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Mit Saul Bellow durch Chicago : Am Ufer des Michigansees friert niemand fest

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Chicago macht einen zum Philisophen, sagt Saul Bellow. Ihn hat die Stadt immerhin zum Schriftsteller gemacht. Bild: AP

Was bleibt, wenn alles sich wandelt? Wer mit den Romanen Saul Bellows im Kopf durch Chicago zieht, findet nicht die Stadt Al Capones und europäischer Einwanderer. Sondern Raum für immer Neues.

          Saul Bellow wollte nie ein Chicagoer Schriftsteller sein. Genauso wenig wie er ein jüdischer Schriftsteller sein wollte. Das wäre, sagte er einmal, als bezeichnete man sich als „ein Samoaner Astronom, ein Eskimo-Cellist oder ein Zulu-Gainsborough“. Vollkommen lächerlich. „Ich bin Jude, und ich habe ein paar Bücher geschrieben“, heißt es in einem seiner Text aus den siebziger Jahren, und genauso gut könnte es heißen: „Ich bin Chicagoer und habe ein paar Bücher geschrieben.“ Mit der Heimat, so meinte Saul Bellow, verhalte es sich ähnlich wie mit den Eltern. Man wählt sie nicht aus, aber man muss mit ihnen zurechtkommen. Sie prägen einen, und manchmal prägt man sie zurück. Bellow zumindest war sehr von Chicago geprägt, von seiner Härte, seiner Flüchtigkeit, seiner Leere, den windigen Geschäften in der windigen Stadt. Und Chicago wurde von ihm geprägt.

          Leser weltweit malen sich Chicago so aus, wie Bellow es 1953 in seinem Schelmenroman „Die Abenteuer des Augie March“ porträtiert oder gut zwanzig Jahre später in „Humboldts Vermächtnis“. Auch wenn der Schriftsteller selbst sich nicht in eine Schublade mit der Aufschrift „Chicagoer Schriftsteller“ stecken lassen mochte, sah er sich doch als Chronist seiner Stadt, der Metropole am Michigansee – und damit auch als Chronist eines bestimmten Amerikas. Das Chicago, das Amerika von Saul Bellow ist eine alte Welt. Zu ihr gehören die Große Depression, Prohibition, Billardhallen, „Mobster“. In Saul Bellows Chicago herrschen John Dillinger, Al Capone und der zwielichtigen Politiker „Big Bill“. In Bellows Jugend ratterten Pferdekarren und Milchwagen über ungepflasterte Straßen, die Luft roch nach Kohle und getrocknetem Blut; es war das Chicago der Einwanderer, die sich Geschichten aus dem alten Europa erzählten und mit Sprachen – Russisch, Polnisch, Schwedisch, Deutsch, Französisch, Jiddisch, Englisch – jonglierten. Es klang nach Louis Armstrong, George Gershwin und Duke Ellington.

          Nur ein Chicagoer, der ein paar Bücher geschrieben hat: Saul Bellow.

          Saul Bellow ist seit zehn Jahren tot, er wäre inzwischen hundert Jahre alt. Vor 91 Jahren kam er als keiner Junge nach Chicago. Aber was ist von der Welt, die er in seinen Büchern so lebendig beschreibt, noch zu finden? Mit Zachary Leaders neuer Saul-Bellow-Biographie unterm Arm („The Life of Saul Bellow. To Fame and Fortune 1915–1964“) und „Augie March“, „Humboldts Vermächtnis“ und „Herzog“ im Kopf fahre ich von der Gold Coast, dem schicken Viertel nördlich der Magnificent Mile, Chicagos Prachtstraße, gen Westen.

          Die unvernünftige Leere der Stadt

          Der Portier des Hotels ruft mir noch einen dieser typisch Chicagoer Warnsprüche hinterher: „Östlich des Parks ist alles in Ordnung, westlich meiden!“ Mein Weg ist die winterliche Version einer Wanderung, die Saul Bellow oft beschrieben hat, allerdings in umgekehrte Richtung: Wenn sich im Sommer die Hitze über die Stadt legte und die Bewohner des Humboldt-Park-Viertels sich nach frischer Luft sehnten, packten sie ihre Picknickkörbe und fuhren zum Lake Michigan. Erst mit dem Bus zur Clark Street, dann fünf Blocks zu Fuß durch die Gold Coast, wo die Menschen „sagenhafte Steaks“ in „schicken Restaurants“ aßen. Die Upperclass sah den „Slum-Horden“ feindlich entgegen, Polizisten drängten die Massen, schneller zu gehen.

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