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„Mein Kampf“-Edition : Hitler ist „catchy“

Lieber über- als unterkommentiert: Weißraum in der Neuausgabe von „Mein Kampf“. Bild: dpa

An der Universität Heidelberg ist die Neuausgabe von „Mein Kampf“ Seminarstoff. Wie begegnen Studenten diesem Buch?

          Die kritische Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ ist zum Bestseller avanciert, und während man noch diskutiert, ob sie auch im Schulunterricht eingesetzt werden sollte, liegt sie in einem Seminarraum der Universität Heidelberg schon auf dem Pult: zwei massive Bände in Leinen, mit Blindprägung des Titels und Lesebändchen. Blickt man hinein, fällt sofort auch die typographische Leistung ins Auge: Mehrere parallel gedruckte Textkolumnen wecken Erinnerungen an literarische Mammut-Ausgaben von James Joyce oder Arno Schmidt. Ist diese Edition also, gemessen an ihrem prekären Gegenstand, immer noch „zu schön“ – oder ist diese Frage nachrangig?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          In dem Seminar für Editionswissenschaft, zu dem er als Gast geladen war, diskutiert der Historiker Christian Hartmann, federführender Herausgeber der Ausgabe, mit Studenten. In seinem Team habe es tatsächlich Skrupel gegeben, Hitlers Hetzschrift zu behandeln „wie einen Hölderlin-Text“. Man habe sich viele Gedanken über die Ausstattung gemacht und sich schließlich für schlichtes Grau entschieden. Der feste Einband sei aber schon rein pragmatisch geboten: Eine einfache Broschur etwa hätte man bei dem Gewicht der Tausenden von Seiten der kommentierten Edition nur dreimal aufschlagen müssen, dann wäre sie gebrochen.

          Die Laternenpfähle vollhängen

          Zur Typographie enthält die Ausgabe einen eigenen Essay des Gestalters Rudolf Paulus Gorbach, der im Einzelnen erklärt, wie man sich von Typographie und Satz der historischen Prachtausgaben von „Mein Kampf“ deutlich abzuheben versucht. Was den Studenten auch sofort auffällt, sind große Weißräume auf manchen Seiten und die starke Absetzung jeder einzelnen Kommentarstelle. Hartmann ergänzt dazu: Man habe „Luft und Raum schaffen wollen in einem Buch, das oft den Atem nimmt“.

          Damit ist man beim inhaltlichen Prinzip der Edition: Sie ist bekanntlich eine solche „mit Standpunkt“, die nicht nur Hitlers Grammatikfehler, sondern auch seine sämtlichen Denkfehler und Falschbehauptungen widerlegen will. Was das heißt, sehen die Studenten am Beispiel eines Kommentars. Hitler schreibt in Bezug auf die revolutionären Unruhen in Deutschland nach 1918 über „von der roten Meute“ zerfetzte Kadaver an Laternenpfählen. Der Kommentar erläutert, dass solche Lynchjustiz für diese Zeit aber gar nicht belegt sei, vielmehr habe es nur diffuse Ängste vor dem aus der französischen Revolution bekannten „Laternisieren“ in der Bevölkerung gegeben, die durch radikale Parolen geschürt wurden – und weist dann nach, dass Hitler selbst diese Ängste schürte, indem er einmal in Bezug auf die Juden sagte: „Bevor nicht die Laternenpfähle vollhängen, wird keine Ruhe.“

          Das Zitat stammt aus dem 1924 von Hitlers Vertrautem Georg Schott veröffentlichten „Volksbuch vom Hitler“, und Schott ergänzte sogar noch: „Gewiss, lieber Freund, das hat Hitler gesagt. Hoffentlich verursacht dir der Gedanke keine Zustände.“ Die Aufdeckung, dass Hitler das, was er kritisierte, in Wirklichkeit selbst propagierte, sei für ihn eine „Sternstunde des Edierens“ gewesen, erzählt Hartmann den Studenten; für solche Anmerkungen habe sich das Unternehmen schon gelohnt.

          „Quatsch“

          Nach ihren Lektüreeindrücken der Edition gefragt, äußert eine Studentin, sie finde es gut, dass man Hitlers Text nie frei für sich allein, sondern immer nur umringt und durchsetzt von Kommentaren zu lesen bekommt. Ein anderer sagt, die – vermutlich aus der Überarbeitung von Rudolf Heß hervorgegangenen – Kolumnentitel auf den Seiten seien schon ziemlich „catchy“ formuliert: ein Indiz für die manchmal allzu pauschal abgewiesene Ansicht, dass „Mein Kampf“ eben doch auch rhetorisches Geschick aufweist?

          Ein Student fragt dann noch, warum eigentlich so häufig der Einwurf „“ hinter die „blöden Stellen“ in Hitlers Text gedruckt worden sei, das habe er als störend empfunden. Hartmann räumt ein, dass sich daran der eminent politische Charakter der Edition erweise. Da muss man an den Witz des Satiremagazins „Titanic“ denken, das als Karikatur der kommentierten „Mein Kampf“-Ausgabe einige Fußnoten abbildete, die alle jeweils nur den lapidaren Kommentar „Quatsch“ enthielten.

          Einen didaktischen Überschuss fürchtet Hartmann aber wohl nicht. Lieber eine Über- als eine Unterkommentierung, das sei die Maxime dieser Edition gewesen, die, womöglich bald übersetzt, auch für Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen verständlich sein soll, und dies auch noch in einigen Jahren – um einen selbstbewussten und angstfreien Umgang mit dieser „unseligen Hinterlassenschaft“ zu gewährleisten, so Hartmanns Appell.

          Quelle: F.A.Z.

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