27.10.2002 · Prominente äußern sich zum Tod des Frankfurter Verlegers Siegfried Unseld.
Schriftsteller, Literaturkritiker und Politiker haben den am Samstag vertorbenen Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld als einen der bedeutendsten deutschen Verleger gewürdigt.
Die Verdienste des Verlegers reichten von der „sorgsamen Pflege von Hermann Hesse bis zu seinem Einsatz für die Exilliteratur.“ Bundeskanzler Gerhard Schröder drückte der Witwe Ulla Berkéwicz in einem Kondolenzschreiben sein „tief empfundenes Beileid aus“. „Wie kaum ein anderer hat Siegfried Unseld die Entwicklung Deutschlands über nahezu ein halbes Jahrhundert mitgestaltet“, schrieb Schröder. Die Kultur in Deutschland verliere mit Unseld „einen der großen Repräsentanten und Förderer“. Das geistige und kulturelle Leben unserer Republik seit den 50erJahren sei „maßgeblich geprägt vom Suhrkamp Verlag, den Siegfried Unseld erfolgreich, mit hohem intellektuellen Anspruch und großer gesellschaftlicher Verantwortung geleitet hat“.
Kulturstaatsminister Christina Weiss würdigte Siegfried Unseld als „zentrale Instanz des geistigen Lebens in Deutschland“. Der von ihm geleitete Suhrkamp Verlag stehe wie kaum ein anderer für den intellektuellen und literarischen Aufbruch des Landes nach 1945.
Für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist Unseld weit mehr gewesen als ein bedeutender Verleger: „Er hat das geistige Leben des ganzen deutschsprachigen Raums geprägt wie kein anderer Verleger je.“ Unseld habe nicht nur die Literatur gefördert, er habe auch die Diskussion darüber „geprägt und gestaltet und geführt“. Mit ihm verliere Deutschland „eine der stärksten Persönlichkeiten des Kulturlebens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“.
Auch als Autor habe Unseld „in seinem Fachgebiet Hochbedeutendes geleistet“. Sein Buch über Goethe und seine Verleger sei ein sehr wichtiges Werk. Über den Menschen Unseld sagte der Kritiker: „Kennzeichnend für seine Persönlichkeit war eine außergewöhnliche Vitalität und eine enorme Leidenschaft: Das Buch war seine Passion.“
Nach Ansicht des Rhetorikprofessor Walter Jens hat „keiner für die Literatur so weite Gebiete geöffnet, national wie international“. Ohne Einschränkung könne er sagen: „Unseld war der Erste seiner Zunft“.
Auch der Schriftsteller Martin Walser, dessen umstrittenes Buch „Tod eines Kritikers“ im Suhrkamp-Verlag erschienen ist, zeigte sich betroffen über den Tod des Suhrkamp-Chefs. „Er wird den einen mehr, den anderen weniger fehlen. Mir mehr“, sagte Walser, der in Überlingen am Bodensee wohnt.
Der Schriftsteller Siegfried Lenz betonte, beispielhaft sei vor allem die Art gewesen, wie Unseld die Beziehung zu seinen Autoren - manchmal wie ein Übervater - pflegte und sie kritisch begleitete. „Es hat keinen Verleger im letzten Jahrhundert gegeben, der so viel angestoßen hat und mit einer solchen Verve hinter seinen Autoren gestanden hat wie Siegfried Unseld“, sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann. Unseld sei für viele Autoren „eine Vaterfigur“ gewesen.
Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, sagte, Unseld habe jedem Autor das Gefühl gegeben, der Größte zu sein, „deshalb haben sie ihn auch so geliebt“.
Mario Vargas Llosa, peruanischer Schriftsteller und Suhrkamp-Autor, charakterisierte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Unseld als „Anwalt seiner Autoren, großzügig wie ein Renaissanceherrscher“. Der diesjährige Literaturnobelpreisträger und Suhrkamp-Autor Imre Kertész erklärte in der FAZ: „Das war noch eine Freude für ihn (Unseld), dass er wieder einen Autor gewählt hat, der diesen Preis (Nobelpreis) bekommt. Das andere, was ich sagen möchte: Diese Art Männer wie er einer war, diesen Gründertyp, gibt es nicht mehr. Vielleicht war er der letzte.“