05.09.2005 · Wer könnte beschreiben, was die Menschen in New Orleans durchmachen, das Gefühl des Verlustes und was überleben werde? Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford hat lange dort gelebt. Und schreibt für alle, die nach der Sintflut unauffindbar sind.
Von Richard FordEin Freund, der Redakteur ist, rief mich an. Ob ich jemanden kenne, der über New Orleans schreiben könne, fragte er; der uns erzählen könne, wie es ist, jetzt dort zu sein; der uns nahebringen könne, was die Menschen durchmachen, das Gefühl des Verlustes und was überleben werde. Er wußte, daß ich dort gelebt und eine lange Geschichte mit der Stadt habe, aber jetzt fort bin und deshalb das Schreiben jemand anderem überlassen würde. Natürlich kenne ich jemanden, sagte ich. In Gedanken begann ich eine Liste von Namen durchzugehen. Und wie finden wir die?, fragte er. Klar, sagte ich, wir können sie nicht finden. Sie sind in der Stadt. Oder irgendwo anders, aber ich weiß nicht, wo. Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll.
Es ist nur ein kleines Schlüsselloch, durch das man auf diese große Tragödie einer Stadt blickt. Die Leute, die darüber schreiben sollten, sind nicht aufzufinden. Der Versuch, ein Vokabular zu entwickeln für die Empathie, wird im Moment schlimmster Not durchkreuzt von den einfachen Begriffen einer Tragödie, die erklärt sein will. Es gibt viele solcher Schlüssellöcher.
Eine schmerzende, sinnlose Innerlichkeit
Trotz unserer inkommensurablen Erinnerungen an den 11. September haben wir in Amerika noch kein präzises menschliches Vokabular für den Verlust einer Stadt - unserer großartigen, ikonischen Stadt, die so elegant, wohnlich und inselartig ist, die sich an sich selbst freut und so exzentrisch ist, von der Tennessee Williams glaubte, die Sorge habe sie vergessen, und die mitunter, so scheint es, vergaß, sich Sorgen zu machen.
Andere Völker haben den Verlust ihrer Städte erlebt. Manche wurden zerbombt (von uns). Andere sind in den Fluten versunken. Hier nun ist noch eine Tragödie, von der wir meinten, sie würde uns durch eine göttliche Gnade, die nicht eintrat, erspart bleiben. Aber nein. Unsere unangemessenen Versuche, Worte zu finden, führen bloß zu Listen, Kostenberechnungen und zu Schuldzuweisungen. Es ist wie Hiroshima, sagte ein Behördensprecher. Nein, es ist nicht wie etwas. Es ist, was es ist. Das ist das Schwerste. Dem Mann fehlten, wie uns allen, die Worte.
Für jene, die fern von New Orleans sind - für die meisten also -, scheitern in dieser Woche der Tränen und des Schmerzes alle Worte. Irgendwie ist die Reichweite unserer Empfindungen unzulänglich, und wir bleiben mit einer schmerzenden, sinnlosen Innerlichkeit zurück.
Wir alle möchten Hoffnung geben
„Alle Erinnerung löst sich in einem Blick auf“, hat der Dichter Richard Hugo einmal über eine andere untergegangene Stadt geschrieben. Wir sehnen uns nach Empathie - nicht nach Trauer um ein Haus, das wir besitzen oder mal besaßen und das nun weggespült ist. Wir sehnen uns nicht einmal nach dem Wunder zweier Kinder mit großen Augen, die in einen Hubschrauber hochgezogen wurden, als stiegen sie in die Wolken auf.
Wir wollen mehr als das, selbst aus dieser schmerzhaft großen Entfernung: Wir wollen unsere Gefühle direkt auf das Leben einer Frau übertragen, die bis zur Hüfte in einer glitzernden, giftigen Strömung steht, während um sie herum die Besitztümer einer ganzen Stadt treiben, die ihre Habseligkeiten in einer weißen Plastiktüte mit sich trägt, die keinen besonderen Anlaß zur Hoffnung hat und deshalb einfach nach oben schaut. Wir alle möchten ihr Hoffnung geben. Trost. Ein Stück von uns. Eine Erneuerung bewirken. Es ist schwer, einen Sinn darin zu finden, sagen wir. Aber es gibt einen Sinn. Es hilft bloß nichts, daß es einen Sinn gibt.
