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Nadine Gordimer : Ich bin nicht tapfer

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Weder paranoid noch tapfer: Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer lebt in Johannesburg Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer über Gewalt und Sicherheitswahn in Johannesburg, den Prozess gegen den ANC-Chef Jacob Zuma und über ihre Freundin Susan Sontag, die in Afrika keine Tiere sehen wollte.

          Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer über Gewalt und Sicherheitswahn in Johannesburg, den Prozess gegen den ANC-Chef Jacob Zuma und über ihre Freundin Susan Sontag, die in Afrika keine Tiere sehen wollte

          Mrs Gordimer, Sie leben, hier in Johannesburg, mit einem Sicherheitssystem hinter einer Mauer.

          Ja, aber ich habe die Terrassentür offen! Viele Menschen würden alle Türen verrammeln.

          „Jedes Land hat seine Formen der Gewalt”, sagt Nadine Gordimer mit Blick auf ihre Heimatstadt Johannesburg

          Obwohl das Haus bewacht ist?

          Allerdings. Jedes Land hat seine Formen der Gewalt, und jeder muss für sich entscheiden, wie er damit umgeht. Es gibt hier Menschen, die sich verbarrikadieren, andere bewegen sich ohne weiteres auch nachts auf der Straße, selbst in Vierteln, die als gefährlich gelten. Sie müssen bedenken, dass etwas für uns völlig Unvorhersehbares passiert ist: Wir haben drei Millionen Flüchtlinge aus Simbabwe, drei Millionen! Wir haben, ich weiß nicht wie viele, aus Somalia. Seit den sechziger Jahren haben wir Flüchtlinge aus dem Kongo. Viele von ihnen sind illegal hier. Und ich sage mir und anderen immer, dass man sich nur vorstellen muss, einer von ihnen zu sein. Man hat nichts, weiß nicht, wo man die Nacht verbringen wird, hat keine Arbeit, lebt von der Hand in den Mund - und dann kommt einem auf der Straße jemand entgegen, der in der einen Hand eine Digitalkamera hat, in der anderen ein Handy und eine teure Tasche um die Schulter. Wäre ich diese hungernde Person, ich würde sehr wohl darüber nachdenken, wie ich ihm etwas wegnehmen könnte. Die Kriminalität, die wir haben, geht vor allem auf die unglaubliche Schere zwischen Arm und Reich zurück.

          Sie wurden vor einigen Jahren selbst überfallen. War das in diesem Haus?

          Ja, aber ich bin deswegen nicht paranoid geworden, wie Sie sehen! Ich bin auch nicht tapfer, wie manche meinen. Ich lebe jetzt bewachter, das ja. Als mein Mann noch lebte, hatten wir nur eine einfache Alarmanlage, die ich gehasst habe, weil es reichte, dass ein Vogel irgendwo gegenflog, schon wurde man nachts um drei durch lautes „Piep-piep“ geweckt.

          Ich habe noch nie so viele hochgerüstete Mauern und Zäune gesehen wie hier in Johannesburg in den reichen weißen Vierteln. In den Gegenden, in denen wohlhabende Schwarze wohnen, ist es ähnlich. Man wappnet sich. In Ihrem Roman „Die Hauswaffe“ haben Sie die Spirale von Gewalt und Sicherheitswahn beschrieben: Wo Menschen Waffen haben, um sich im Notfall wehren zu können, ist Gewalt vorprogrammiert.

          Die Waffe begann irgendwann für viele zum Haus zu gehören wie ein Haustier. Wie eine Katze oder ein Hund. Sie war da, für den Fall der Fälle. Und es hat viele Beispiele gegeben, wohin das führen konnte, wenn etwa Kinder im Haus Räuber und Gendarm spielten und auf die Idee kamen, Daddys Waffe zu benutzen. Immer wieder wurden Kinder auf diese Weise erschossen.

          Jetzt gibt es Befürchtungen, dass es bei der Fußball-WM in zwei Jahren zu Sicherheitsproblemen kommen könnte. Freuen Sie sich trotzdem auf die WM?

          Ehrlich gesagt interessiere ich mich nicht für Sport. Das mag hochnäsig klingen, weil Sport für viele so wichtig ist. Ich habe aber nie Sport getrieben, außer als Kind, da wollte ich Tänzerin werden.

          Die WM ist ja aber nicht nur ein Sportereignis, sondern auch ein wirtschaftliches und politisches.

          Sicher, die Straßen werden ausgebaut, und wir kriegen jetzt diese außerordentliche Zugverbindung, den Gautrain, der Johannesburg mit Pretoria und mit dem Flughafen verbindet. Die Frage ist nur, wer etwas von diesem Zug hat. Er verbindet Stadtgebiete. Diejenigen, die jenseits dieser Gebiete wohnen, und das ist die Mehrheit der Arbeiter, werden mit diesem Zug nicht fahren können. Er ist etwas für die Mittelklasse, für die weiße und für die neue schwarze Mittelklasse, die es jetzt gibt.

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