06.07.2007 · Wer sehen will, was der Comic - und auf diese Art nur der Comic - leisten kann, der sollte sich zwei gerade herausgekommene Alben anschauen, die viel zu spät auf Deutsch erschienen sind. Andreas Platthaus stellt zwei Sprengmeister ihrer Gattung vor.
Von Andreas PlatthausWie soll man mit gleich zwei neu ins Deutsche übersetzten Publikationen umgehen, die alles umstürzen, was wir vom graphischen Erzählen wissen? Dabei hätte man jahrelang Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten, denn Paul Hornschemeiers Comicroman „Komm zurück, Mutter“ erschien in Amerika schon 2004, und das französische Album „Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer“ ist gar noch älter - es wurde 2002 publiziert. Der Abstand zu den Originalveröffentlichungen zeigt die Rückständigkeit des deutschen Comicmarktes, denn dass es sich bei beiden Werken um Meisterwerke handelt, pfiffen sämtliche Leser, die der fremden Sprachen mächtig waren, von den Dächern. Immerhin versöhnt der schöne Zufall, dass beide Titel nun gleichzeitig in unsere Buchläden kommen.
Solche Bücher, die mit einem Schlag alles beiseite schieben, was es bislang stilistisch gegeben hat, sind nicht allzu häufig. Eine vergleichsweise noch wenig etablierte Erzählform wie der Comic gewährt ihren Autoren zweifellos mehr diesbezügliche Möglichkeiten als die Literatur, deren gelehrte Ausleger sich seit Jahrhunderten um Einordnung und Abgrenzung bemühen und für jedes neue Werk schon aus Gründen der eigenen Spartenpflege rasch den passenden Genrebegriff parat haben. Bis der Comic diesen Status erreicht hat, werden noch etliche Jahrzehnte vergehen. Und bis dahin werden sich die Experten bemühen müssen, mit den Avantgardisten überhaupt Schritt zu halten.
Lauter Unter-Ichs
Aber sind der dreißigjährige Hornschemeier und sein elf Jahre älterer Kollege Patrice Killoffer überhaupt Avantgardisten? Ja, aber auf unterschiedlich deutlich erkennbare Weise. Über die Innovationskraft von Killoffer, seines Zeichens 1990 Mitbegründer der französischen Zeichnervereinigung „L'Association“, die auch einen eigenen Verlag betreibt, muss man kein Wort verlieren, sondern nur eine der Seiten aus seinem Comic zeigen (der in Frankreich in einem Überformat erschienen ist, das sich der deutsche Reprodukt Verlag leider gespart hat). Es gibt keine Bildbegrenzungen darin, sondern einen einzigen graphischen Bewusstseinsstrom, der die Hauptfigur, Killoffer selbst, zunächst bei der Rückkehr von einem längeren Aufenthalt in Montreal nach Paris zeigt, sie dann als Rückblick im Alltag der kanadischen Metropole verfolgt, ehe sich die Erzählerfigur verselbständigt und als Vielfaches ihrer selbst all ihre geheimen Gelüste und Laster auszuleben beginnt - deshalb der Titel der 676 Erscheinungen, denn so viele Zeichnungen von Killoffer finden sich auf den 46 Seiten des Comicalbums, und nur die wenigsten davon zeigen jenes Erzähler-Ich, das der Autor als sein Alter Ego gelten lässt. Alle anderen repräsentieren unterdrückte Ebenen des eigenen Bewusstseins, die als Doppelgänger in die Geschichte eintreten. Auf dem Höhepunkt sind es rund dreißig Killoffers, die sich in einem gewaltigen Gemetzel wechselseitig umbringen - bis nur noch der wahre übrigbleibt.
Der Verweis auf Freud liegt dabei nahe, doch er ist lächerlich, denn Killoffer ist ihm weit voraus. Das Schema aus Es, Ich und Über-Ich spielt keine Rolle, denn es sind lauter Unter-Ichs, die hier zum Schrecken des einstig-einzigen Killoffers saufend, prügelnd, vergewaltigend und mordend durch die Straßen ziehen, um sich alle wieder zuverlässig in der Wohnung zu versammeln, wo dann die Gewalt in Autoaggression umschlägt. Das sind allerdings sämtlich Phantasmen, die dadurch kenntlich gemacht werden, dass der Erzähltext, der bis zur ersten Spaltung acht Seiten lang von Montreal berichtete, aussetzt. Das Beunruhigende aber ist, dass dieser anfängliche persönliche Tonfall nie wieder einsetzt. Der Comic geht stumm zu Ende - die Erzählung bleibt Killoffers überschwenglicher Strenge verpflichtet, wenn sie einerseits auf Detailreichtum und perspektivische Verschachtelung setzt und sich andererseits durch Beschränkung auf Schwarzweiß und Adaption der Ligne Claire zur Dienerin einer Ausschweifung macht, die klaren Ritualen der Wiederholung folgt. Sade steht hier formell viel mehr Pate als inhaltlich.
