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Michel Houellebecq : Das letzte Tabu

  • -Aktualisiert am

Angst vorm Altern: Houellebecq Bild: picture-alliance / dpa

Michel Houellebecq hat seine Kunst verfeinert und seine Visionen verdüstert. Sein neuer Roman erzählt von Sex, Autos und Klonen - vor allem aber vom Unglück des Älterwerdens.

          Sein Ruf ist wirklich legendär. Das hat jetzt auch Oliver Stone erfahren müssen. Nachdem der amerikanische Regisseur sich im Frühsommer dieses Jahres mit dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq im Restaurant „White Lotus“ in Hollywood zum Essen und zum Trinken getroffen hatte, wurde er, kaum hatte er sein Auto bestiegen, von der Polizei auf dem Sunset Boulevard gestoppt und wegen Einnahme und Besitz illegaler Substanzen verhaftet.

          Für 15.000 Dollar kam er wieder frei. Irgend jemand mußte der Polizei einen Tip gegeben haben. Oder sie haben einfach gute Kontakte zur Literaturkritikerszene. Oder kalifornische Polizisten wissen einfach, was man heutzutage lesen muß. Und wieviel Wahrheit in Michel Houellebecqs Bewußtseinserweiterungsbüchern steckt. Da mußten sie Oliver Stone einfach stoppen.

          Kein Chauffeur für Houellebecq

          Houellebecq selbst ist in Kalifornien nicht Auto gefahren. Er ließ sich chauffieren von Journalisten und Pressebetreuern, die ihm stolz die phantastische Landschaft Kaliforniens zeigen wollten und dann doch ein wenig enttäuscht registrierten, daß er die ganze Zeit im Auto nur geschlafen hat. Zu Hause in Europa fährt er, wie er sagt, gern selbst. Und er fährt gern schnell. Er hat sich, als er begann, an seinem neuen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ zu arbeiten, der in dieser Woche weltweit erscheint, einen Mercedes 500 SLK gekauft und raste damit über Land. Inzwischen hat er ihn gegen ein nicht ganz so schnelles Peugeot-Coupe eingetauscht, in dem er, Bach hörend, zum Beispiel von Südspanien bis nach Irland fährt. Doch seine Verlage, die mit ihm reich geworden sind, sind trotzdem beunruhigt und wollen ihm, zumindest auf seinen Lesereisen, immer einen Chauffeur zur Verfügung stellen. Michel Houellebecq lehnt das ab.

          Der Held in seinem neuen Buch, Daniel1, fährt auch Mercedes, einen 600 SL, und er beklagt sich, daß Mercedes, einer alten Tradition folgend, alle Modelle auf eine Höchstgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern begrenzt, und wenn man diesen Daniel1 im Buch, auf seinen rasenden Liebesfahrten durch Spanien hinauf nach Frankreich, lesend begleitet, ist man Mercedes ehrlich dankbar für diese weise Regelung.

          Eine Welt ohne Autos

          Auch sonst wird viel geredet über Autos in Houellebecqs neuem Roman. Der Prophet einer Menschenklonungssekte auf Lanzarote, dem Daniel1 begegnet, rückt zum Beispiel entrüstet Presseberichte zurecht, wonach er einen großen Rennstall in Kalifornien besitze, obwohl er in Wahrheit doch nur einen Ferrari Modena Stradale und einen Porsche GT2 zu Hause habe. Und Daniel1 erläutert die Gründe, warum er von Bentley auf Mercedes umgestiegen sei, und schreibt später erleichtert in seinen Lebensbericht: „Ehrlich, worüber sollten sich Männer bloß unterhalten, wenn es keine Autos gäbe?“

          Vielleicht über Sex?

          Oder das ewige Leben?

          Das Unglück des Alterns?

          Nietzsche?

          Oder die Liebe?

          Das sind die Themen von Michel Houellebecqs neuem Roman. Es sind seine alten. Er hat seine Kunst verfeinert und seine Visionen verdüstert. Aber der Houellebecq der „Möglichkeit einer Insel“ ist derselbe, der er in seinem Welterfolgsroman „Elementarteilchen“ war und von dem er in seinem letzten Buch „Plattform“ ein wenig abgewichen war. Er hat zurückgefunden: Wir sind am Ende der Welt, wohl zweitausend Jahre weit in der Zukunft. Es gibt fast keine Menschen mehr. Einige Horden von verwahrlosten Wilden bevölkern noch die Trümmer von New York und von Madrid. Aber das sind nur letzte Spuren, die kaum noch etwas Menschliches haben. Unsere Nachfolger haben die Herrschaft übernommen, die „Neo-Menschen“, Klone der Menschen von einst. Klone, die ewig leben, denen jedoch alle menschlichen Regungen wie Lachen, Weinen, Güte, Mitleid und die Liebe nur leere Begriffe sind. Sie vegetieren dahin, in ihrer Ewigkeit.

