http://www.faz.net/-gqz-91i0g

Jugendbuchautorin Meg Rosoff : Ich habe schon tausend Leben geführt

  • -Aktualisiert am

Als Paula Defoe 1966 „Goldlöckchen“ spielte, brauchte sie einige Phantasie, um sich vor diesen Bären zu fürchten. Bild: Getty

In einer Gesellschaft, die der Phantasie zutiefst misstraut, werden Kreativität und Künste systematisch aus dem Bildungssystem entfernt. Es ist Zeit, dass wir uns dagegen wehren. Eine Rede an junge Leser.

          Ich möchte euch ein Märchen erzählen: Es war einmal ein kleines Mädchen namens Goldlöckchen. Eines Tages ging sie in einem sehr dunklen Wald spazieren. Es dauerte nicht lange, da stieß sie auf eine schöne Hütte. Nun, eigentlich war es eher eine Grube. Nein, genau genommen, war es auch keine Grube – eher ein schmaler, in die Erde gegrabener Tunnel, der zu einer matschigen Höhle führte. Goldlöckchen klopfte an den Eingang des Tunnels, und als niemand aufmachte, kroch sie tief und tiefer in die Höhle hinein. Auf dem Tisch in der Küche entdeckte sie drei Schüsseln mit Brei.

          Gut, wir wollen ganz genau sein: Es gab keinen Tisch und keine Küche, weil Bären nicht über die feinmotorischen Fähigkeiten verfügen, um Küchenzeilen oder Möbel zu bauen. Darum sieht man auch nie einen Bären, der eine Spülmaschine einräumt oder Schach spielt. Auch die Schüsseln mit Brei entsprechen nicht der Wahrheit – Bären mögen nämlich keinen Brei und können außerdem nicht kochen. In Wirklichkeit entdeckte Goldlöckchen die verwesenden Überreste von drei Kaninchen.

          „Dieses Kaninchen schmeckt auch eklig!“

          Goldlöckchen war sehr hungrig. Also probierte sie das erste. „Dieses Kaninchen schmeckt eklig!“, sagte sie. Sie probierte das zweite Kaninchen. „Dieses Kaninchen schmeckt auch eklig!“, sagte sie. Sie probierte das dritte Kaninchen. „Dieses Kaninchen schmeckt noch ekliger!“, sagte sie und aß lieber das Käsesandwich, das sie mitgebracht hatte. Es schmeckte sehr gut. Nach dem Essen wurde sie müde. Also legte sie sich in das erste Bett. Obwohl es, um genau zu sein, kein Bett war. Es war ein Laubhaufen vermischt mit Matsch und Bärenexkrementen. Dann legte sie sich in das zweite Bett, das nicht viel besser war. Schließlich legte sie sich in das dritte Bett, ein weiterer Laubhaufen vermischt mit Matsch und Bärenexkrementen, und schlief ein.

          Während sie schlief, kamen die drei Bären nach Hause und krochen durch den Tunnel in die enge Höhle. „Brumm“, brummte Papa Bär, der unheimlich schwer war und sehr lange, scharfe Krallen hatte. Er sagte nicht: „Jemand hat von meinem Brei gegessen“, weil Bären natürlich nur Bärensprache sprechen. „BRUMM“, brummte Mama Bär, die nicht ganz so schwer war, dafür aber Zähne hatte, die Menschenfleisch in Stücke reißen konnten. „Brummmm“, brummte der kleine Bär, der nicht so gefährlich war, aber von seinen Eltern genetisch so programmiert, sich bis auf den Tod zu verteidigen. In diesem Augenblick wachte Goldlöckchen auf, sah die drei Bären und schrie: „Hilfe, Hilfe, Hilfe!“ Doch es war zu spät. Sie fraßen sie auf. Ende.

          Meg Rosoff
          Meg Rosoff : Bild: dpa

          Viele Leute glauben, dass man ein Märchen so erzählt. Mit Fakten. Denn Fakten sind wahr, und eine auf Fakten basierende Erziehung ist, der britischen Regierung zufolge, für Studenten bei weitem hilfreicher, um später einen Job zu finden.

          Weitere Themen

          Die Unverzichtbaren Video-Seite öffnen

          Wahlspezial : Die Unverzichtbaren

          Deutschland wird nicht allein in Berlin gemacht. Die Menschen, ohne die nichts geht, arbeiten nachts oder in ihrer Freizeit, retten Leben oder den Freitagabend. Die F.A.S. erzählt 14 Geschichten über die Stützen der Gesellschaft. Ein Auszug.

          Topmeldungen

          Wahlparty der AfD im Berliner Traffic Club

          AfD im Bundestag : Die Jagd ist eröffnet

          Der Erfolg der AfD ist eine Zäsur. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik ist eine Partei im Parlament vertreten, die sich rechts der Union positioniert. Alexander Gauland kündigt als dritte Kraft eine harte Opposition im Bundestag an.

          SPD-Wahldebakel : Der schlimmste Tag

          Für die SPD ist es das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die Partei will sich nun nach der vierten Wahlniederlage seit 2005 rundum erneuern. Eine Konsequenz aus dem Desaster nehmen die Genossen jedoch fast erleichtert auf.

          Schwaches Wahlergebnis für CSU : Seehofers Debakel

          Die Christsozialen gehen mit einem der schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte in die nächste Legislaturperiode. Doch das kommt für die CSU nicht unerwartet: Horst Seehofer hat sich bereits vorher abgesichert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.