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Buch von Arundhati Roy : Indien! Indien!

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy Bild: F. Mantovan/Opale/Leemage/laif

Das Staunen über die Beharrlichkeit des Aufbegehrens: Endlich, zwanzig Jahre nach dem „Gott der kleinen Dinge“, erscheint ein neuer Roman von Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“.

          Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat einen neuen Roman geschrieben. Zwanzig Jahre lang hat sie sich dafür Zeit gelassen und in all den Jahren nicht über dieses Buch gesprochen, an dem sie schrieb und dessen Figuren zu ihrem Leben gehörten. Sie sprach öffentlich über ihre Essays, das schon, und wurde zu Indiens wichtigster politischer Stimme, seitdem sie 1997 mit „Der Gott der kleinen Dinge“ weltberühmt geworden war, jenem ersten Roman, der die Geschichte einer Familie erzählte, die an einer verbotenen Liebe zerbrach. Arundhati Roy war damit so erfolgreich, dass sie alles hätte machen können. Vor allem hätte sie wie Salman Rushdie ins Ausland gehen und in London oder New York das komfortable Leben einer Starautorin führen können.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber sie blieb in Indien und kämpfte als Globalisierungsgegnerin und Aktivistin gegen die Eindämmung des Flusses Narmada im Norden des Landes. Sie schilderte die von staatlichen Stellen tolerierten Pogrome nationalistischer Hindus gegen Muslime. Sie fuhr nach Kaschmir, um über das Morden zu berichten. Sie besuchte die Dörfer der maoistischen Guerrilleros. „Aus der Werkstatt der Demokratie“ heißen ihre Essays über politische und religiöse Ausgrenzung, die zuletzt auf Deutsch erschienen sind. Und weil diese Essays auch wegen ihrer poetischen Sprache gefeiert wurden, könnte sich jetzt, da Arundhati Roy als Romanautorin zurückkehrt, eigentlich zeigen, was wirkungsvoller ist: poetische Essays oder politische Romane? Was trifft die Menschen mehr? Was stiftet uns dazu an, die Welt neu zu überdenken?

          Als politische Aktivistin legtt sie sich mit allen an: Arundhati Roy im Dezember 2007

          „Das Ministerium des äußersten Glücks“, wie der Titel ihres neuen Romans heißt, ist eine Dichtung voll mit Politik. Man möchte „übervoll“ sagen, wenn es nicht schon abfällig, fast wie eine Beschwerde klänge. Denn beschweren will man sich überhaupt nicht. Man findet beim Lesen auch gar keine Zeit dazu in diesem knapp sechshundert Seiten umfassenden Roman, der einen mit den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten der indischen Gesellschaft konfrontiert, eine nach der anderen, und sich gegen diese auflehnt. Und zwar tatsächlich nicht essayistisch: An keiner Stelle hat „Das Ministerium des äußersten Glücks“ etwas von einer Abhandlung, nichts hört sich wie ein politischer Exkurs an oder wie ein Referat. Alles Politische wird mit den Geschichten der Figuren verwoben, mit poetischen Details und mit Stimmungen.

          Um sich das vorstellen zu können, hilft es, diesen Ton zu hören, mit dem sie einen in ihre Geschichte hineinzieht wie in ein unübersichtliches Labyrinth. Der Ton ist der Grund, warum man nicht wieder hinauswill: „Es herrschte Frieden. So hieß es zumindest. Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben. Als der Wind abflaute, brannte sich die hochstehende Sonne durch den Dunst, es wurde heiß, und die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem leuchtenden trotzigen Gelb. In jenem höllischen Sommer streckte er sich nach oben und flüsterte dem heißen braunen Himmel Fuck you zu.“

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