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Michael Hampes „Tunguska oder Das Ende der Natur“ : Könnte Natur sein, was kein Wesen hat?

Bild: Verlag

Einübung in recht verschiedene Formen, sich die eigentliche Wirklichkeit vorzustellen: Michael Hampe philosophiert mit vier Stimmen und versucht die Natur zu bestimmen.

          Das Wörtlein „eigentlich“ nimmt sich recht unscheinbar aus. Tatsächlich aber ist es von erstaunlicher Effizienz. Manchmal tritt es sogar als eine Art metaphysischer Königsmacher auf. Zum Beispiel in der Versicherung, dass es zwar zweifellos viele Gegenstände und Phänomene in der Welt gebe, es aber doch eigentlich nur auf ganz bestimmte ankomme, die eigentlich wirklichen, aus denen sich die übrigen dann ergeben sollen: etwa die Gegenstände, die von der Physik als halbwegs elementar traktiert werden. Oder etwas raffinierter: bestimmte Strukturprinzipien, die im zugehörigen Theorieapparat entscheidende Rollen spielen. Oder auch ein wenig allgemeiner: mathematische Entitäten, ohne die sich diese Theorien gar nicht formulieren lassen.

          Kaum mehr aufzulösende Verlegenheiten

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Wobei diese Kandidaten einer eigentlichen Wirklichkeit unterhalb der vertrauten Erscheinungen darauf hinauslaufen, die Natur als gesetzmäßige Ordnung vor Augen zu stellen. Nach dem Motto: Da wir offensichtlich über die Schnittstellen Wissenschaft und Technik einen erstaunlich geregelten Umgang mit einer ansonsten eher unübersichtlichen Natur pflegen können - unsere eigene eingeschlossen -, muss dieser Umstand doch auch ein Fundament in der Sache selbst, eben in dieser Natur haben. Auf diese Weise tritt Natur als gesetzmäßig strukturierter Zusammenhang auf den Plan, dem wir mit mehr oder weniger Glück, aber doch mit wachsendem Erfolg auf die Spur kommen.

          Aber es bleibt natürlich die Frage, ob man aus dem Umstand, dass wir (meist) ziemlich erfolgreich mit der Annahme solcher Gesetzmäßigkeit operieren, zur Vorstellung übergehen sollte, die Natur selbst würde gleichsam von sich aus haargenau auf diesen unverändert gesetzmäßigen Wegen unterwegs sein.

          Wissenschaft und Technik können uns über diesen Punkt kein Licht aufstecken: Behauptungen über „die Natur“ als Ganzes sind naturgemäß immer ein metaphysischer Überschuss. Und in diesem Fall ein heikler obendrein, denn wenn wir uns selbst als Naturwesen ins Spiel bringen, die wir ja zweifellos auch sind, kommen wir schnell in kaum mehr aufzulösende Verlegenheiten: nämlich begreiflich machen zu müssen, dass wir offensichtlich über diese Natur doch auch irgendwie hinausragen - und sei es mit dem Nachweis, dabei einer Illusion zu erliegen.

          Das allein kann schon als guter Grund gelten, sich die dahinterstehende Übertragung einer - überdies schon etwas angejahrten - Arbeitsmetaphysik der Naturwissenschaften auf „die Natur“ selbst zu ersparen. Aber leicht ist dieser Versuchung nicht unbedingt zu widerstehen, denn sie speist sich aus gut sedimentierten Traditionen. Vermutlich hat nicht einmal der Aufstieg der Lebenswissenschaften daran viel geändert, in denen mit rigiden mathematischen Fundierungen eigentlich kaum mehr Staat zu machen ist. Es braucht da vielleicht Lockerungsübungen, nicht nur die Dekonstruktion metaphysischer Überschüsse, sondern auch das Erproben alternativer naturphilosophischer Wege.

          Der Philosoph Michael Hampe, der an der ETH Zürich lehrt, hat dazu bereits einige Anregungen gegeben, von Arbeiten über die sperrige Naturphilosophie Alfred North Whiteheads bis zur Skizze einer Geschichte des Naturgesetzbegriffs. Dass Letztere mit Überlegungen zur Bedeutung des Pragmatismus schloss, war dabei kein Zufall, sondern schlug ein zentrales Motiv an: die Gesetzmäßigkeit von Naturabläufen nicht als ablesbaren tiefen Sachverhalt zu nehmen, sondern als Erzeugung von Regelmäßigkeiten (und ihren Gegenständen) anhand genau dafür präparierter Naturausschnitte zu verstehen - und deshalb auch keinesfalls auf „die Natur“ als Ganzes zu übertragen, was immer man unter diesem großen Singular auch verstehen möchte.

          Entschlüsselung im Dialog

          Nun ist Michael Hampe auf diesem Weg noch einige Schritte weiter gegangen. Nicht in akademischer Form, sondern ähnlich wie schon in seinem letzten Buch über Glücksvorstellungen in Form einer mehrstimmigen Präsentation, auf die ein erläuternder Essay folgt. Diesmal allerdings sind die verschiedenen Stimmen enger geführt, wofür Hampe auf die literarische Tradition der Totengespräche zurückgreift, mit Finesse überdies, denn gerade die Merkwürdigkeit des unweltlichen Orts, an dem die Toten einander begegnen - sonst selbstverständliche Ausstattung des Genres -, führt gleich hinein in die Auseinandersetzungen darüber, was eigentlich unter „natürlich“, der „Natur“ und ihren „Gesetzen“ zu verstehen sei.

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