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Michael Jeismann Mein Lieblingsbuch: „Der Rausch“

09.08.2004 ·  „Der Rausch“ von Nagib Machfus liest sich zunächst wie ein Roman von Philip Roth. Das Schönste an diesem Buch ist, daß man die arabische Welt und einiges mehr nicht mehr nur durch einen Schleier sieht.

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Es ist wie ein zugeflogener Vogel, wie eine Begegnung im Zug und manchmal ein echter Glücksfall: das Buch, das ich geschenkt bekomme. Es ist das Buch, zu dem ich selbst nicht gefunden hätte, weil ich nicht auf die Idee gekommen wäre, es zu suchen, und es ist zugleich das Buch, das mich finden mußte. Das geschenkte Buch ist verläßlich, denn über kurz oder lang stellt sich immer das eine Buch ein, nach dem man suchte, ohne es zu wissen.

Versammelte man die geschenkten Bücher, die wirklich Geschenke waren, auf einem Regal, besäße man eine autobiographische Bibliothek, in der jeder Band eine Erinnerung an uns selbst bewahrte. Ich denke an diese Bücher wie an liebe Freunde, die ich nach vielen Jahren wiedertreffe, als sei nur ein Tag vergangen: Hugo von Hofmannsthals "Deutsches Lesebuch" zum Beispiel oder das große Larousse-Wörterbuch Deutsch-Französisch, dessen wichtigste Worte für mich auf dem Vorblatt stehen. Es sind Bücher darunter wie Klaus Vondungs "Kriegserlebnis", mit denen ich mich wie in einer gelehrten Reisegesellschaft auf einer Expedition befand, oder Haruki Murakamis "Gefährliche Geliebte", in dessen Kapsel jenes halluzinogene Gift eingeschlossen ist, das sehend und blind zugleich macht.

Wie Philip Roth

Das jüngste Geschenk und mein derzeitiges Lieblingsbuch ist "Der Rausch" von Nagib Machfus. Es liest sich zunächst wie ein Roman von Philip Roth: Omar al-Hamzawi ist ein erfolgreicher Anwalt in den mittleren Jahren, er hat eine liebe Frau und Kinder, die ihm Freude machen, aber er fühlt sich wie abgestorben, tot. In ihm lebt nur noch eine Sehnsucht, die nach dem erlösenden Rausch, der er durch viele Irrwege folgt, bis er schließlich vor der neuen ägyptischen Staatsmacht unter Nasser und im Bankrott seiner Ideale endet.

Daß die midlife crisis doch keine amerikanische Erfindung ist, lernt man hier nur nebenbei. Das Schönste an diesem Buch ist, daß es menschliche Tiefe und geschichtliche Erfahrung so ineinander aufgehen läßt, daß man die arabische Welt und einiges mehr nicht mehr nur durch einen Schleier sieht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2004, Nr. 183 / Seite 29
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