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Mexikanisch-amerikanische Grenze : Hier herrscht die Kunst der Konflikte

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Die Fotografin und Friedensaktivistin Raechel Running an der Grenze in Agua Prieta. Bild: Stefan Falke

Der Fotograf Stefan Falke hat entlang der mexikanisch-amerikanischen Grenze Künstler fotografiert, die mit ihren Werken den Befestigungswall zwischen den beiden Ländern aufweichen wollen.

          Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs steht kaum eine Grenze so sinnbildlich für alle Grenzen der Welt wie jene zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko: Sie zieht sich von San Diego und Tijuana bis nach Brownsville und Matamoros; 3144 Kilometer liegen zwischen den beiden Doppelstädten, jeweils eine auf amerikanischer und auf mexikanischer Seite. Auf der Landkarte trennt sie nur eine dünne Linie. In der Wirklichkeit stehen zwischen beiden Seiten bewaffnete Patrouillen, Kontrollposten, Zäune, Mauern. Das Grenzgebiet gilt als gefährlich, dominiert von Drogenkriegern und Schleuserbanden. Jede Woche sterben Mexikaner beim Versuch, in das vermeintlich gelobte Land zu kommen, in dem sie sich die Erfüllung ihres persönlichen amerikanischen Traums erhoffen.

          Dass diese Region auch ganz andere Seiten hat, zeigt der Fotograf Stefan Falke mit seiner Fotoreportage „La Frontera“, für die er Künstler auf beiden Seiten der Grenze porträtiert hat. „Mich interessieren nicht die Themen, die schon da sind“, sagt Falke, „sondern die Frage: Was gibt es dort noch? Ich wollte die kulturelle Seite einer Region darstellen, die in den Medien sonst nur negativ bedacht wird, das zeigen, was sonst zu kurz kommt.“

          Ein eigenes Land, in dem unvereinbare Welten verwischen

          Im Jahr 2008 reiste Falke zum ersten mal nach Tijuana, die für illegale Drogen und Prostitution berühmt-berüchtigte Ortschaft an der Grenze zu Kalifornien. „Ich hatte wahnsinnige Angst, habe Blut geschwitzt, obwohl mir nie etwas passiert ist“, erinnert er sich. Er hatte einen einzigen Kontakt zu einer Künstlerin im Ort, Marta Palau. Sie nahm sich ein paar Tage Zeit, um ihn herumzuführen und anderen Kulturschaffenden vorzustellen. Die seien begeistert gewesen, dass da einer komme, der einmal nicht Leichen fotografieren wolle.

          Dem ersten Besuch folgten drei weitere in Tijuana, dann erst entwickelte sich allmählich die Idee, die gesamten 3144 Kilometer abzufahren. Über Jahre bereiste Falke die Grenze in Teilstücken, immer dann, wenn es zeitlich und finanziell möglich war: „Ich habe gemerkt: In jeder Stadt finde ich tolle Künstler.“ Die Grenze ist dabei immer weiter in den Hintergrund gerückt: „Mein Interesse an der physischen Grenze hat sich verlagert auf die Region. ,La Frontera‘ ist im Grunde ein Land, das dreitausend Kilometer lang und hundert Meter breit ist.“

          Stefan Falke zeigt den Alltag in diesem Land. Auf seinen Fotos sieht man Hip-Hopper, Architekten, Graffiti-Sprüher, Tänzer, Komponisten, Schriftsteller, Videokünstler, Schauspieler. Man sieht ihre Kunst und immer auch einen Schnipsel aus ihrem Leben: ihre Küche, ihre Familie, ihre Nachbarschaft. Manche arbeiten in Ateliers, im Hintergrund erkennt man eine gutbürgerliche Wohnsiedlung. Andere arbeiten auf der Straße, wo sie die Wände grauer, trister Viertel mit schreiend bunten Graffiti besprühen.

          Mitglieder der Reggae- und Ska-Band „Cantamo“ am Grenzzaun in Tijuana.

          Viele der Fotos sind nun in einem Buch erschienen. Texte zeitgenössischer mexikanischer Autoren ergänzen dieses so völlig andere Bild der Grenze. Einer der Autoren, David Toscana, sieht in der Gegensätzlichkeit der Region eine besondere Inspiration: „Diese Welt, geprägt von Gewalt und Kontrasten, ist geladen mit Geschichten, von denen sich die Schriftsteller angezogen fühlen. Ohne Konflikte gibt es keine Kunst. Diese Grenze fordert uns als Künstler heraus, wir nähren uns vom Leid. Natürlich muss man sich immer auch fragen: Romantisieren wir diese Grenze?“

          Falke widersteht der Versuchung, „La Frontera“ zu romantisieren. Die Gewalt, die Armut, die Verzweiflung ist in den Werken einer ganzen Reihe von Künstlern präsent, ein Teil ihres Lebens - aber eben auch nur ein Teil. Die widrigen Lebensumstände, die Konflikte werden zum Katalysator für ihre Kunst - auf beiden Seiten der Grenze. So weichen die Mauern auf, werden porös und auf einmal doch überwindbar.

          Ana Maria Cruz alias Ana Formismo vor einem ihrer Graffiti in Ciudad Juarez.

          Wenn man den Bildband durchblättert, dann achtet man bald nicht mehr darauf, ob das Foto nun einen mexikanischen Künstler zeigt oder einen amerikanischen, und auf welcher Seite der Grenze es aufgenommen wurde - dann ist man wirklich in „La Frontera“, diesem eigenen Land, in dem die beiden so unvereinbar scheinenden Welten verwischen. Viele der Künstler leben auf der einen, arbeiten auf der anderen Seite. „Kultur kann man nicht durch eine Mauer stoppen, sie ist halt doch grenzenlos“, sagt Stefan Falke.

          In „La Frontera“ sind die Übergänge zwischen hier und dort so fließend die der Rio Grande, der einen Großteil der Grenze markiert. In diesem Land der Künstler und Grenzgänger hat Stefan Falke, sobald er aufgehört hatte Blut zu schwitzen vor Angst, Geschichten gefunden, die ihn über Jahre nicht losgelassen haben. „Es war ein Privileg, diese Leute zu treffen“, sagt er, „die ihre Studios, Häuser und Herzen für mich geöffnet haben.“

          La Frontera

          La Frontera - Die mexikanisch-US-amerikanische Grenze und ihre Künstler“ von Stefan Falke. Mit literarischen Texten mexikanischer Autoren. Edition Faust, Frankfurt 2014. 232 Seiten, zahlreiche Farbfotografien. Gebunden, 38 Euro.
          Arbeiten von fünf der mexikanischen Künstler zeigt die Frankfurter Galerie Art Virus bis 31. Juli.
          Einige von Falkes Fotografien sind in Frankfurt im Generalkonsulat von Mexiko und dem Instituto Cervantes ausgestellt; bis 30. Juni.

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