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Nach dem Skandal Potsdam lacht mit Andreas Maier

29.11.2004 ·  Nachdem er sein Literaturstipendium zurückgegeben hatte, kam Andreas Maier doch noch einmal nach Potsdam - zu einer lange verabredeten Lesung. Man hatte mit dem Schlimmsten rechnen müssen.

Von Mark Siemons
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Es war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wochenlang schien in Potsdam der bekanntlich allzeit brodelnde, nun aber wieder einmal akut aufbrechende ost-westliche Kulturverdächtigungskampf nur einen einzigen Namen zu kennen: Andreas Maier, der hessische Schriftsteller, der erster Stadtschreiber Potsdams werden sollte und nicht im Plattenbau wohnen wollte - sondern lieber im Schloß.

"Diskriminierung von Zehntausenden", hieß es in der Lokalpresse, "Bild" erklärte ihn zum Verlierer des Tages, entrüstete Leserbriefe wurden verfaßt. Die vertrauten Vorstellungen darüber, wie die gegenseitige Wahrnehmung funktioniert, schienen sich hier so wunderbar zu bestätigen, daß kaum ein Kulturteil auf die Begleitung der Geschichte verzichten mochte.

Showdown

Vergangene Woche gab Maier sein Stipendium zurück, am Freitag veröffentlichte er in der Frankfurter Allgemeinen eine Chronologie der Ereignisse. Am Abend desselben Tages nun kam er zum ersten Mal persönlich nach Potsdam, um sich den Bürgern zu stellen; der Termin bei der "Fünften Brandenburgischen Literaturnacht" war schon lange vor den Querelen verabredet worden. Wie würde dieser Showdown enden?

Gesprächsfetzen von "diesem arroganten Wessi-Typen" waberten vor der Lesung durch die schön restaurierte, allerdings keineswegs voll besetzte Reithalle A an der Schiffbauergasse, wo das Hans-Otto-Theater zur Zeit residiert. "Ich verstehe ihn total", sagte der umsichtige Moderator zur Einführung und gab statt der Ost-West-Unterscheidung eine andere Distinktionslinie vor: die zwischen Künstler und Bürokratie. "Ich kann der Stadtverwaltung nur sagen: Geht auf uns als Menschen zu, dann können wir Künstler auch produktiv sein."

Souverän genug

Der Gast saß neben einem apokalyptisch kahlen Kunstbaum, und auch der bläulichgraue Vorhang hinter ihm signalisierte Ausgesetztheit. Maier sagte, das Fremde eher hervorkehrend als verschweigend: "Grüß Gott und guten Abend" - und las als erstes das Ergebnis "eines gelungenen Stipendiums" vor, einen Bericht aus Gorleben, wo sich zwischen Castor-Behältern und Salzstock Medienwirklichkeit und Realität gleichfalls heillos verwirrten. Dann zog er einen Werbeprospekt Potsdams hervor, das sich als europäische Kulturhauptstadt 2010 bewirbt. Doch siehe da: Die genüßlich-ironische Rezitation dieser "Stadt der Visionen" schien im Publikum auf keinen Widerstand zu treffen, sondern im Gegenteil auf einvernehmliche Belustigung.

Als Maier dann eine erweiterte Fassung seines Potsdam-Protokolls vortrug, unterbrach ihn immer wieder lautes Gelächter, manchmal sogar Beifall. Die Potsdamer hatten ihren Spaß an der tragikomischen Geschichte der Telefongespräche mit Kulturkoordinatorin Rosemarie Spatz, deren Informationspolitik erst zu dem Gerücht geführt hatte, der Hesse wolle nicht in die Platte ziehen. Eine Diskussion gab es nicht, der Moderator richtete schöne Grüße von Kulturamtsleiter Meck aus, und eine kleine Abordnung der Jury, die Maier schon zuvor verteidigt hatte, erschien mit einem Blumenstrauß. Was lernt man daraus? Nicht jeder sogenannte Ost-West-Konflikt ist, was er zu sein scheint. Manchmal geht er bloß auf das Konto von Neunmalklugen, die sich der Klischees für ihre Zwecke bedienen. Und die Potsdamer sind souverän genug, darüber herzlich lachen zu können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2004, Nr. 279 / Seite 40
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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