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Michael Ende Sehnsucht nach Lummerland

30.08.2005 ·  Michael Ende war der Mythenschöpfer der alten Bundesrepublik. Jetzt ist der Nachlaß des Mannes, der Jim Knopf und die „Unendliche Geschichte“ erfand, im Literaturarchiv in Marbach zu sehen.

Von Volker Weidermann
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Große, grüne Kisten stapeln sich im Humboldt-Saal des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, auf der Schiller-Höhe. Leere Stuhlreihen blicken auf eine dunkle Bühne. Und im Rücken der Stühle, auf den Tischen am Fenster, da stehen diese Kisten. Der Nachlaß von Michael Ende ist darin, der Nachlaß des Mythenschöpfers der alten Bundesrepublik, das, was von seinem Schreiben übrigblieb.

Vor zehn Jahren ist er gestorben, der Mann, der uns „Jim Knopf“ geschenkt hat und „Momo“ und die „Unendliche Geschichte“ - nun sollen Kinder in einer öffentlichen Veranstaltung den Nachlaß ihres Erzählers selbst entdecken. Eine kleine Gruppe von Zehnjährigen durfte schon mal vorauspacken, erstprüfen und -lesen und sich wundern. Davon gibt es einen Film, in dem man die fünf kleinen Philologen mit weißen Handschuhen Papier um Papier behutsam aus diesen Kisten ziehen sieht.

Ein Mädchen, das eine Kiste mit Leserpost von Kindern geöffnet hat, stöhnt und sagt: „Wenn ich einmal Schriftsteller werde, möchte ich nicht so viele Briefe bekommen.“ Ein Junge hat die Kiste mit Briefen von erwachsenen Lesern geöffnet und klagt bitter über deren Langweiligkeit. Ein anderer sucht die ganze Zeit nach dem Ende der „Unendlichen Geschichte“. Das muß doch irgendwo hier sein. Endlich findet er das letzte Blatt und zwischen den Nachlaßforschern entspinnt sich sogleich ein ausführliches Gespräch über das Wesen der Unendlichkeit, das, viele Thesen später, leider ergebnislos abgebrochen werden muß.

Geschichten für Kinder

Michael Ende ist heute so populär wie damals, als er noch lebte. Seine Bücher verkaufen sich so gut wie damals, da hat kein „Harry Potter“ etwas dran ändern können. Über zwanzig Millionen Bücher wurden bisher verkauft, und täglich werden es mehr. Kleine Kinder heißen heute noch immer fast alle Lukas, und zwar natürlich nach jenem Lokomotivführer, dem der kleine Jim Knopf im Paket zugestellt wurde, beziehungsweise, der ihn an sich nahm, weil eine Frau Malzahn, an die die Sendung adressiert war, auf der Insel nicht bekannt war. Und so werden heute auch jede Menge kleine Fans erwartet, im Humboldt-Saal in Marbach, wenn die Kisten des Lebens und des Schreibens Michael Endes erstmals öffentlich geöffnet werden.

Ich darf schon mal vorher schauen. Was hat er zurückgelassen? Wie ist Lummerland entstanden? Das Traumreich der gut geführten sozialdemokratischen Monarchie, unter König Alfons, dem Viertel-vor-Zwölften, der den ganzen Tag im Schlafrock aus rotem Samt in seinem Schloß thront und telefoniert und seine Untertanen gut regiert. Herrn Ärmel, der so gern spazierengeht und von dem es heißt, „er war hauptsächlich Untertan und wurde regiert“, und Frau Waas, die in ihrem kleinen Laden Liebesperlen und Lederhosen verkauft. Und natürlich Lukas, der mit seiner Lokomotive Emma die Schienen des Inselreiches befährt und in den Tunnels Lieder pfeift. Und an Feiertagen zeigt sich der König um Viertel vor zwölf am Fenster und winkt, und sein Volk jubelt und wirft die Hüte in die Luft. - Oh, ich habe mich verloren, also wo finde ich jetzt etwas zu Jim Knopf? In welcher grünen Kiste mag Lummerland wohl stecken?