Näher geht's nicht
Hornschemeiers Comic (erschienen bei Carlsen) dagegen ist auf den ersten Blick so reduziert, dass man die unglaubliche Virtuosität, mit der er sich die erzählerischen Mittel des Comics zunutze macht, erst bei wiederholter Lektüre zu würdigen weiß. Dabei ist seine Geschichte eine, die sich auch schon beim ersten Mal erschließt: Der kleine Thomas Tennant muss nach dem Tod seiner Mutter mit dem dadurch depressiv gewordenen Vater auskommen und nach dessen Einweisung in die Psychiatrie einen eigenen Weg finden, mit dem Zwiespalt aus Gegenwart und Erinnerung umzugehen. Durch die Beschränkung auf einfachste, fast piktogrammartig gestaltete Dekors, die den kleinen Thomas und seinen Vater einschließen und einen Kreis abgrenzen, in dem man immer wieder dieselben Orte aufsucht, wird auch bei Hornschemeier die Wichtigkeit des Rituals bei der Bewältigung psychischer Krisen in den Mittelpunkt gerückt.
Das ist aber auch die einzige Gemeinsamkeit. Hornschemeiers Comicroman kommt völlig anders daher als die Nachtmahre Killoffers - nicht nur weil er ganz unvirtuos gezeichnet ist. Bei Hornschemeier ist man so nah an den Figuren, wie es sich denken lässt, und das sowohl narrativ wie graphisch. Es gibt zahllose Nahansichten von Gesichtern oder einzelnen Körperpartien, und diese Bilder erzählen viel mehr über das Geschehen als die knapp gehaltenen Sprechblasen und die einfach ins Bild geschriebenen Erinnerungen von Thomas an das im Comic geschilderte Geschehen. Bisweilen werden die Sprechblasen aus den Bildern herausgedrängt und dadurch unleserlich; dann wieder wechselt der Zeichenstil Hornschemeiers zu kindlichem Strich, wenn Thomas seine Erlebnisse in einen eigenen Comicstrip fasst. Wenn es je eine Bildgeschichte gegeben hat, die akribisch alle graphischen Möglichkeiten des Comics vorgeführt hat, dann ist das „Komm zurück, Mutter“.
Zwei riesige Schritte voraus
Dass sie auch noch herzzerreißend erzählt und in der Auflösung überraschend ist, macht Hornschemeiers Geschichte zu einem Sonderfall. Viele bildexperimentelle Comics, etwa von Art Spiegelman, Chris Ware oder Scott McCloud, verzichten auf einen epischen Zug zugunsten der Herausstellung der virtuosen Bildsprache - Spiegelmans „Maus“ ist dabei die Ausnahme. Hornschemeier aber hat sogar noch einen narrativen Kniff parat, indem er die ganze Geschichte unter dem Titel „Einführung zur zweiten Auflage“ von Thomas Tennant erzählen lässt, ehe auf der allerletzten Seite angeblich erst das eigentliche Buch beginnt: „Erstes Kapitel: Wir sind alle erlöst“. Erlöst von der Geschichte. Diese Fiktion hätte selbst als Prosaerzählung noch Aufsehen erregt, als Comic aber wirbelt sie die Lesererwartungen vollständig durcheinander.
Was Killoffer also an graphischer Freiheit in Anspruch nimmt, das vollzieht Hornschemeier auf erzählerischer Ebene nach. Beide aber tun es in nie da gewesener Konsequenz. Es sind aufgrund ihres ästhetischen Anspruchs zweifellos keine leichten Lektüren (thematisch schon gar nicht), aber wer sehen will, was der Comic - und auf diese Art nur der Comic - leisten kann, der bekommt bei beiden Alben davon eine Vorstellung. Wohin der Weg der Gattung noch führen wird? Wer wollte es nach diesen zwei riesigen Schritten voraussagen?
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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