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Prosa : Der Schrei des zahmen Vogels

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Isaak Lewitan (1860 bis 1900), ein enger Freund des Schriftstellers und Arztes Anton Tschwechow, huldigt in seinen Landschaftsbildern dem zart verqueren Charme der zentralrussischen Provinz: 1900 malte er „Sommerabend“. Bild: Picture-Alliance

In der Hauptstadt ist es peinlich, kein Geld zu haben, hier ist es praktisch die Norm: Anekdoten aus der russischen Provinz, wo das Private über den Interessen der Gesellschaft steht.

          Die Provinz - ein Haus, warm, etwas dreckig, aber meins. Es gibt auch einen anderen Blick auf sie, von außen, oberflächlich, der wird dafür von vielen, die unfreiwillig - durch Geburt oder weil die Sowjetmacht sie auf eine Pflichtarbeitsstelle setzte - hierher gelangt sind, geteilt: Provinz heißt Matsch, Finsternis; dass dort Unglückliche leben, ist noch das Schmeichelhafteste, was man über sie sagen kann.

          Der Schrei eines Hahns vertreibt das Böse, das über Nacht an Kraft hinzugewonnen hat.

          Ein Morgen im Krankenhaus. Auf dem Bett liegt ein magerer, nach Zigarettenrauch riechender Mann, ein Lastwagenfahrer, keineswegs ein zahmer Vogel, er hatte einen Herzinfarkt. Das Schlimmste ist überstanden, nun schaut er zu, wie sein Zimmergenosse, ein halbwegs obdachloser Alter mit einer am Handgelenk eintätowierten blauen Sonne, was oft bedeutet, dass er Wachmann im Straflager war, behandelt wird. Ein elektrischer Schlag - und der Herzrhythmus normalisiert sich. „Dem Opa geht es besser, er atmet schon seltener“, witzelt der Chauffeur hinter der Trennwand. Wir wechseln Blicke miteinander. Ob ihm erlaubt werden wird, wieder Bus zu fahren? Ein akuteres Problem besteht freilich darin, dass verhindert werden muss, dass seine Gattin und jene andere Frau - die ihm, zum Entsetzen jener, Grillfleisch mitbringt - im Krankenzimmer einander begegnen. Der Fahrer durchschaut auch mich zum Teil, sogar ziemlich gut: Wildgeflügel besitzt nämlich einen guten Spürsinn.

          Es ist ein klares Bestreben, nicht nur die eignen Angehörigen zu lieben, die Hausgenossen, sondern im weiteren Sinn die Menschen und den Ort. Dafür muss man sich erinnern, genau hinschauen, aber sich auch etwas ausdenken.

          Zum Beispiel solche Kindheitseindrücke: Mein Vater und ich machen eine weite Wanderung durch die Hitze. Ein Dorf, der Durst ist schrecklich. Vater klopft an die Tür eines fremden Hauses, bittet um Wasser. Die Hausherrin sagt: Wir haben kein Wasser, sie bringt uns aber kalte Milch. Wir trinken und trinken, viel, wahrscheinlich anderthalb Liter. Vater will der Hausfrau Geld geben, doch die zuckt nur mit den Schultern und sagt ohne jeden Gesichtsausdruck: „Liebes, du hast sie wohl nicht alle?“

          Der Ort: Jeder ist auf seine Art anziehend, der mittlelrussische Nichtschwarzerdestreifen umso mehr. Es fällt so leicht, für diese Landschaft zu schwärmen, ebenso leicht kann eine Frau einen Versager lieben! „Ja, wir lieben diese Klippen“, heißt es in der norwegischen Nationalhymne. In unserer Nationalhymne wird auch die Geographie besungen, von den südlichen Stränden bis zum Polarkreis, über die sich unsere Wälder und Felder erstrecken, was angesichts solcher Dimensionen freilich fast unanständig klingt. Aber die Nationalhymne wurde von anderen verfasst, von der Obrigkeit, nicht von freien Vögelchen.

          Noch eine Erinnerung: Ich bin achtzehn Jahre alt, fahre Auto, einen alten Saporoschez, den allerbilligsten Kleinwagen, dessen Motor im Kofferraum steckt. Plötzlich steigen aus dem Hinterteil Rauchschwaden auf, gleich gibt es ein Unglück, eine Explosion. Die Leute auf dem Gehsteig - geht zur Seite, gleich knallt’s! „Mach’s auf“, sagt da ein ungefähr dreißig Jahre alter Passant, er nimmt einen Lappen, löscht damit mit größter Geduld und Seelenruhe langsam das Feuer. Danach geht er einfach weg. Noch jemand, der nicht zur Gattung Hausgeflügel gehört.

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