Home
http://www.faz.net/-gr0-45kk
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mord und Totschlag dämpfen die Konjunktur

05.01.2003 ·  Und Reichtum fördert die Kriminalität: Denn mit dem Wohlstand steigt der Wert der Beute

Artikel Lesermeinungen (0)

Mord und Totschlag, Erpressung und Diebstahl - warum sollte sich ein Ökonom damit auseinandersetzen? Nach den Steuererhöhungen zum Jahresbeginn liegt eine zynische Antwort nahe: Weil jedenfalls Erpressung und Diebstahl zu gängigen Kategorien deutscher Wirtschaftspolitik zu geraten scheinen. Es gibt aber auch seriöse wissenschaftliche Argumente dafür, Kriminalität als Forschungsgegenstand nicht den Juristen, Soziologen und Psychologen zu überlassen. Die Kriminometrie - also die empirische Kriminalitätsforschung - ist in der Ökonomik auf dem Vormarsch. Kriminalität, so sagen ihre Vertreter, hat unmittelbare ökonomische Ursachen - und verursacht hohe volkswirtschaftliche Schäden.

Die Darmstädter Ökonometriker Horst Entorf und Hannes Spengler haben nicht weniger als 36 Indikatoren zusammengetragen, deren Einfluß auf die Kriminalitätsrate schon einmal empirisch belegt wurde. Recht eindeutig sind etwa demographische Einflüsse. So begehen junge Männer zwischen 14 und 25 Jahren einen besonders hohen Anteil aller Straftaten. Ebenfalls gut belegt ist, daß Armut, eine hohe Arbeitslosenquote und eine ungleiche Einkommensverteilung die Kriminalität fördern. Ein Beispiel: Die in Amerika seit Beginn der achtziger Jahre steigende Jugendkriminalität geht vor allem auf zunehmende Differenzen in der Einkommensstruktur und die wachsende Arbeitslosigkeit junger Arbeiter zurück.

Je ungleicher die Einkommensverteilung, desto höher ist die Kriminalitätsrate. Das heißt umgekehrt, daß auch Reichtum - im Sinne von hohem Pro-Kopf-Einkommen - die Zahl der Straftaten, besonders der Eigentumsdelikte, fördert. Denn mit dem Wohlstand steigt auch der Wert der potentiellen Beute, was Diebstahl lohnender werden läßt.

Mindestens ebenso wichtig ist offenbar ein eher nichtökonomischer Faktor: die mangelnde Stabilität familiärer Bindungen. Mit steigender Scheidungsquote und wachsendem Anteil alleinerziehender Eltern nimmt die Kriminalitätsrate signifikant zu. Ein anderer Beleg: Je später Männer im Durchschnitt heiraten, desto häufiger sind Mord und Totschlag. Und schließlich: Ein Anstieg der Frauenerwerbsquote um ein Prozent erhöht, statistisch gesehen, die Zahl der Raubdelikte um 1,3 Prozent. Entorf und Spengler weisen freilich den Verdacht von sich, sie wollten die Frauen mit solchen Zahlen wieder zurück zu Kind und Küche schreiben. Sie empfehlen aber eine intensivere außerschulische Kinderbetreuung.

Die möglichen ökonomischen Folgen von Kriminalität demonstrieren sie anhand einer amerikanischen Studie über Los Angeles. Demnach hat dort ein Anstieg der Gewaltkriminalität um ein Prozent den Verlust von 14 Arbeitsplätzen je Quadratmeile zur Folge. Einer anderen Untersuchung zufolge zieht mit jeder zusätzlichen Straftat in den Zentren der Großstädte ein Bewohner dieser Zentren weg.

Daten für verschiedene EU-Staaten belegen ebenfalls einen negativen Einfluß der Kriminalität auf die Beschäftigung - und auch auf das Wirtschaftswachstum. Denn Unternehmen halten sich in Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate mit Investitionen zurück oder siedeln sich dort erst gar nicht an.

Die absoluten Kosten der Kriminalität können die Ökonomen indes nur schwer beziffern. Da sind auf der einen Seite Größen wie die unmittelbaren Eigentumsverluste der Opfer oder die Kosten ihrer medizinischen Behandlung, aber auch das, was Vater Staat für Kriminalitätsbekämpfung und -prävention ausgibt. Wie aber soll man die volkswirtschaftlichen Verluste messen, die etwa dadurch entstehen, daß Kriminalitätsopfer nicht mehr arbeitsfähig sind oder unheilbare psychische Schäden davontragen? Die meisten Ökonomen schätzen die Kosten der Kriminalität auf 4 bis 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Eine amerikanische Studie kommt indes auf 13 Prozent des BIP.

Ob Folgen oder Ursachen der Kriminalität - nicht immer lassen die empirischen Ergebnisse eindeutige Schlüsse auf Ursache-Wirkung-Beziehungen zu. Mit einiger Skepsis berichten Entorf und Spengler etwa über eine Studie aus Amerika. Die Autoren glauben Hinweise darauf gefunden zu haben, daß gutes Wetter Kriminalität begünstigt: Je länger in einem Land die Sonne scheine, je höher die Temperaturen seien, desto höher sei auch die Zahl der Straftaten.

Horst Entorf/Hannes Spengler: Crime in Europe: Causes and Consequences, Springer-Verlag, Heidelberg 2002.

Quelle: 05.01.2003, Nr. 1 / Seite 22
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen