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Veröffentlicht: 27.06.2014, 14:22 Uhr

Mein liebster Buchladen (1) Kaufen Sie Ihre Bücher etwa immer noch im Netz?

Online bestellen geht schnell, ist aber öde. Beim Buchhändler spielt das wahre Literaturleben. Schriftsteller wissen das und stellen uns in den nächsten Wochen ihre Lieblingsbuchhandlungen vor. Zu Beginn geht es nach Long Island.

von Louis Begley
© Bastienne Schmidt Paradies für Bücherfreunde: Die Buchhandlung Canio’s in Sag Harbor auf Long Island.

Meine amerikanische Lieblingsbuchhandlung ist „Canio’s“ in Sag Harbor, New York. Aus meiner Sicht hat sie eine ideale Lage, genau gegenüber dem Stand der „tomato lady“, wo diese stämmige würdevolle Yankee-Farmerin die schmackhaftesten Tomaten der Welt zu den vernünftigsten Preisen verkauft; nur einen Kilometer südlich vom Dorfzentrum mit dem American Hotel und dem Sag Harbor City Cinema, das aussieht, als sei es aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts übrig geblieben.

Von unserem Haus in Sagaponack sind es vier Kilometer bis zur Buchhandlung, meine Frau bewältigt die Strecke mit dem Fahrrad, ich nehme das Auto. Heute hat Sag Harbor nicht einmal zweieinhalbtausend Einwohner, die Sommergäste und pensionierten Intellektuellen - Sag Harbors Haupteinnahmequelle - erinnern an die langhaarigen, bebrillten und streitsüchtigen Gestalten auf Ed Korens und Roz Chasts Karikaturen im „New Yorker“.

Aber in seiner Blütezeit - ungefähr vom letzten Viertel des achtzehnten bis in die dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts - war der Ort ein wichtiger Hafen, der, gemessen an der Tonnage der Schiffe, die dort vor Anker gingen, zu Zeiten sogar New York City übertraf, und eine Anlaufstelle für Walfangflotten. Das unaufhaltsame Abgleiten in abgewirtschaftete Eleganz begann um das Jahr 1840 herum, als man Lampen mit Petroleum betrieb statt mit Tran, Walöl, und der Walfang nicht mehr lukrativ waren.

Dann wurden viele der schönsten Bauten Sag Harbors bei einem Brand zerstört. Zwar sind ein paar wunderbare Häuser von Schiffskapitänen erhalten geblieben, aber seit ungefähr sechzig Jahren ist Sag Harbor ein geistiges und ästhetisches Äquivalent der Upper West Side Manhattans im Miniaturformat.

Lesung Louis Begley © ddp images/Thomas Lohnes Vergrößern Louis Begley

Canio Pavone, ein Dichter, Linguist, Gelehrter und Dozent, eröffnete „Canio’s“ 1980 im Erdgeschoss eines weißen Schindelhauses, das vorher einen Secondhandladen beherbergt hatte. Seit 1999 sind Kathryn Szoka, eine begabte Berufsfotografin, und die Schriftstellerin Maryann Calendrille, ihre Lebenspartnerin, für die Buchhandlung zuständig. Canio Pavone selbst ist immer noch häufig da, vertritt Kathryn und Maryann, wenn sie ein, zwei Tage verreist sind, und organisiert einige der Veranstaltungen, die für die Einzigartigkeit der Buchhandlung mit seinem Namen sorgen.

Sein Workshop über Dantes „Göttliche Komödie“ zum Beispiel ist dieses Jahr ausverkauft. Seine Erfindung, die Marathon-Lesung aus „Moby Dick“, fand zehn Jahre lang immer am Labor-Day-Wochenende statt. Sie wurde aufgegeben, als am Ende mehr Zuhörer zusammenströmten, als der Laden fassen konnte.

Lächeln Sie, wenn  Sie Bücher sehen?

Während der Sommersaison jedes Wochenende und im Winter nicht ganz so oft gibt es unter Maryanns Regie Lesungen von Roman- und Sachbuchautoren und Lyrikern - viele davon wohnen in den Hamptons -, und alle paar Wochen eröffnet Kathryn Ausstellungen mit kleinformatigen Gemälden, anderen Arbeiten auf Papier und Fotografien. Bei „Canio’s“ ist immer Betrieb, aber es ist weder ein Ort zum Kaffeetrinken noch ein Single-Treff, vielmehr ein Paradies für Bücherfreunde.

29869849 © Bastienne Schmidt Vergrößern Seit 1999 führen die Fotografin Kathryn Szoka und die Schriftstellerin Maryann Calendrille die Buchhandlung

„Canio’s“ ist vom Boden bis unter Dach gefüllt mit zeitgenössischer Literatur und Klassikern, Bildbänden, gebrauchten Büchern und Sammlerstücken (auch Erstausgaben) und hat für jeden Leser mit Geschmack etwas zu bieten. Das heißt nicht, dass gerade erschienenen Bestsellern ein Platz auf den Büchertischen am Eingang sicher wäre. Wie alles andere bei Canio’s spiegelt auch das Angebot alter und neuer Bücher Maryanns und Kathryns Kunstverstand. Alles, was sie nicht auf Lager haben, bestellen sie gern und bewahren es auf, bis man wiederkommt, was manchmal Wochen dauern kann.

Und lässt man den Blick über die Regale mit den gebrauchten Büchern schweifen, findet man garantiert das Juwel, das man, ohne es vorher zu wissen, immer schon unbedingt hätte lesen oder wiederlesen wollen. Wie gut eine Buchhandlung ist, lässt sich mit einem einfachen Test feststellen: Lächeln Sie, wenn Sie die Bücher sehen? Ich schmunzele von einem Ohr zum anderen, sobald ich über „Canio’s“ Schwelle trete.

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Aber machen wir uns nichts vor. „Canio’s“ gehört zu einer vom Aussterben bedrohten Art. Eine Schande für Sag Harbor, dass es dort inzwischen die einzige Buchhandlung ist. Das „Paradise Café“, zu einem Drittel Buchladen und zu zwei Dritteln Restaurant, hat die Bücherabteilung vor ein oder zwei Jahren aufgegeben. Letztes Jahr haben meine Frau und ich entsetzt festgestellt, dass „Sag Harbor BookHampton“, Teil einer Minikette mit Filialen auch in Southhampton, East Hampton und Mattituck, von einem neuen Geschäft für teure Küchengeräte und Tischwäsche verdrängt worden war.Warum? Der Eigentümer von BookHampton hat es erklärt: Als der Mietvertrag für die Filiale in Sag Harbor erneuert werden musste, verlangte der Vermieter das Dreifache der ursprünglichen Miete.

29869846 © Bastienne Schmidt Vergrößern Ausstellungen und Lesungen, im Canio’s herrscht immer reger Betrieb.

„Canio’s“ kann sich halten, weil die Betriebskosten extrem niedrig sind, auf der Gehaltsliste nur Kathryn und Maryann stehen, weil die Vermieterin bis jetzt barmherzig - oder vernünftig - war und weil wir Kunden, lauter Roz-Chast- und Ed- Koryn-Gestalten, den beiden Damen treu bleiben. Mit gutem Grund: Kathryn und Maryann lieben Bücher und Autoren und Fotografen und Maler und verstehen es, „Canio’s“ nicht nur für Sag Harbor, sondern für das gesamte East End Long Islands zu einem lebenswichtigen Zentrum des Kulturlebens zu machen.

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