          Die Möglichkeit des Glücks

          Da hat Houellebecq viel von seinem strahlenden Weltuntergangsoptimismus der „Elementarteilchen“ verloren, wo der neue Mensch, nach dem Untergang der Menschheit, am ganzen Körper mit lustempfindenden Krause-Endkolben übersät sein sollte, um so das vollkommene körperliche Glück zu erfahren. Nein, in seinem neuen Buch sind die neuen Menschen leer und ohne Krause-Endkolben, und nur wenige, wir erfahren nur von zweien, haben eine romantische Ahnung von ihren Vorgängern mitbekommen, die sie veranlaßt, sich aufzumachen und zu suchen. Denn sie glauben an „die Möglichkeit einer Insel“, an die Möglichkeit des Glücks.

          Das Wissen über die vergangene Welt haben sie aus den Berichten ihrer Vorgänger erhalten. Denn jeder alte Mensch, der beschloß, sich nach dem Tode klonen zu lassen, und seine DNA ablieferte, mußte einen Bericht schreiben. Über sein Leben, sein Leiden, seine letzten Tage als Mensch. Wir haben den Bericht von Daniel1, der immer wieder unterbrochen wird von den Kommentaren seiner Nachfolger, Daniel24 und Daniel25.

          Daniel1 ist eine echte, große, unfaßbare Houellebecq-Figur. Zynisch, lustig, sexbesessen, leidend, reich, schmächtig, böse und so traurig und unbedingt romantisch wie niemand sonst. Selbstironisch unbesorgt, gibt Houellebecq seinem Helden jede Menge seiner eigenen Eigenschaften und Äußerlichkeiten mit, er wohnt, wie sein Erfinder, in einem großen Haus bei Almeria in Spanien, trinkt viel, liebt seinen kleinen Hund, einen Corgi, wie sich selbst, fährt Mercedes, hat die weltweit größte Aufmerksamkeit und das meiste Geld für Islam-Beschimpfungen erhalten, und daß Houellebecq wie Daniel1 die Frauen und ihre Körper schätzt, das hat man auch schon irgendwo gehört oder gelesen.

          Gruppensex mit Palästinenserinnen

          Daniel1 ist Komiker, nicht Schriftsteller. Er entdeckte sein Talent in einem All-inclusive-Ferienclub in der Türkei, als er beim Mitmachabend unter dem Motto „Sie haben Talent“ einen Sketch über eine blutige Revolte in jenem Club vorführt, die dadurch ausgelöst wurde, daß eine achtzigjährige Engländerin einem fetten Deutschen die letzten Frühstückswürstchen am Buffet vor der Nase weggegessen hat. Ein Riesenerfolg. Aber nichts gegen sein späteres Islamverspottungsprogramm „Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen“, das ihn kurzzeitig von den Tageszeitungsseiten „Kunst und Kultur“ in die Rubrik „Justiz und Gesellschaft“ wandern ließ.

          „Ohne Zweifel der Höhepunkt meiner Karriere“, schreibt er, der ihm, wie seinem Erfinder nach dessen Satz vom Islam als der „dümmsten Religion“, Strafanträge von muslimischen Vereinen und Bombendrohungen einbringt und viel, viel Geld. Akribisch zählt er sein wachsendes Millionenvermögen auf. Eigentlich sind seine Spott-Themen ja ausschließlich die Weltbeherrschungsthemen Sex und Geld, aber der einfache Erfolg, den man mit Religionsbeschimpfungen erzielt, ist einfach zu verlockend. „Gleich zu Beginn kam ich auf den Nahost-Konflikt zu sprechen - ein Thema, mit dem ich in den Medien schon ein paar schöne Erfolge erzielt hatte“, schildert er gut gelaunt sein eigenes Programm.

