05.10.2011 · Einübung in recht verschiedene Formen, sich die eigentliche Wirklichkeit vorzustellen: Michael Hampe philosophiert mit vier Stimmen und versucht die Natur zu bestimmen.
Von Helmut MayerDas Wörtlein „eigentlich“ nimmt sich recht unscheinbar aus. Tatsächlich aber ist es von erstaunlicher Effizienz. Manchmal tritt es sogar als eine Art metaphysischer Königsmacher auf. Zum Beispiel in der Versicherung, dass es zwar zweifellos viele Gegenstände und Phänomene in der Welt gebe, es aber doch eigentlich nur auf ganz bestimmte ankomme, die eigentlich wirklichen, aus denen sich die übrigen dann ergeben sollen: etwa die Gegenstände, die von der Physik als halbwegs elementar traktiert werden. Oder etwas raffinierter: bestimmte Strukturprinzipien, die im zugehörigen Theorieapparat entscheidende Rollen spielen. Oder auch ein wenig allgemeiner: mathematische Entitäten, ohne die sich diese Theorien gar nicht formulieren lassen.
Wobei diese Kandidaten einer eigentlichen Wirklichkeit unterhalb der vertrauten Erscheinungen darauf hinauslaufen, die Natur als gesetzmäßige Ordnung vor Augen zu stellen. Nach dem Motto: Da wir offensichtlich über die Schnittstellen Wissenschaft und Technik einen erstaunlich geregelten Umgang mit einer ansonsten eher unübersichtlichen Natur pflegen können - unsere eigene eingeschlossen -, muss dieser Umstand doch auch ein Fundament in der Sache selbst, eben in dieser Natur haben. Auf diese Weise tritt Natur als gesetzmäßig strukturierter Zusammenhang auf den Plan, dem wir mit mehr oder weniger Glück, aber doch mit wachsendem Erfolg auf die Spur kommen.
Aber es bleibt natürlich die Frage, ob man aus dem Umstand, dass wir (meist) ziemlich erfolgreich mit der Annahme solcher Gesetzmäßigkeit operieren, zur Vorstellung übergehen sollte, die Natur selbst würde gleichsam von sich aus haargenau auf diesen unverändert gesetzmäßigen Wegen unterwegs sein.
Wissenschaft und Technik können uns über diesen Punkt kein Licht aufstecken: Behauptungen über „die Natur“ als Ganzes sind naturgemäß immer ein metaphysischer Überschuss. Und in diesem Fall ein heikler obendrein, denn wenn wir uns selbst als Naturwesen ins Spiel bringen, die wir ja zweifellos auch sind, kommen wir schnell in kaum mehr aufzulösende Verlegenheiten: nämlich begreiflich machen zu müssen, dass wir offensichtlich über diese Natur doch auch irgendwie hinausragen - und sei es mit dem Nachweis, dabei einer Illusion zu erliegen.
Das allein kann schon als guter Grund gelten, sich die dahinterstehende Übertragung einer - überdies schon etwas angejahrten - Arbeitsmetaphysik der Naturwissenschaften auf „die Natur“ selbst zu ersparen. Aber leicht ist dieser Versuchung nicht unbedingt zu widerstehen, denn sie speist sich aus gut sedimentierten Traditionen. Vermutlich hat nicht einmal der Aufstieg der Lebenswissenschaften daran viel geändert, in denen mit rigiden mathematischen Fundierungen eigentlich kaum mehr Staat zu machen ist. Es braucht da vielleicht Lockerungsübungen, nicht nur die Dekonstruktion metaphysischer Überschüsse, sondern auch das Erproben alternativer naturphilosophischer Wege.
Der Philosoph Michael Hampe, der an der ETH Zürich lehrt, hat dazu bereits einige Anregungen gegeben, von Arbeiten über die sperrige Naturphilosophie Alfred North Whiteheads bis zur Skizze einer Geschichte des Naturgesetzbegriffs. Dass Letztere mit Überlegungen zur Bedeutung des Pragmatismus schloss, war dabei kein Zufall, sondern schlug ein zentrales Motiv an: die Gesetzmäßigkeit von Naturabläufen nicht als ablesbaren tiefen Sachverhalt zu nehmen, sondern als Erzeugung von Regelmäßigkeiten (und ihren Gegenständen) anhand genau dafür präparierter Naturausschnitte zu verstehen - und deshalb auch keinesfalls auf „die Natur“ als Ganzes zu übertragen, was immer man unter diesem großen Singular auch verstehen möchte.
Nun ist Michael Hampe auf diesem Weg noch einige Schritte weiter gegangen. Nicht in akademischer Form, sondern ähnlich wie schon in seinem letzten Buch über Glücksvorstellungen in Form einer mehrstimmigen Präsentation, auf die ein erläuternder Essay folgt. Diesmal allerdings sind die verschiedenen Stimmen enger geführt, wofür Hampe auf die literarische Tradition der Totengespräche zurückgreift, mit Finesse überdies, denn gerade die Merkwürdigkeit des unweltlichen Orts, an dem die Toten einander begegnen - sonst selbstverständliche Ausstattung des Genres -, führt gleich hinein in die Auseinandersetzungen darüber, was eigentlich unter „natürlich“, der „Natur“ und ihren „Gesetzen“ zu verstehen sei.