Verstecktes Zitat

Hier, aha, da sind doch schon mal Briefe, ja, in großer Kinderschrift steht da, „Lieber Michael Ende“, und daneben tanzt ein selbstgemalter Frosch auf einer Wäscheleine, „der Brief ist von Leonie Kraus. Sei nicht verwundert, daß der Brief mit Inky geschrieben ist. Ich bin nämlich schon in der zweiten Klasse namens 2c“, dann ist der Brief schon aus, und als Abschiedsgruß ist ein fröhliches Gesicht gemalt und daneben ein weinendes, und das ist durchgestrichen, und der Ende-Philologe entdeckt natürlich sofort das versteckte Zitat, weil das natürlich aus dem Abschiedsbrief stammt, den Jim Knopf an seine Ziehmutter Frau Waas geschrieben hat, als er zusammen mit Emma und Lukas die Insel verlassen mußte, weil sie zu klein geworden war für sie alle und sie jetzt alle diese Abenteuer erleben mit Herrn PiPaPo, dem Oberbonzen, und so.

Hier, in dieser grünen Kiste sind die ersten Dramen Michael Endes, die er schrieb, kurz nach dem Krieg. „Juli 48“ steht mit dicker, schwarzer Tinte auf dem schwarzen Pappumschlag, Ende war damals 19 Jahre alt, und der Titel „Dem die Stunde drängt“. Der Titel war nun wirklich nur sehr knapp an Hemingway vorbei, das Stück selbst verfehlte ihn deutlicher, in hohem Pathoston streitet der „Heilige“ mit dem „Verhüllten“ auf dünnem Matritzenpapier mit blauer Schrift. Das Stück wurde nie aufgeführt. Es stammt aus der Zeit, als Ende seine Schauspielausbildung an der Münchner Falckenbergschule begann und Bertolt Brecht bewunderte, wie alle jungen deutschen Schriftsteller damals. Bei Ende dauerte das allerdings nur so lang, bis er ihn einmal selbst bei Proben erlebte. Seine herrische, kalte, arrogante Art verschreckte den jungen Ende.

Trotzdem bemühte er sich noch lange Jahre an Theaterstücken in der Brecht-Nachfolge. Erfolge hatte er damit nie. Er arbeitete dann erst mal als Filmkritiker beim Bayerischen Rundfunk, bis er auf der Straße einem alten Schulfreund begegnete, der ihn so im Vorübergehen fragte, ob er nicht drei, vier Seiten Text für ein Bilderbuch beisteuern könne. Ende sagte Ja, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb: „Das Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, hieß Lummerland und war nur sehr klein.“ Mehr, so hat er später immer wieder versichert, war am Anfang nicht da. Keine Ahnung, wie das weitergehen konnte, wohin das führen sollte, aber er schrieb und schrieb, 900 Seiten voll, statt nur drei. Die Verlage, denen er das Manuskript sandte, lehnten alle ab, bis auf den kleinen Thienemann-Verlag, der damit sein Glück machte - und das von Ende. Es war ein Riesenerfolg, sofort, und Ende, dem damals gerade eine Räumungsklage ins Haus stand, konnte in seiner Wohnung wohnen bleiben.

Märchen gegen Kapitalismus

So, wo sind jetzt diese 900 Seiten, verflixt. Hier noch mehr Leserzuschriften, aha, ein Sträußchen aus buntem Papier als Dank, hier wieder ein Kinderbrief, „Dein Buch hat mir gefallen. Schade. Dein Buch ist bald leer. Aber Dein Buch kann man ja wieder nachkaufen, all die schönen Bücher, die Bücher, die Du geschrieben hast.“ Und hier das Expose und Manuskript zu „Momo“, das er schrieb, als er nach Italien gezogen war, in die Villa Gentano, südlich von Rom.

