spotten, er baue ja dann also so etwas Ähnliches wie Kresse-Igel. Seine Frau sagt, sie finde die Sachen wunderschön. Aber gleich hinterher sagt sie, er brauche ja nicht gleich das Gärtnern aufzugeben. Sicher ist sicher.

Schon nach drei Seiten weiß man, dass es hier um alles geht: um die Hoffnung des süßen, dickbäuchigen, fleißigen, von Ruhm bloß träumenden Vorortgärtners auf echten Ruhm. Und um die Frage, ob seine Frau es aushält, dass ihr Mann jetzt nachts im Bett davon träumt, von Skulptur-Groupies in kurzen Röcken gejagt zu werden, während er in Wirklichkeit kein einziges der blöden Kunstwerke verkauft.

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