Vier Stimmen verstricken sich in diese Debatte. Da ist der Physiker - in dessen Part das Credo eines szientifischen Hardliners wie Steven Weinberg einfließt -, der mit Emphase die eigentliche, nämlich mathematisch verfasste Wirklichkeit unter der illusionären Oberfläche unserer Alltagswelt behauptet. Auf untereinander unterschiedliche Weise halten die drei anderen Stimmen dagegen und bringen dafür Positionen von recht idiosynkratischen Autoren ins Spiel: des schon genannten Mathematikers und Philosophen Alfred North Whitehead, des philosophierenden Biologen Adolf Portmann und des Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend.
Wohin es Michael Hampe bei der Inszenierung des Gesprächs zieht, lässt sich leicht erraten. Er hält es mit den Gegenstimmen und lässt sie in der Vorstellung eines Naturzusammenhangs konvergieren, der nicht durch tiefliegende, exakt und unabhängig von unserem Handeln geltende Gesetze reguliert ist, sondern vielmehr als Verkettung von unwiederholbaren Einzelereignissen und den aus ihnen bestehenden Geschichten auftritt. Nicht diese zufällig anmutenden Geschichten sind dann die bloß scheinhafte Oberfläche einer darunterliegenden, von Kontingenz unberührten Natur. Sondern umgekehrt: Die essentielle Gesetzesnatur ist der Effekt einer Abstraktion von den konkreten Ereignissen, die eine Wirklichkeit aufspannen, welche genaugenommen durch und durch partikular und historisch ist.
Diese Stoßrichtung macht auch klar, warum Hampe das auf den ersten Blick etwas exotisch anmutende Tunguska-Ereignis als Diskussionsstoff für seine vier Stimmen wählt: die Explosion oder Folge von Explosionen, die am 30. Juni 1908 in Sibirien ein großes Gebiet verwüstete. Der Einschlag eines Asteroiden wird zwar meist als wahrscheinliche Erklärung dieses Ereignisses herangezogen, aber angesichts spärlicher und nicht eindeutiger Befunde bleiben bis heute Spielräume für andere Erklärungen, nüchterne oder auch eher verstiegene.
Damit ist gleich von Beginn an ein Naturereignis im Spiel, das sich zwar zuerst als Kuriosum darstellt, aber im Fortgang der Debatten ganz gute Chancen erhält, weniger als Ausnahme denn als Regelfall genommen zu werden. Samt dem Zugeständnis, dass man das unerklärbare, in diesem Sinn wunderbare Ereignis durchaus als Grundtypus der Ereignisse ansehen könnte, aus denen das Gewebe der Welt, samt ihren Gesetzen, hervorgeht.
Denkbar weit tragen also diese Totengespräche. Nicht im Sinn strikten Argumentierens, sondern in Form der Einübung in den Abschied von einem Naturbegriff, der immer noch auf resoluten Beistand des Common sense bauen kann. Aber das „Ende der Natur“, von dem der Titel spricht, meint bei Hampe nicht nur diesen Abschied. Es geht gleichzeitig auch darum, Natur als Kontrastbegriff, als eindeutig gegen Kultur und Technik abgrenzbares Residuum zu entzaubern - in Koalition mit der modernen Wissenschaftsforschung.
Der auf das Gespräch folgende Essay dreht sich nicht zuletzt um die Kontrastierung von natürlichen und kulturellen Anteilen in uns selbst. Eine Entgegensetzung, die einerseits nicht mehr überzeugen kann, weil die engen Verflechtungen der vermeintlich reinlich voneinander zu scheidenden Sphären unübersehbar hervortreten; die aber andererseits auch nicht einfach einzuziehen ist, will man nicht einem illusionären Naturalismus das Wort reden. Wir bräuchten, schreibt Hampe deshalb einmal, eine „Genealogie der behauptenden Rede, die zeigt, wie das menschliche Behaupten und Begründen im Leben der Menschen entsteht“. Das liefe, mit Wittgenstein gesprochen, auf eine Naturgeschichte von uns selbst als Kulturwesen hinaus. Die Natur hätten wir dann tatsächlich in dem Sinne hinter uns, dass sie als Kontrastbegriff für unsere Selbstbeschreibung weitgehend ausfiele.
Wie und ob sich eine solche Geschichte erzählen lässt, steht freilich in den Sternen. Die Frage mag zu groß sein, aber sie ist eine von jenen, vor denen man steht, wenn es um die Konturen eines ausweisbaren Naturbegriffs geht. In Michael Hampes Buch kann man sich, ohne einschüchternde Philosophenterminologie befürchten zu müssen, gut mit ihnen vertraut machen.