          Kühle Verzauberung

          Und sonst schildert er nur eins: die Liebe. Die Erinnerung an seine erste Frau wischt er schnell schlecht gelaunt beiseite, er kann sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, warum er sie einmal geheiratet hat, aber dann, nach dem Beginn seines Erfolges, lernt er die Liebe kennen. Isabelle ist Chefredakteurin des körperbetonten Jungmädchenmagazins „Lolita“, und die beiden erleben miteinander das große Glück zu zweit. Und man muß sagen, daß Michel Houellebecq seine Körperbeschreibungskunst, seine Rücksichtslosigkeit, seine Präzision und seine kühle Verzauberung beim Beschreiben des weiblichen und mitunter auch des männlichen Körpers und die Beschreibung der Momente ihrer vollkommenen Verschmelzung noch einmal erweitert und perfektioniert hat. Irgendwann beschließt die Traumfrau Isabelle, sie sei zu alt für Daniel, ihr Körper werde schlaff, sie wünsche, daß er sich neu verliebe. In eine andere Frau.

          Und Daniel trauert, wartet, trauert weiter, bis er endlich Esther findet. Zweiundzwanzig, praktisch unbekleidet, sorglos, willig, wunderschön. „Wie alle hübschen Mädchen war Esther im Grunde nur zum Vögeln da, und es wäre absurd, etwas anderes von ihr zu erwarten“, schreibt Houellebecq, und man kann den kleinen gescheitelten Mann mit der ewigen Zigarette und dem wächsernen Gesicht förmlich kichern sehen, den runden Kopf zwischen die Schultern gezogen, als er diesen Satz aufgeschrieben hat.

          Das Alter ist gnadenlos

          Und die beiden, Esther und Daniel, tun also dies eine, für das die schönen Mädchen allein bestimmt sind, und sein Glück scheint endlich vollkommen, doch auch er wird vom Altern aus der Bahn geworfen. Er ist Mitte Vierzig, in ihrem ganzen Freundeskreis ist keiner über Mitte Zwanzig. Er geht mit ihnen aus, und er wird sie verlieren. Das Alter ist gnadenlos: „Seit zehn Minuten hatte ich eine irrsinnige Lust, ihnen zu sagen, daß auch ich diese Welt gern kennenlernen, mich mit ihnen amüsieren und die Nacht durchmachen wollte; ich war bereit, sie anzuflehen, mich mitzunehmen. Doch dann sah ich zufällig mein Gesicht in einem Spiegel und kapierte: Ich war hoch in den Vierzigern, mein Gesicht war sorgenvoll und starr, von Lebenserfahrung, Verantwortung und Kummer gezeichnet: ich sah wirklich nicht wie jemand aus, mit dem man Lust haben könnte, sich zu amüsieren. Ich hatte keine Chance.“

          Das ist die große Kunst von Michel Houellebecq. Die Ehrlichkeit, die Präzision, die Schonungslosigkeit, die Wahrheit seines Schreibens. Der heilige Ernst und seine große, große Traurigkeit. Die Unausweichlichkeit von allem.

          „Die Möglichkeit einer Insel“ ist ein Roman über das Unglück des Alterns. Neben allen Thesen vom Ende der Religionen und dem Traum vom neuen Menschen, von Nietzsche und vom Ende der Liebe ist es vor allem anderen dies: ein Buch der Angst. In seinen Visionen wird in naher Zukunft eine Selbstmordwelle durch die Welt gehen, der die meisten Frauen über vierzig und die Männer über fünfzig zum Opfer fallen. Die Lücke zwischen dem totalen Körperkult der Gesellschaft und der Unmöglichkeit der Liebe ist für keinen mehr zu schließen.

          Der Mann, der alle Tabus gebrochen hat, schreibt: „Der Altersunterschied war das letzte Tabu, die äußerste Grenze, die dadurch, daß sie die letzte blieb und alle anderen ersetzt hatte, besonders massiv war. In der modernen Welt konnte man Swinger, bisexuell, transsexuell, Sodomit oder Sadomaso sein, aber es war verboten, alt zu sein.“

          Und auch der neue Mensch ist in dem Buch kein Ausweg mehr. Die gesuchte Insel gibt es nicht. Die mögliche Insel ist eine Illusion.

          Michel Houellebecq: „Die Möglichkeit einer Insel“. Roman. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. DuMont, Köln 2005. 380 Seiten, 22,90 Euro.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.08.2005, Nr. 33 / Seite 23

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