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Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Meine Meinung (1) Peter Handke

26.11.2006 ·  Er ist unzufrieden mit der neuen Sachlage. Zwar hat Peter Handke mit der „Suhrkamp-Kultur“ nie etwas im Sinn gehabt, doch mit der Gewissenhaftigkeit eines ordentlichen Kaufmanns haben Käufe und Verkäufe nichts gemeinsam.

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Es gehört sich wohl, daß ich nun doch auf Ihre Fragen zum Suhrkamp-Verlag und zu den neuen Mitgesellschaftern eine Antwort versuche. Erst einmal wird sicher keiner der „prominenten“ Autoren des Verlags die neue Sachlage und, vor allem, die Art, wie diese zustande kam, begrüßt haben - es sei denn ein Autor, der grundsätzlich jeden Krieg begrüßte. Was mich betrifft, so stimme ich mit Michael Krüger überein: „Mich ergreift das blanke Grausen.“

Nicht gegen Kauf und Verkauf. Aber die Weise, in der da verkauft und gekauft wurde und in der danach von seiten des Verkäufers wie auch des Käuferpaars aufgetreten wurde, ist Licht-, nein Finsterjahre entfernt von der Gewissenhaftigkeit eines ordentlichen Kaufmanns - ein schönes Wort aus nicht nur dem deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch. Allein schon die vollkommene Gewissenlosigkeit von Verkäufer und Käufer ist ungesetzlich. Und mit ihren faulig-mauligen Sprüchen nach dem Unter-der-Hand-Kauf haben sich die Beteiligten endgültig disqualifiziert.

Nichts mit der „Suhrkamp-Kultur“ im Sinn gehabt

Mit der sogenannten „Suhrkamp-Kultur“ - schreibt man das so? - habe ich nie etwas im Sinn gehabt, aber mit vielen, vielen Büchern, ob theoretischen, praktischen, poetischen, fragenden, antwortenden des Verlags - mit einer Sprachhaltung, eben mit Gewissenhaftigkeit, ob das Roland Barthes war oder Peter Weiss. Und es scheint mir sogar befreiend, daß die Suhrkamp-Kultur endlich verweht ist und es nur (nur?) noch alle die Bücher von früher und jetzt im Verlag gibt, offenbare Schätze noch und noch, und dazu zahllose halbverborgene und verborgene - die letzteren vielleicht das Haupt- oder Dauerkapital meines Verlags.

Und wie die Literatur weitergeht und -zieht, jenseits gleich welcher „Kultur“, ist zum Beispiel nachzulesen (ich las und las und las all diesen Herbst jetzt lang) in dem Buch „Rehe am Meer“ von Ralf Rothmann, in dem Buch „Wie weiter“ von Angela Krauß und in ähnlicher Weise in dem Buch „Nahe Jedenew“ des jungen Kevin Vennemann, edition suhrkamp, und wird weiter und weiter nach- und vorzulesen sein.

Laßt Ulla B. zum Lesen zurückkommen

In den achtziger Jahren gab es „bei uns“ in Österreich ein Wahlplakat mit dem Spruch „Laßt Kreisky und sein Team arbeiten!“ Also: Laßt Ulla B. zum Lesen zurückkommen. Und zumindest lehrreich wird bleiben das Einbrechen der beiden Hamburger Gröfaze in den Filigranschatzladen der Wörter, der Bücher, der Literatur, als die Symbolfiguren der Epoche jetzt: Gab es vorher die Epochen der Barbaren, dann die Epochen der Degenerierten usw., so herrscht heute, das wird an dem Pärchen klar, wenn auch nicht sonnenklar, die Epoche der degenerierten Barbaren. Lehrreich? Ich würde mir ein anderes Lehrstück wünschen.

Und so grüßt Sie,
Peter Handke

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 25
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