Sag mir, was in dir vorgeht, bat mich heute eine Frau aus Los Angeles am Telefon. (Ich habe natürlich ein Telefon.) Sag mir, woran du denkst, wenn du an New Orleans denkst. Es muß doch etwas Besonderes geben, dessen Verlust du spürst. Erinnerungen. Und ich hörte in ihrer Stimme, daß sie bereits eine feste Entscheidung getroffen hatte über diesen Verlust.
Was ist mit dem City Park? Und mit „Antoine's“?
Ja, natürlich, sagte ich, aber es sind nicht immer Erinnerungen, wie du sie erwartest. Ich habe ein Foto von meinen Eltern im City Park, am V.-J.-Tag, dem Tag der japanischen Kapitulation im August 1945, sie blicken direkt in die Kamera und in die Sonne. Sie sind gut angezogen und glücklich. Das Baby bin ich. Und so frage ich mich, wie es heute abend um den Park steht.
Ich erinnere mich daran, wie mein Vater und meine Mutter an Silvester sturzbetrunken vor „Antoine's“ stehen. Es ist das Jahr 1951, kurz vor Mitternacht. Sie konnten mich nirgendwo unterbringen, deshalb mußten sie ihren Kampf (eigentlich nur ein Streit) vor mir austragen. Mein Vater drängte meine Mutter gegen eine Mauer auf der St. Louis Street und schrie sie an. Worum es ging, weiß ich nicht. Später, als wir im Hotel „Monteleone“ im Bett lagen, ich zwischen den beiden, und der Ventilator an der Decke summte, weinten sie beide. So. Was ist jetzt mit „Antoine's“? Was ist mit den Angestellten, die vor einer Woche mit ihren weißen Schürzen auf der Straße standen und rauchten? Und was ist mit der St. Louis Street?
Eine kleine silberne Pistole
Ich erinnere mich an einen heißen und windstillen Sommer. Es sind viele Sommer in einem. Meine Mutter nahm mich mit auf die Fähre nach Algiers, ein offenes Boot mit Autos auf dem Deck. Draußen, auf dem großen, dahingleitenden Strom, gab es die einzige Andeutung eines Lüftchens, die man finden konnte. Vom Ende der Canal Street rüber und wieder zurück. Wir fuhren hin und zurück. Sie kaufte mir Pralinen. Ich hielt die ganze Zeit ihre Hand, bis endlich die Sonne unterging und die heiße Nacht kam. Und was ist jetzt mit dem Fluß? Und er Fähre nach Algiers? Und mit Algiers? Alle Erinnerung löst sich in einem Blick auf.
Und noch eine Erinnerung, eine jüngere. Meine Frau und ich gehen von Freunden nach Hause, die baumbestandene Coliseum Street entlang. Es ist elf Uhr an einem warmen Januarabend im Jahr 2003. Wir sind nur noch ein paar Schritte von unserer Haustür entfernt, mitten im Lichtkegel einer Straßenlaterne, als ein Auto anhält und ein Junge herausspringt und sagt, er werde uns umbringen, wenn wir ihm nicht sofort alles geben, was wir dabeihaben. Er hat eine kleine silberne Pistole, um uns zu überzeugen. Sagen wir, er ist sechzehn. Und er meint es ernst. Aber er lacht, als wir ihm erklären, wir hätten keinen Penny. Und das stimmt. Ich drehe meine Taschen um wie ein Obdachloser. „Ihr seid mir welche“, sagt er beinahe glücklich, und seine Pistole wirkt wie ein nachträglicher Einfall. „Ihr solltet nicht hier draußen sein.“ Er schüttelt den Kopf, schaut auf das Pflaster. Dann fährt er weg. Ich hoffe, daß dieser Junge, er muß jetzt neunzehn sein, irgendwo in Sicherheit ist.