Es war fast eine Flucht, denn in Deutschland mußte man sich damals engagiert zeigen, politisch und schreibend über das Schreiben nachdenken. Eskapismus warf man einem wie Ende vor. Er machte es wahr und flüchtete. Hier schrieb er „Momo“, das Märchen von den Zeitdieben, von den grauen Herren mit den Zigarren, den kalten Kapitalisten. Gar nicht eskapistisch eigentlich, hochpolitisch, für den, der zu lesen versteht. Im Expose scheint die Geschichte schon fertig konzipiert. Nur die Idee mit der Zeitsparkasse kam ihm wohl erst später. Das Manuskript ist voller Streichungen. Alle Adjektive mußten raus. Auf der Rückseite von Blatt 83 stehen handschriftlich in großen Buchstaben die Sätze: „Wenn ihr bereit seid, uns zu helfen, dann wird die ganze Zeitnot, die über die Menschen gekommen ist, ein Ende haben. Meint ihr nicht, daß es sich dafür zu kämpfen lohnt? Er machte eine Pause und die Kinder klatschten Beifall.“ Und das Ende, den Panzer der Schildkröte Kassiopeia, auf dem „Ende“ aufleuchtet, das hat er auch schon ins Manuskript gemalt, erst jetzt fällt mir auf, daß das ja ein schönes Finale sein muß, für jemanden, der „Ende“ heißt.

Und es gibt noch viel zu finden, in diesen grünen Kisten. Am Schlußsatz der „Unendlichen Geschichte“ - „Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden“ - hat er länger herumgestrichen und probiert, als man meinen würde. In einer anderen Kiste sind die Briefe, in denen Ende gegen die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ ankämpft. Was für ein aufreibender Kampf ist das gewesen. Jedem Leser teilt er mit, wie schauderhaft der Film sei, daß man den nicht sehen dürfe, daß ein solcher Film genau jene leeren Löcher in die Phantasiewelt reiße, gegen die das Buch geschrieben sei. Und Leser beschimpfen Ende, daß er die Filmrechte verkauft habe und daß es verboten werden müsse, Phantasiewelten wirklich werden zu lassen.

Mythen für Deutschland

Es gibt Briefe und Aufzeichnungen, die Michael Endes Ringen um Anerkennung dokumentieren, bis zuletzt. Wo er immer wieder mit wildem Spott dagegen polemisiert, daß die sogenannte Kinder- und Jugendliteratur nicht ernst genommen werde, daß sie „vom großen Geist der wissenschaftlichen Aufklärung nur lächelnd geduldet“ werde in einem der „verachtetsten Reservate“ unserer Gegenwartskultur. Er schäumt: „Kein renommierter Literaturkritiker läßt sich dazu herab, über diese Art von Literatur von Büchern öffentlich und ernsthaft seine Meinung abzugeben.“ Er scheint sehr darunter gelitten zu haben, nicht ernst genommen zu werden in dem Land, dem er die neuen Mythen schenkte, neue, ewige Geschichten. Es wäre sicher eine Genugtuung für ihn gewesen, seinen Nachlaß hier, in diesen grünen Marbach-Kisten, zu sehen, in denen sonst nur die Heiligen Schriften der deutschen Nationalkultur verwahrt werden. Ende gehört jetzt endlich dazu.

Schade nur, daß Jim Knopf hier fehlt. Aber - oh, was ist denn das? Ein kleines, altes Rätselheft, eine schwarzweiße Illustrierte, die Ende ein Leben lang aufhob, und darin ist markiert diese Geschichte: „Wie heißt der Lokomotivführer?“, darunter eine Zeichnung, die der Lummerland-Familie zum Verwechseln ähnelt. Man muß sich durch ein Rätsel hangeln - die Frage bleibt: „Wie heißt der Lokomotivführer?“. Die Antwort erfährt man, wenn man das Heft auf den Kopf stellt, die Antwort lautet: „Schmidt“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.08.2005, Nr. 34 / Seite 23
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