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Neue Biographie der Dichterin : Die vielen Gesichter der Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann liebte das Lesen: Diese italienische Zeitung amüsierte sie im Sommer 1970 Bild: Bachmann-Erben

Vierzig Jahre nach dem Tod von Ingeborg Bachmann legt Andrea Stoll eine vielstimmige Biographie über die österreichische Dichterin vor. Material aus dem Familienarchiv zeigt deren Werdegang in einem ganz neuen Licht.

          Wer heute als junge Frau unabhängig durchs Leben geht, denkt kaum darüber nach, wie schwer das einmal gewesen ist. Ingeborg Bachmann, eine Ikone des frühen Feminismus, sah sich noch in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einem Dickicht aus festgeschrieben Geschlechterrollen ausgesetzt, das kaum zu durchdringen war.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die 1926 in Klagenfurt geborene Dichterin wurde zum jungen Star am deutschsprachigen Autorenhimmel, als sie 1954 mit ihrem ersten Gedichtband „Die gestundete Zeit“ einen Gegenentwurf zur vornehmlich realistischen Nachkriegsliteratur bot. Vor diesem Hintergrund mutet Ingeborg Bachmanns Wille zur Selbstinszenierung aus heutiger Sicht fast befremdlich an. „Hatte sie das nötig?“, so fragt man sich rückblickend und übersieht dabei womöglich, dass gerade das Maskenspiel der Schriftstellerin die Möglichkeit bot, die Kontrolle über das eigene Bild in der Öffentlichkeit zu behalten.

          Ihre Generation bot keine Vorbilder für erfolgreiche Autorinnen

          Viele störten sich an ihrem „Divengehabe“, das Zeitzeugen immer wieder ins Spiel bringen, wenn von Ingeborg Bachmann die Rede ist, und übersahen, dass es in dieser Generation für die Existenz einer erfolgreich schreibenden Frau fast keine Vorbilder gab. Ingeborg Bachmann hatte niemanden, an dem sie sich orientieren konnte - auch nicht an Freundinnen wie der fast gleichaltrigen Ilse Aichinger oder der älteren Marie Luise Kaschnitz, die alle in gesicherten familiären Beziehungen lebten. Der femme de lettres Ingeborg Bachmann dagegen, die in Wien bei Victor Kraft über Heidegger promoviert worden war und die mit den Philosophen ihrer Zeit korrespondierte, blieb dieser familiäre Rückhalt versagt.

          Auch deshalb glaubte sie, dem eigenen schriftstellerischen Auftrag „schutzlos ausgeliefert zu sein“. Vierzig Jahre nach dem frühen Tod Ingeborg Bachmanns entwirft nun Andrea Stoll in ihrer Biographie „Der dunkle Glanz der Freiheit“, die dieser Tage bei C.Bertelsmann erscheint, ein anderes Bild der Autorin. Das war nur möglich, weil die Germanistin, die über Ingeborg Bachmann promoviert worden ist, einen Zugang zur Familie der Klagenfurter Dichterin gefunden hat. Neben Gesprächen mit Weggefährten wie Henry Kissinger, Inge Feltrinelli und Luigi Bonino sprach Andrea Stoll auch mit den Geschwistern Heinz Bachmann und Isolde Moser und erhielt Zugang in das Privatarchiv der Familie.

          Als Kind: Ingeborg rudert im Klagenfurter Wörthersee. Kurz vor ihrem Tod wollte sie in die Heimat zurückzukehren. So weit kam es nicht mehr - am 17. Oktober 1973 starb sie in Rom an Brandverletzungen
          Als Kind: Ingeborg rudert im Klagenfurter Wörthersee. Kurz vor ihrem Tod wollte sie in die Heimat zurückzukehren. So weit kam es nicht mehr - am 17. Oktober 1973 starb sie in Rom an Brandverletzungen : Bild: Bachmann-Erben

          Erstmals konnte sie etwa Einblick nehmen in die Elternbriefe Ingeborg Bachmanns, die unverhofft das Bild einer privaten, fröhlichen und alles andere als kapriziösen Autorin zeigen - und das einer Frau, die so sehr an ihrem Vater hängt, dass sie den liebevollen Kontakt zu dem einstigen Nationalsozialisten auch dann noch beibehält, als sie dem jüdischen Dichter Paul Celan begegnet, dessen Familienmitglieder in Konzentrationslagern ermordet worden sind.

          Andrea Stoll, die 2008 den ergreifenden Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan mit herausgab, zeigt sich auch in der Biographie der Autorin als seriöse Wissenschaftlerin. Sie versieht ihr Werk mit einem Anhang aus Fußnoten, Quellenangaben und Querverweisen (und lässt allenfalls ein Register vermissen, mit dem man sich auch auf die Schnelle im Buch zurechtfinden könnte). Dass Andrea Stoll aber im Brotberuf Drehbuchautorin ist, also geübt darin, Geschichten spannend zu erzählen, gerät ihr nicht zum Nachteil.

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