http://www.faz.net/-gqz-8m5t2

Anne Pingeot : Frankreich schwelgt in Mitterands Briefen an seine Geliebte

Anne Pingeot (l.) mit ihrer und Mitterands Tochter Mazarine beim Staatsbegräbnis ihres Geliebten Bild: Picture-Alliance

Dreiunddreißig Jahre lang lebte François Mitterrand ein Doppelleben. Jetzt wurden seine Liebesbriefe an Anne Pingeot veröffentlicht – und die Franzosen sind entzückt von seinem romantischen Herzen.

          Anne Pingeot, Tochter aus großbürgerlicher Familie, war noch keine zwanzig, als sie und der damals 47 Jahre alte François Mitterrand sich ineinander verliebten. Der sozialistische Politiker war mit der ehemaligen Widerstandskämpferin Danielle verheiratet, hatte zwei Söhne und in der Vierten Republik bereits als Justizminister gedient. 1965 trat er gegen de Gaulle an. Zum Staatspräsidenten gewählt wurde er 1981. Bei den Feiern stand Danielle Mitterrand an seiner Seite. Noch in der Nacht begab sich der neu gewählte Präsident in die Wohnung von Anne, und so hielt er es während der gesamten Dauer seiner zweimal sieben Jahre im Amt. Anne Pingeot wusste als einzige von Mitterrands Krebserkrankung.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Die Rolle der First Lady blieb der linken Danielle mit proletarischer Herkunft vorbehalten. Kurz vor dem Abschied von der Macht präsentierte Mitterrand, dessen Vergangenheit in Vichy - samt Orden von Pétain - enthüllt worden war, der Öffentlichkeit seine außereheliche Tochter Mazarine. Mitterrands Familie hatte nichts von ihrer Existenz gewusst, sie war in der Vereinbarung zwischen den Ehegatten mit getrennten Wohnungen nicht vorgesehen. Bei Danielle verbrachte Mitterrand die Sonntagabende - und brachte politische Freunde zum Essen mit. Von Anne Pingeot nahm Frankreich erst nach Mitterrands Tod 1996 Kenntnis, als zwei Witwen an seinem Sarg trauerten. Das Bild hat sich ebenso im kollektiven Bewusstsein eingeprägt wie Helmut Kohls Tränen in der Kathedrale Notre-Dame.

          Familienbild am Sarg: Links vom alle überragenden Jean-Christophe Mitterand steht seine Mutter Danielle, rechts die uneheliche Tochter Mazarine mit ihrer Mutter Anne Pingeot.

          Zwanzig Jahre danach veröffentlicht Gallimard nun auf mehr als tausend Seiten Mitterrands „Briefe an Anne“ und ein Tagebuch, das er von 1964 bis 1970 für sie führte. Es enthält Collagen und Gedichte. Der Verlag hielt die Publikation so geheim wie Mitterrand sein Doppelleben. Der Präsident versteckte seine Zweitfamilie in Dienstwohnungen der Republik. Die Telefone von informierten Journalisten wurden abgehört. Der Schriftsteller Jean-Edern Hallier wollte die Geschichte veröffentlichen - der Druckerei wurde die Schließung angedroht. Mitterrand selbst hatte schon im Fernsehduell mit Giscard d’Estaing für die Präsidentenwahl 1974 eine Anspielung gemacht, die nur der Gegner verstehen konnte. Der Sieger Giscard ließ die Gare d’Orsay zum Museum umbauen; bei dessen Einweihung war bereits Mitterrand Präsident - er verdreifachte die Subventionen - und Anne Pingeot, Konservatorin und Spezialistin für die Skulptur des neunzehnten Jahrhunderts, führte die beiden durch die neu eröffneten Säle. Als es um den neuen Louvre ging, ließ Mitterrand sich von ihr beraten. Mitten in der Nacht brachte man Rodins „Denker“ in die Glaspyramide - und verwarf die Idee.

          Frankreich schwelgt in der Nostalgie seines verliebten Präsidenten. Seine Briefe werden von Kritikern mit jenen Chateaubriands, einem der größten Stilisten französischer Sprache, verglichen. Anne Pingeot hält sich derweil im Ausland auf. Ihre Briefe an den Geliebten sind nicht nachzulesen, dem Vernehmen nach wurden sie von Danielle Mitterrand verbrannt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.