Der Ort, wo der feste Boden nachgibt
New Orleans ist eine Stadt wie gemacht für Projektionen, für die Dinge, die man nicht tun, sehen, denken, konsumieren, fühlen oder vergessen kann in Jackson oder Little Rock oder daheim in Topeka. „Wir sind am Ende der Welt“, schrieb Miß Welty. Sie meinte Plaquemines, auf der anderen Seite des Flusses. New Orleans ist der Ort, wo der feste Boden nachgibt und man unsicher auftritt. Eine bestimmte Art von Menschen mag solche Orte. Eine bestimmte Art von Menschen will dorthin und nie wieder fortgehen.
Und da sind - oder waren - die Straßenbahnen. Und da sind die Eichen und die wunderbaren französischen Boulevards und die vornehmen Häuser der Reichen. Buddy Bolden wurde hier geboren, und Satchmo wuchs in Storyville auf. Huey Long, genannt „The Kingfish“, wohnte im Hotel „Roosevelt“. Wenn man einen Kellner kannte, konnte man überall einen Tisch bekommen. Man konnte an Fasnacht, dem „Fat Tuesday“, weder heiraten noch geschieden werden oder ein Haus verkaufen. Und wenn sie auch die Juden und die Schwarzen nicht in den „Boston Club“ ließen, mischten sich die Rassen doch, und die Leute tanzten häufig auf den Straßen. Hier herrschte der Code Napoléon.
Was dasein wird, wenn die Flut zurückweicht
Aber nun ist es gut mit den Erinnerungen. Sie bezaubern einen, aber sie verwirren auch und halten uns fest. Es ist schwer genug, die Dinge in sich aufzunehmen. Wenn ich heute morgen an meine Freunde denke, sehe ich sie trocken und sicher vor mir, dort, wo sie hingehören, ganz sie selbst in ihrem normalen Leben, das sie führten. Ich schalte den Fernseher ab, wie ich es vor vier Jahren im September tat, um mich einfach nur meinen Sorgen und den Gedanken an ihre Zukunft zu überlassen. Erinnerung löst sich in einem Blick auf.
Angesichts der Ruinen ist es nicht leicht zu sagen, was man am besten denken soll. Selbst dem Präsidenten mag es so ergangen sein, als er im Tiefflug über das weite Tuch aus onyxfarbenem Wasser glitt, über die sich hin und her bewegenden Hausdächer, die durch die Oberfläche lugten, über die gewaltige Verwüstung, die windzerzausten Häuser, über diese kleine Gestalt (konnte er sehen, wer sie war?), die zum Himmel blickte. Es wird etwas da sein, wenn die Flut zurückweicht. Das wissen wir. Es werden die Menschen sein, die jetzt im Wasser und auf den Hausdächern stehen - viele von ihnen schwarz und arm. Obdachlos. Unbeachtet. Und es wird New Orleans sein - obwohl seine Erinnerung verkürzt sein mag und der Blick auf sich selbst und seine Exzentrik ernüchtert, so daß, was übrigbleibt, eher eine Stadt wie andere Städte auch ist, weniger inselartig, mit weniger Selbstachtung, die aber womöglich besser über sich Bescheid weiß. Eine Stadt auf festerem Grund.
Ich schreibe heute anstelle anderer, jener, die nicht aufzufinden sind. Und da ist jetzt ein offenes, schonungsloses Ende, eines, das wir immer gefürchtet, nie gewünscht und das wir nicht verdient haben. Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir alle würden am liebsten die Zeit zurückdrehen, wenn wir könnten, die alten Probleme haben, die alten Überspanntheiten. Doch heute ist ein Anfang. Es gibt keine bessere Art und Weise, jetzt darüber nachzudenken. All die anderen werden sicher bald schreiben.