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Michel Houellebecq wird 60 : Unlust am Leben, Angst vor dem Tod

Bis zur Schriftart um jedes Detail gekümmert: Michel Houellebecqs Werke gibt es zum 60. Geburtstag als Gesamtausgabe. Bild: Philippe Matsas

Michel Houellebecq, der an diesem Freitag sechzig Jahre alt wird, ist reif für eine Gesamtausgabe. In jedes Detail dieser unkritischen Edition mischt sich der Schriftsteller ein – auf seine ureigene Art.

          „Meine Leser haben oft kleine Wohnungen“, glaubt Michel Houellebecq zu wissen. Mit diesem – trügerischen – Befund begründet er im ersten Satz seines Vorworts die Notwendigkeit einer Gesamtausgabe seines bisherigen und alles andere als abgeschlossenen Werks, deren erster Band gerade erschienen ist. Das etwas merkwürdige, aber durchaus informative Begründungsschreiben geriet ihm zum Stück über seine eigenen Gewohnheiten.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Man kennt die Schriftsteller, die er mag – und jene, die er verabscheut. Houellebecq ist ein leidenschaftlicher Leser, am liebsten im Bett, eine Schachtel Zigaretten darf nicht fehlen. Leidenschaftliche Leser sind auch viele seiner Romanfiguren, bei denen es sich oftmals um Außenseiter handelt, die allein und in kleinen Wohnungen leben. Diese Realität auf seine Leser auszuweiten ist etwas kühn – Houellebecqs Publikum ist zweifellos die gebildete und bürgerliche, auch städtische Mittelschicht, die sich in der Wirklichkeit noch nicht so stark aufgelöst hat wie in seinen Romanen.

          E-Books? Eine absurde Erfindung!

          „Ob sich alle wohl besser auf dem Lande niederlassen sollten, ist ein anderes Thema“, das in diesem Vorwort diskutiert wird. Doch wie auch immer: „Es ist wichtig, in der Bibliothek Platz zu schaffen, und dies einer der wichtigsten Grunde für dieses Buch.“ Es gibt auch einen ökonomischen: Für die dreißig Euro, die es kostet, bekommt man Houellebecqs gesammelte Schriften der frühen Jahre weder antiquarisch noch im Taschenbuch. Dessen „großer Nachteil“ wiederum es sei, dass es nicht in die Rock- oder Hosentasche passt. Houellebecq plädiert für eine Verkleinerung des Formats „um dreißig Prozent und einen festen Einband“, Verleger sollten diese Vorschläge in ihre Überlebensstrategien einbeziehen.

          E-Books kann er nicht ausstehen: eine „absurde Erfindung“, die bald schon auf dem „Friedhof der technologischen Fehlentwicklungen landen“ werde. Auch mit den Dünndruck-Klassikern der „Bibliothèque de la Pléïade“, deren Leichtigkeit er als „sehr teuer bezahlt“ bezeichnet, kann er sich nicht anfreunden: Es sei schier unmöglich, auf den Seiten persönliche Notizen anzubringen. „Die Originalausgabe bleibt unentbehrlich“, fährt er fort und lobt deren materielle Qualität in England, Holland, Deutschland. Den französischen Verlagen bescheinigt er bezüglich der Herstellung mit jedem Recht eine „beschämende Mittelmäßigkeit“.

          Gewisse Sätze bringen ihn auf die Palme

          Auch dagegen kämpft Houellebecq mit seiner bei Flammarion erscheinenden Gesamtausgabe an, um jedes Detail hat er sich gekümmert. Bei der Schrift hat er die Bodoni „der Romantiker“ der Garamond „der Humanisten“ vorgezogen. Papier, Farbe, Titel und die „Rigidität des Umschlags“ wurden bewusst gewählt, damit der Leser „das bestmögliche Objekt“ bekomme, dem der Verfasser indes inhaltlich keinerlei zusätzlichen Aufwand widmete. Ein paar Druckfehler seien korrigiert, die Texte sonst gemäß der Erstfassung übernommen worden – auch wenn Houellebecq nicht verhehlt, dass ihn gewisse seiner frühen Sätze „auf die Palme bringen“. Die unkritische Gesamtausgabe in chronologischer Reihenfolge enthält auf tausend Seiten die Essays, Gedichte und Prosa der Jahre 1991 bis 2000.

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