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Nach Volksentscheid in der Schweiz : Ein Land im Aufruhr

Müssen indische Produzenten nach dem Volksentscheid um die begehrte Kulisse fürchten? Jedes Jahr werden fünfzig Bollywood-Filme in den Schweizer Bergen gedreht Bild: KEYSTONE

Bei der Buchmesse in Leipzig will die Schweiz nicht einfach Gastland sein, sondern dazugehören. Gleichzeitig wollen die Schweizer laut Volksentscheid weniger Zuwanderung. Jetzt ist die Verstörung groß.

          Den „Triumph einer utopistischen Idee über die Gegebenheiten“ nannte Max Frisch die Willenskraft seiner Landsleute. Für seinen Kollegen Adolf Muschg ist das Land gar keine Nation, sondern ein „ziviles Bündnis Verschiedener, geschaffen zum Schutz ihrer Verschiedenheit“. Dass die Schweiz eine solche Willensnation ist, die eben nicht eine gemeinsame Kultur oder Sprache eint, sondern allein der Vorsatz, das zeigt sich nun einmal mehr in Leipzig.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Schweiz steht dieses Jahr im Zentrum der Buchmesse, die in wenigen Tagen beginnt. Doch mit dem Begriff „Gastland“ mochte man sich südlich des Bodensees partout nicht anfreunden. „Wir gehören schließlich dazu“, lautete der eidgenössische Tenor, weshalb die Veranstaltung kurzerhand umbenannt wurde. Jetzt wird in Leipzig zum „Auftritt Schweiz“ eingeladen - worin die einen unbedingt eine Verbesserung sehen, andere eher einen Ausdruck von Sturheit.

          Mit dem Auslandsjahr hat es sich vorläufig ausgeträumt

          So oder so erfährt die Frage, wer alles dazugehört, vor allem: dazugehören darf, durch den jüngsten Volksentscheid zur Begrenzung der Zuwanderung eine ganz neue Dimension. Wer dieser Tage nach Zürich kommt, kann das nicht übersehen. Die Schweizer sind aufgewühlt, obwohl es ihrem Temperament nicht unbedingt entspricht, Dinge aufzubauschen.

          Doch von einem Psychiater höre ich, dass seine Patienten derzeit kein anderes Thema auf der Couch hätten. Depression hin oder her - was die Züricher, Baseler oder Berner umtreibt, ist die Frage, warum sie abgestimmt haben, wie sie abgestimmt haben. „Wir galten seit jeher als bessere Europäer“, sagt einer, „jetzt müssen wir lernen, mit dem Makel zu leben.“

          Von Schweizer Studenten wiederum ist zu hören, sie hätten für den Entscheid, also gegen die Ausländer gestimmt, weil ihnen in Züricher Diskotheken zu viele Albaner unterwegs seien. Dass nun umgekehrt sie nicht mehr für ein Auslandsjahr nach Barcelona oder Turku dürfen, weil die Europäische Union das Erasmus-Austauschprogramm für Schweizer Studenten kurzerhand ausgesetzt hat, damit hatten sie nicht gerechnet.

          Man ist doch häufiger ein Gast, als man denkt, so die bittere Erkenntnis auch des Verbands Schweizer Studierendenschaften, der „schockiert“ reagierte auf den „vorläufigen Tod für die internationale Dimension der Schweizer Hochschullandschaft“.

          Exotik gibt es schon daheim

          Dabei ist man sich über die Frage der Zusammengehörigkeit ja schon unter Schweizern alles andere als einig. So gehört es auch zu den sorgsam gehüteten Mythen des Landes, dass es über vier eigenständige Literaturen verfüge, die im ganzen Land wahrgenommen und zusammen das Bild der föderalistischen Schweiz abgeben.

          Tatsächlich orientieren sich die deutschsprachigen Autoren an ihrem Sprachraum, also an Deutschland und Österreich, wie auch die Tessiner und welschen Schriftsteller, um nicht als Lokalhelden zu enden, ihr Glück in Verlagen jenseits der Schweiz suchen.

          Das Rätoromanische führt ohnedies nur ein Schattendasein. Zwar wird ihm durch einen Autor wie Arno Camenisch ein gewisser exotischer Glanz verliehen, und auch der Direktor des Waldhaus-Hotels in Sils Maria kann es fließend sprechen. Tatsächlich aber wird es nur von einigen zehntausend Schweizern beherrscht.

          Unterwegs im deutschen Mikrokosmos

          Zum Vorglühen auf die Leipziger Messe hat die Tourismusbehörde des Landes einige Journalisten vorab durchs Land geführt. Immerhin gibt es hier 430 Verlage - im Vergleich zu 312 Banken -, die jedes Jahr mehr als zehntausend Titel verlegen und damit mehr als neunhundert Millionen Franken Umsatz machen (die Banken erwirtschaften 325 Milliarden). Auf der Reise aber gelingt es uns kaum je, den imaginären Röstigraben zu überwinden, jene gefühlte Sprachgrenze innerhalb der Schweiz.

          Wir spazieren mit dem Schriftsteller Franz Hohler unter kalter Sonne durch die Zürcher Altstadt, auf den Spuren von Goethe, Robert Walser, Büchner und Thomas Mann. Wir lauschen dem Germanisten Thomas Strässle, dem Herausgeber der Journale von Max Frisch, der erklärt, warum Schweizer Studenten unter akuter Frisch-Phobie litten und sich daher in großer Mehrheit über Dürrenmatt prüfen ließen.

          Wir erleben im Zürcher Schauspielhaus eine „Andorra“-Premiere und wohnen am Ufer der Limmat im „Storchen“, dem Hotel, in dem auch Paulo Coelho absteigt, wenn er seinen Verleger Philipp Keel besucht. Wir sprechen mit Roger Perret, Herausgeber der Anthologie „Moderne Poesie in der Schweiz“, über lyrische Grenzüberschreitungen und streiten mit Adolf Muschg bis in die Nacht am Kaminfeuer im Waldhaus über den Sonderfall Schweiz.

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